Be Bop und Klassenkampf

Josef Škvorecky: Wie der Jazz in Böhmen einer ganzen Generation auf die Beine half

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Jazz-Legende Dave Brubeck beschrieb in einem Gespräch den Jazz als Symbol, als Stimme der Freiheit: "Stalin verbat Jazz, weil er dachte, daß diese Musik lediglich die Dekadenz der Bourgeoisie abbilde. Für Hitler war Jazz Negermusik und Spiegel einer Gesellschaft von Bastarden. Das zeigt, wie sehr Diktatoren den freien Ausdruck fürchten".

Der 1924 geborene Schriftsteller Josef Škvorecký hat als junger Jazzbegeisterter die Protektoratszeit in seiner ostböhmischen Heimatstadt Náchod erlebt. In vielen seiner Erzählungen und Romane findet sich dieses Städtchen unter dem Namen Kostelec wieder und auch der jugendliche Held Danny Smirický ist unschwer zu erkennen. Die vorliegende Sammlung von Jazz-Geschichten reiht sich in Škvoreckýs Erzähltradition ein. Als Schauplatz dient das Städtchen Kostelec oder auch Prag. Aus der Sicht eines jugendlichen Ich-Erzählers werden seltsame Begebenheiten erzählt, die letztlich von nichts Geringerem als dem Lauf der Welt berichten. Komisches und Tragisches liegen nah beieinander, für reinen Klamauk waren die Zeiten zu ernst.

Das Porträt der Sängerin Suzi Braun in "Eine kleine Jazzmusik" endet somit mit mehreren Toten. In der Novelle "Das Basssaxophon" gerät der jugendliche Erzähler, ohne es eigentlich zu wollen, als Mitspieler in eine deutsche Band: "Lothar Kinze mit seinem Unterhaltungsorchester". Ein bislang noch nie gesehenes Basssaxophon hatte es ihm angetan und bei allen Wendungen und Wirren dieser Novelle findet er sich immer wieder bei diesem Basssaxophon, das er abwechselnd mit einem "riesigen Bischofsstab", einem "Waschzuber voller Grünspan", einer "Riesenkanne" oder dem "silberglänzenden Hals eines Plesiosaurus" vergleicht: "Ich langte in den Koffer, zog es zu mir heran, so wie man einem Kranken helfen würde, sich aufzusetzen. Und es richtete sich vor mir auf zu voller Größe. Ein Aggregat aus kräftigen, versilberten Drähten, vereinigt zu Geflecht, Getriebe, Gestänge, Baugruppen einer gigantischen, scheinbar vollkommen sinnlosen Maschinerie, dem Patent eines verwirrten Erfinders". Der erste und einzige Auftritt in dieser gespenstischen Formation gerät zum Fanal, als der nationalsozialistische Ortsgruppenleiter den jungen Spieler davonjagt.

Die Verfolgung des Jazz durch politische Größen setzt sich in den "Geschichten eines Tenorsaxophonisten" fort - allerdings unter dem politischen Vorzeichen einer revolutionären Arbeiter- und Bauernmacht. Ein bunter Reigen von Erzählungen schildert den Alltag im tschechoslowakischen Stalinismus als ein Leben mit der Lüge, der Korruption und eines wie Mehltau das Land überziehenden Zynismus. Der jugendliche Ich-Erzähler und seine Jazzfreunde sind etwas älter geworden. Geblieben ist die grenzenlose Liebe zur Jazzmusik und der unablässige und zumeist vergebliche Versuch, politischen Widrigkeiten aus dem Weg zu gehen: "Doch ich war ein verdächtiges Element mit Sympathien für den Westen, weil man von meinen Aktivitäten in Zetkas Swingband wußte und weil ich Idiot in bunten Socken zum Kadergespräch erschien". Es wird von Liebesintrigen erzählt, von geprellten Ehemännern, verhafteten Hasardeuren und desillusionierten Beziehungen. Der Jazz wird von einem unbarmherzigen grauen Alltag zurückgedrängt. Das Regime fordert seinen Tribut und wer sich Unterwerfungsgesten widersetzt, kommt in Bedrängnis und bleibt letztendlich isoliert. "Bull Máchas Ende" schildert die gesellschaftlichen Grenzen, an die ein unangepaßter Jazzer stößt. Sein innerlicher Stoßseufzer, wieder und wieder hervorgestoßen, gerät zur traurigen Parodie: "Aber mich verbiegen die nicht! Mich nicht!".

"Richard Kambalas Bebop" endet mit dem tragischen Selbstmord des Flügelhornisten Richard Kambala und der Autor widmet ihm diese Erzählung als Nachruf. Vor seinem schrecklichen Ende fand er sich mit den ahnungslosen Musikern auf der Bühne wieder, "der Knabe mit dem Fagott speichelte seine Blättchen ein, der Drummer fing an, leise übers Becken zu wischen, und dann begannen sie und ließen sich fallen. Und sie fielen so rapide, daß allen Anwesenden flau im Magen wurde. Dabei verirrten sich zumeist keine feingeistigen Philosophen hierher, nur hartgesottene Hipster mit ihren durchaus oberflächlichen Freundinnen. Die Band befand sich im freien Fall. Fiel in großen Sekunden und in verminderten Quarten, tiefer und immer tiefer, ohne sich zu rühren und die Leute im Lokal hatten aufgehört zu quatschen, gafften nur und lauschten".

Jazz als ein existenzialistischer Sound, zeitlos wie die vorliegenden Erzählungen.

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Josef Skvorecky: Das Baßsaxophon. Jazz-Geschichten.
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jiri Holy.
Übersetzt aus dem Tschechischen von Andreas Tretner, Marcela Euler und Kristina Kallert.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
364 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3421052506

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