Kriminalistische Odyssee

James N. Frey weist den Weg zu einem "verdammt guten Kriminalroman"

Von Jörg von BilavskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg von Bilavsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Er heißt Forest Volsner, wiegt fast drei Zentner, ist verheiratet und jähzornig. Er ist Besitzer einer Bar und Hilfssheriff in der Stadt Nowhere im Bundesstaat Montana. Aus Habgier und Angst hat er vor mehreren Jahren einen Mann umgebracht und kam ungeschoren davon. Doch der Bruder des Ermordeten entdeckt sein Geheimnis. Als sich ihm eine günstige Gelegenheit bietet, erschlägt Volsner den Mitwisser und lenkt den Verdacht auf einen Dritten ...

So könnte der Mörder, das Motiv und die Tat in einem verdammt guten Kriminalroman aussehen, wenn es nach James N. Frey geht, dem erfolgreichen Dozenten für "Kreatives Schreiben" und Autor des neuesten Leitfadens für angehende Krimiautoren. An diesem Beispiel entwickelt er seine Theorie vom spannungsgeladenen Krimi und regt zum Weiterspinnen eigener Geschichten an. Doch wer einen verdammt guten Kriminalroman schreiben möchte, braucht auch eine eigene verdammt gute Idee, einen verdammt guten Plan und verdammt viel Kreativität beim Entwickeln seiner Figuren und Plots. Und zu guter Letzt eine "verdammt gute Prosa".

Am Anfang aller Überlegungen steht jedoch der Leser. Nur wer dessen Nerven und Gerechtigkeitsempfinden zu kitzeln, dessen Identifikationsbedürfnis mit dem Helden zu stillen weiß und dabei noch realistisch bleibt, kann mit Aufmerksamkeit beim Publikum rechnen. So weit Freys allgemeine Tipps, bevor er sein eigentliches Erfolgsrezept verrät. Man nehme als Vorbild für einen Ermittler den antiken Helden aus der griechischen Mythologie und schicke ihn auf eine kriminalistische "Odyssee".

Der Held erhält den Ruf zum Abenteuer (Tatort), zieht in ein fremdes Land (Milieu), wo er auf die Probe gestellt wird (falsche Fährten), archetypischen Gestalten begegnet (Verdächtigen und Helfern) und den Bösewicht (Mörder) im Interesse der friedliebenden Gemeinschaft zur Strecke bringt. Wenn der Befund des Schweizer Psychoanalytikers C. G. Jung zutreffen sollte und mythologische Denkschemata nach wie vor im menschlichen Unterbewusstsein verankert sind, muss der angehende Krimiautor sich auch diese "Tatsache" zunutze machen.

Auf dieser Helden-Theorie beruhen denn auch alle weiteren Kapitel. Die Nebenfiguren werden von Frey ebenso wie der Plot (Fünf-Akt-Schema mit den dramaturgischen Komponenten Geheimnis, Bedrohung, Konflikt und Überraschung) auf dem mythologischen Reißbrett entworfen und mit den Attributen und Werten der Gegenwart versehen. Am Schluss - wie kann es anders sein - siegt der ermittelnde Held dank seiner schärfsten Waffe, der Vernunft. "Glück, Zufall oder Intuition" dürfen in einer "aufgeklärten" Gesellschaft keine Rolle spielen.

Wer sich Freys literaturpraktischer "Mythologie der Vernunft" anschließt, seine dreidimensionale Figurenzeichnung (physische, soziologische und psychologische Ebene) und handlungsstrukturierenden Stufendiagramme anwendet, kann vielleicht ein guter Mainstream-Autor werden, der mit entliehenen Techniken arbeitet, ohne aber wirklich Schöpferisches zu leisten. Ein Blick auf die derzeitigen Bestsellerlisten zeigt, wie erfolgreich sein Konzept adaptiert wird. Kathy Reichs und Konsorten produzieren in Anlehnung an dieses Schema konfektionierte Massenware. Krimiautoren wie Norman Green ("Total illegal") hingegen, die mit literarischen Konventionen und Charakteren experimentieren und zu einer eigenen Sprache finden, geben dem Genre neue Impulse.

Frey hat sein Buch dem Andenken an Raymond Chandler gewidmet. Den pädagogischen Rat seines bewunderten Vorbilds hat er mit diesem "Standardwerk zum Schreiben von Kriminalromanen" wohl bewusst ignoriert: "Die Leute, denen von Gott oder der Natur bestimmt ist, Schriftsteller zu werden, finden ihre eigenen Antworten, und denen, die fragen müssen, ist einfach nicht zu helfen. Sie möchten einfach nur gern Schriftsteller sein, das ist alles." Und für Letztere wird Freys vierter Ratgeber auch ein willkommener Halt sein.

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N. James Frey: Wie man einen verdammt guten Kriminalroman schreibt. Von der Inspiration bis zum fertigen Manuskript: eine schrittweise Anleitung.
Emons Verlag, Köln 2005.
269 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-10: 3897053683

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