Besuch in Italien

Laurent Gaudés neuer Roman "Die Sonne der Scorta"

Von Thorsten SchulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Schulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist, als ob der Geruch von Olivenöl aus den Seiten des neuen Romans von Laurent Gaudé "Die Sonne der Scorta" steigt. Wenn der Leser das Buch in die Hand nimmt, riecht er das Öl, und von der ersten Seite an strahlt ihm die erbarmungslose Sonnenglut Italiens entgegen. Gaudé entführt uns in die trockene, reglose Hitze des apulischen Dorfes Montepuccio, wo ehrliche Bauern in sengender Hitze Zigaretten rauchen und Olivenöl pressen.

"Die Sonne der Scorta" ist die etwas andere, fünf Generationen umfassende Familiengeschichte der Scorta, die in Montepuccio wohnen. Gewalt, Unterdrückung, Schmuggel und gleichzeitig der Glaube, die Liebe und harte Arbeit prägen das Leben der Scortas über Generationen hinweg. Dabei ist es ihr Schicksal, sich immer wieder nach oben kämpfen zu müssen - wenn nötig, auch mit Mord und Totschlag. Reichtum folgt auf Armut, und Armut folgt auf Reichtum.

Das Geld verschafft ihnen kurzfristig, aber immer wieder Respekt, so dass der auf dem Sterbebett liegende Rocco Scorta Mascalzone voller Bewunderung angesehen wird - er, der einst mordend und vergewaltigend durch die Straßen des Dorfs zog. Obwohl die Bewohner auf die Verbrechen spucken, können sie doch ihre Anerkennung für das Gold nicht unterdrücken. Rocco bäumt sich auf dem Sterbebett auf und betont ausdrücklich, er habe sein ganzes Leben getan, was er wolle. Dabei ist es doch auch das Schicksal der Scortas, für immer in Montepuccio bleiben zu müssen. Mit allen Kräften geplante Ausbruchsversuche scheinen grundsätzlich zum Scheitern verurteilt. Die geplante Ausreise nach Amerika beispielsweise endet schon an der Grenzkontrolle. In Montepuccio verteilen sie zwar eifrig das Gerücht, sie seien zurückgekommen, da sie ihre Mutter nicht allein lassen können, doch der Misserfolg an der Grenze macht deutlich: Die Scortas können ihrem Schicksal nicht entkommen. Sie tun, was sie wollen - in den engen Grenzen Montepuccios.

In einer Rezension von Katharina Bendixen im "Titel Magazin. Literatur und mehr" wurde behauptet, dass bei einer Familienstudie über 254 Seiten, die das Leben von fünf Generationen umfasst, tiefgründige Charaktere und nachvollziehbare Erzählstränge auf der Strecke bleiben müssen. Sie bezeichnet "Die Sonne der Scorta" als "Generationenstudie Light" und zieht dabei nicht in Erwägung, dass es dem bereits mehrfach ausgezeichneten Laurent Gaudé vielleicht genau darum gar nicht geht. Der Leser nimmt den Duft der Oliven und des Schweißes der Männer, die auf dem Feld arbeiten, wahr. Er glaubt, das schnelle Klopfen der Herzen der Eidechsen auf den trockenen Felsen zu sehen. Er genießt es, sich der heißen und leidenschaftlichen Atmosphäre hinzugeben. "Die Fülle des südlichen Lebens findet sich auf diesen 250 Seiten", urteilte daher auch Dr. Gerhild Götz aus dem Buchladen "Neuer Weg" in Würzburg in ihrer Kritik über das Buch.

"Die Sonne der Scorta" wurde 2004 mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet und stand wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste. Es lohnt sich, das Buch zu lesen und damit für einen Augenblick in die Hitze Italiens einzutauchen. Das Buch wärmt.


Titelbild

Laurent Gaude: Die Sonne der Scorta. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Angela Wagner.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005.
254 Seiten, 14,50 EUR.
ISBN-10: 3423244933

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