Der Augenblick des Schreibens

Kafkas Briefe und Tagebücher als Kunstform

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer glaubt, dass man vorbei an Kafkas literarischem Werk nur nach seinen so genannten Selbstzeugnissen zu greifen brauche und so seine Privatperson, den "Menschen" Franz Kafka zu fassen bekäme, der wird schnell eines Besseren belehrt. Auch und gerade der Brief- und Tagebuchschreiber Kafka besteht ganz aus Literatur, ist "nichts anderes und kann nichts anderes sein". Selbst in seinen Briefen und Tagebuchnotizen modelliert er unaufhörlich an seiner Figur, versucht er sie zu umschreiben und zu definieren, mit metaphorischen, parabolischen oder rhetorischen Kunstgriffen, machen ihn auch Leiden und Freude am Unvermögen der Sprache sprachmächtig. Dem Lebensgefühl einer sich immer mehr schließenden Ausweglosigkeit stemmt er sich entgegen, indem er auf jede Weise, aber schon mit dem Zweifel, ob es gelingen könne, sich seiner selbst zu vergewissern sucht. "Ich werde versuchen, allmählich das Zweifellose in mir zusammenzustellen, später das Glaubwürdige, dann das Mögliche usw."

Im Schreiben ging es ihm um die innere Selbstbehauptung gegenüber einem als übermächtig empfundenen Leben: "Das Tagebuch von heute an festhalten! Regelmäßig schreiben! Sich nicht aufgeben! Wenn auch keine Erlösung kommt, so will ich doch jeden Augenblick ihrer würdig sein".

Das Schreiben aber musste Kafka dem Leben erst abringen. Beruf und Geschäfte waren ihm verhasst, weil sie ihn davon abhielten. Mit der Familie verband ihn ein spannungsreiches Verhältnis, und sein ganzes Leben war von der äußeren und inneren Auseinandersetzung mit dem gefürchteten Vater belastet. Ebenso problematisch waren mehrere Frauenbeziehungen, vor allem die wiederholt beschlossene und wieder gelöste Verlobung mit Felice Bauer. Kafka fürchtete, der Anspruch einer Frau auf sein Leben könne das Schreiben gefährden. Im Schreiben als seiner anderen Existenz hatte er jedoch mit den gleichen Schwierigkeiten wie im Leben zu kämpfen. Kurze Texte gelangen ihm manchmal auf Anhieb, manche überarbeitete er oft. Aber das große Werk, der Roman, wurde trotz der pedantischen Arbeit nie fertig. Kafka selbst nannte das die "Schwierigkeit der Beendigung", aber auch "das Unglück des fortwährenden Anfangs". Von außen wie von innen bedrängt, versuchte er im Schreiben, sich der äußeren und inneren Erfahrung zu bemächtigen, stellte dabei aber sich selbst und zugleich den Schreibprozess in Frage. Der ihn ständig begleitende Zweifel wurde so auch zum Bestandteil des Geschriebenen: "Meine Zweifel stehen um jedes Wort im Kreis herum, ich sehe sie früher als das Wort".

Der Verlag Zweitausendeins hat in seinen unglaublich preiswerten Ausgaben neben dem erzählerischen Werk nun auch die gesammelten Briefe und die von seinem Freund und Nachlassverwalter Max Brod herausgegebenen Tagebücher Kafkas in jeweils einem Band neu aufgelegt. Bedauern mag man die völlige Kommentarlosigkeit der Ausgaben, wenigstens eine editorische Notiz zur Entstehungs- und Druckgeschichte der Lebenszeugnisse Kafkas und ein Personenregister bzw. ein Verzeichnis der erwähnten Kafka-Texte wären wohl nötig gewesen. Es ist zudem nicht ganz verständlich, dass man angesichts der unzuverlässigen Textüberlieferung nicht auf die Tagebuch- und Briefbände der "Kritischen Kafka-Ausgabe" (die Briefe liegen allerdings hier erst bis 1917 vor) zurückgegriffen hat, die doch eine zuverlässige Textbasis bieten. Gerade die Tagebücher hätte man dann ohne die von Brod unterdrückten Stellen lesen können.

Mit fast 27 Jahren im Mai 1910 beginnend, seit 1917 dann freilich weniger mitteilsam (oder nur lückenhaft überliefert) und im Juni 1923, ein Jahr vor seinem Tode, ganz abbrechend, hat Kafka 13 ansehnliche Quarthefte mit Tagebuchaufzeichnungen gefüllt; 3 besondere Reisetagebücher aus den Jahren 1911 und 1912 kommen noch hinzu. Sie stellen keine kalendermäßige Dokumentation von Erlebnissen und Begegnungen, von Gespräch und Korrespondenz dar, sondern legen persönliche Rechenschaft und geheime Beichte ab, geben grelle Angstträume wieder, reflektieren aber auch über Themen, die sich erst noch in Literatur verwandeln müssen. Dennoch sollte man sich hüten, der Niederschrift des Augenblicks einen absoluten Zeugniswert zuzuschreiben. Kafka selber war sich dessen bewusst, denn er fragte die in Wien lebende Journalistin Milena Pollak mit Bezug auf einen hoffnungslosen Brief: "Wieviel war davon Augenblicks-Leid und wieviel dauernde Wahrheit?"

In den Jahren 1911 bis 1914 schrieb sich Kafka vorwiegend im Tagebuch aus. Hier ist der Dichter selbst sein Gegenüber, selbstquälerisch und darauf bedacht, möglichst Endgültiges zu formulieren. Später ersetzte er dieses Schreiben für sich selbst mehr und mehr durch Briefe, vor allem an die ihm nahe stehenden Frauen, vor denen er seine inneren Konflikte ausbreitete. In die Briefe gehen durchaus Augenblicksbefunde ein, denn Kafka distanzierte sich zuweilen vor sich selbst oder vor dem Briefpartner von seinem Erzeugnis: Mit dem Hinweis auf seine Verfassung im Augenblick des Schreibens. Erzählungen und literarische Entwürfe gingen ebenfalls oft aus dem Tagebuch hervor oder sind in dasselbe Heft geschrieben.

Im Tagebuch beschrieb oder reflektierte Kafka aber nicht nur seine "Zustände" - wobei die Tagebuchhefte in verschiedenen Lebensphasen verschiedene Formen der Selbstreflexion artikulieren -, sondern auch Gegenständliches. Faktenwirklichkeit und Innenleben stehen - wie in den Erzählungen - unmittelbar nebeneinander. Es begegnen einem viele Motive, die man in den Erzählungen oder Romanen wieder findet, z. B. Familienszenen, Träume, die Gassen und Plätze Prags, Szenen im Büro, im Theater oder auf dem Lande. Oft wird schon die Tagebuchskizze zum symbolischen Bild. Die Bilderwelt der Lebenszeugnisse und der Dichtungen, so hat Hartmut Binder herausgefunden, ist vielfach identisch - gleiche Stilzüge, rhetorische Kategorien und Elemente der Personengestaltung. Schon in den Lebenszeugnissen gestaltete Erlebniseinheiten werden dann Eingang in das Werk finden. Kafkas Erzählen ging also aus einem existenziellen Krisengefühl hervor, vollzog sich selbst in fortwährenden Krisen und stellt auch immer wieder Erfahrungskrisen dar.

Dabei zeichnen sich seine Briefe durch erstaunliche Frische und Originalität, aber auch durch ästhetische Geschlossenheit aus. Bildhafte Vorstellungen und konkrete Einzelfakten ersetzen in Kafkas Denken Begriffe und logische Operationen. An die Stelle abstrakter Argumentation treten sinnliche Erscheinungen. Das Rollenspiel in Kafkas Briefen hat seine Ursache gerade in seiner ausgeprägten Fähigkeit, sich "in jeden mit Lust" hineindenken und die "Zustände eines andern" bis an die "Grenzen menschlicher Kraft" miterleben zu können. So wird es ihm möglich, von den Voraussetzungen des Briefpartners her die eigenen Ausführungen kritisch zu durchdenken und die sich dadurch noch ergebenden Erkenntnisse in den Brief einzubeziehen, und zwar formal als Rede oder Gedanke des Briefpartners stilisiert. Witzige Formulierungen bilden dabei ein gewisses Äquivalent zum sonst selbstquälerischen Tenor der Aussagen.

Steht das so umfangreiche Briefwerk nicht im Widerspruch zur vielfach bezeugten Kommunikationsscheu Kafkas? Die Briefe selbst geben einigermaßen über diese von ihm eingestandene "Geschwätzigkeit" Auskunft. Das Korrespondieren war für Kafka zunächst eine wesentliche Lebensform, weil er glaubte, durch Briefverkehr menschliche Vertrautheit herstellen zu können. So schreibt er, um mit Felice Bauer in Berührung zu kommen, um ihre Gegenwart greifbar zu machen und um diese Verbindung zu intensivieren. Es war eine "erdachte, erschriebene, mit allen Kräften der Seele erkämpfte Nähe", die dann ihrerseits natürlich wieder Briefe veranlassen konnte. Eben das, was Kafka im menschlichen Verkehr nicht möglich war, weil es für ihn einem völligen Identitätsverlust gleichkam. Er habe Furcht nicht so sehr vor den Menschen an sich, sondern vor ihrem "Eindringen" in seine schwache Natur, erklärte er einmal Felice. Deshalb verlagerte er, der sich doch sozial binden wollte, alles aus der Wirklichkeit in die Literatur. Dort kannte er den Mechanismus des Hinüberfließens, das Vertrautsein mit inneren und fiktiven Gestalten. Das Ringen um Felice sollte sich dann in immer neuen Variationen zu einem ausgesprochenen Zweikampf steigern.

In einem an Oskar Baum gerichteten Brief vom Frühjahr 1921 wird das Briefeschreiben innerhalb der damals bei Kafka dominierenden Untätigkeit als Geborenwerden, als "neues Herumarbeiten in der Welt" verstanden und demnach als wichtige Verbindung mit der menschlichen Gemeinschaft gewertet. Der Briefverkehr ersetzte also die persönliche Begegnung. Aber Kafka hatte den Eindruck, "Unerklärliches zu erklären", eine Grundbefindlichkeit darstellen zu wollen, die, weil er sich mit ihr identisch fühlte, nicht von ihm ablösbar und sprachlich definierbar war. Um der damit verbundenen Qual zu entgehen, obwaltete dann wieder nur das Schweigen, denn das unpräzis Ausgesagte kehrte sich gegen den Schreiber und verstrickte ihn in das ausgebreitete Gewebe von Unwahrheiten.

Das Milena-Erlebnis löste dann zwar die innere Erstarrung Kafkas. Hier galten die partnerbedingten Bedenklichkeiten des Verkehrs mit Felice nicht mehr, denn Kafka konnte der unkonventionellen Milena Pollok gegenüber so frei sprechen wie zu niemandem zuvor - aber die Briefe an sie waren ihm "immer noch viel zu wenig Wahrheit, immer noch allermeistens Lüge". Milena repräsentierte für Kafka die Fülle des Lebens, während er sich ihr gegenüber als Nichts fühlte, das kein ernstzunehmender Partner sein konnte.

Obwohl die jahrelangen negativen Erfahrungen mit Felice nicht gerade eine Wiederholung des Heiratsversuchs nahe legten, wollte er 1919 Julie Wohryzek zu seiner Frau machen und dann wieder mit der verheirateten Milena zusammenleben. Die mit dem Scheitern jedes Mal verbundene Krisensituation musste zu Selbstreflexionen führen, die sich in den Tagebüchern niederschlugen. Dabei fand bei Kafka eine immer deutlicher vollzogene Einschränkung der Lebensmöglichkeiten statt, eine Reduktion auf seinen inneren Kern. Diese Art des Sich-Äußerns als ein Mittel der Selbstbewältigung hörte dann ganz auf. Die Selbstbeobachtung war - wohl auch wegen des zunehmenden physischen Verfalls, der ihm keine Kräfte mehr für seelische Kämpfe ließ - zu belastend geworden.

Die Korrespondenz mit den Freunden in der allerletzten Zeit beschränkte sich auf ein minimales Aufrechterhalten oder Wiederanknüpfen des Kontaktes. Kafka verstummte, auch vor sich selbst, in den Tagebüchern.


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Franz Kafka: Die Briefe.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2005.
1211 Seiten, 7,99 EUR.
ISBN-10: 386150734X

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Franz Kafka: Die Tagebücher.
Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 2005.
558 Seiten, 7,99 EUR.
ISBN-10: 3861507358

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