Zündstoff für philologische Debatten

Aufsätze zum Leben und Werk von Ingeborg Drewitz

Von Eva KormannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eva Kormann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Roman "Gestern war Heute. Hundert Jahre Gegenwart" (1978) erzielte hohe Auflagen, war jahrelang verbindliche Schullektüre und könnte Günter Grass zum vielleicht schönsten Anfangssatz eines Prosawerks der Nachkriegszeit animiert haben: Mit der nur scheinbar paradoxen Formulierung "Gestern wird sein, was morgen gewesen ist." beginnt die Erzählung "Das Treffen in Telgte" (1979).

Ingeborg Drewitz war eine femme de lettres par excellence, schrieb Romane, Hörspiele und Theaterstücke, arbeitete als Literaturkritikerin und betrieb im Präsidium des bundesdeutschen PEN-Zentrums und im Vorstand des Verbands deutscher Schriftsteller Kulturpolitik. Dazu muss sie eine akribische Sammlerin gewesen sein, der Forschung hat sie jedenfalls ein reich gefülltes Archiv hinterlassen.

In welcher Weise aber diese Autorin zum Gegenstand einer - nicht nur - genderorientierten Literaturwissenschaft werden könnte, zeigt der von Barbara Becker-Cantarino und Inge Stephan herausgegebene Band "'Von der Unzerstörbarkeit des Menschen'. Ingeborg Drewitz im literarischen und politischen Feld der 50er bis 80er Jahre." Er beruht weitgehend auf den Beiträgen zu einer Tagung, die die Herausgeberinnen im November 2003 aus Anlass des 80. Geburtstags der Autorin an der Humboldt-Universität zu Berlin abgehalten haben: Drewitz wird einerseits mit ihren vielfältigen kultur- und frauenpolitischen Aktivitäten zum Gegenstand der Vorträge und andererseits mit ihrem höchst heterogenen Werk, das nur eines eint: seine Zugehörigkeit zu einer littérature engagée. Eine rege Drewitz-Philologie hat sich bisher nicht entwickelt. Der Literaturbetrieb - und nicht nur der - stellt inzwischen andere Anforderungen an Literatur, und so ist es inzwischen still geworden um die Autorin, die 1986 starb.

Barbara Becker-Cantarino und Inge Stephan wollten mit ihrer Tagung daher auch eine Initialzündung setzen. Sie könnte gelingen. Denn die Beiträge, die durchaus von unterschiedlicher Qualität und Überzeugungskraft sind, zeichnet alle eines aus: Sie breiten oft noch unbekanntes Material aus und deuten es in meist ausgesprochen schlüssiger Art und Weise: Wenn Becker-Cantarino, Marianne Vogel, Helmut Peitsch und andere die frauen-, kultur- und verbandspolitischen Aktivitäten von Drewitz erläutern und dabei auf das reichhaltige Archivmaterial zugreifen, kann die Autorin zu einem Modellfall werden, anhand dessen sich die Netzwerkbildungen, die Kampagnen, die Freund- und Seilschaften, die Ausgrenzungen und die Schwerpunktsetzungen innerhalb der Schriftsteller und Schriftstellerinnen der alten Bundesrepublik und deren Bezüge zu Autoren und Autorinnen der DDR untersuchen lassen. Es wäre an der Zeit, solche Studien zum Literaturbetrieb nicht ausschließlich männlichen Akteuren zu widmen. Becker-Cantarinos Artikel zu feministischen Vorstellungen und Aktivitäten der Autorin - und auch einige Beiträge zum literarischen Werk - beleuchten, indem sie Drewitz' durchaus nicht vorurteils- und widerspruchsfreie Genderkonzeptionen und ihre frauenpolitischen Aktivitäten vorstellen, die inzwischen reichhaltige und vielfältige Geschichte der Geschlechtervorstellungen und der Geschlechterpolitik der Bundesrepublik.

Nebenbei - und von den Herausgeberinnen erwünscht - führt der Band das Spektrum heutiger genderorientierter Literaturwissenschaft vor: von sozialhistorisch ausgerichteten und literatursoziologischen Studien der vernetzten Aktivitäten der Kulturpolitikerin und Feministin bis zu entschieden textzentrierten Arbeiten, die Gendersensibilität mit einer (Re)philologisierung aufs Engste verknüpfen können, von Beiträgen, die Partei ergreifen für den Gegenstand ihres Interesses und ihn in Schutz nehmen wollen vor manch dünkelhaft-altväterlichem Kritikerverdikt, über solche, die sachlich Textmerkmale, Gattungsmuster und intertextuelle Bezüge beschreiben und analysieren, bis zu Analysen, die den schwarzen, besser: den braunen, Flecken in Drewitz' Leben und Werk nicht ausweichen und sie in die Textanalyse kritisch mit einbeziehen.

Wenn Inge Stephan Drewitz' Literaturkritiken analysiert, stellt sie die vorbildliche Sorgfalt der Rezensentin heraus. Auch dieses Material, das im Drewitz-Archiv lagert, würde Netzwerkstudien ganz hervorragend unterstützen: Welche Rolle stand bei Drewitz im Vordergrund, wenn sie Bücher rezensierte? Schrieb sie als Kritikerin, als Autorin, als Feministin oder als Verbandsfunktionärin? Haben diese Rollen sich ergänzen können, gerieten sie miteinander in Konflikt, und wie ist die Autorin mit diesem Konflikt umgegangen?

Die meisten Aufsätze setzen sich mit dem Prosawerk der Autorin auseinander. Gerade der erfolgreiche Roman "Gestern war heute" wird von verschiedenen Seiten beleuchtet. Während einige Literaturwissenschaftlerinnen der älteren Generation in diesem und in anderen Romanen vorwiegend nach Drewitz' Geschlechterkonzeption und ihren Positionen zur feministischen Bewegung fahnden, liest Gudrun Loster-Schneider den Roman "Gestern war heute" als Generationenroman und im Kontext von Modellen einer Autofiktion und zeigt damit, dass diese, die eigene ideologische 'Verführtheit' camouflierende 'Wunschbiografie' jenseits der Schullektüren noch reichlich Zündstoff für philologische Debatten enthält.

Lebensgeschichtliches Schreiben und die Auseinandersetzung mit den Wirkungsmöglichkeiten von Frauen beschäftigen die Autorin, deren 20. Todestag sich in diesem Jahr jährt, immer wieder, etwa auch in ihrer Bettine-von-Arnim-Biografie. Neva Šlibar analysiert dieses Werk im Licht der neueren Biografieforschung.

Einige Beiträge fragen nach der Dramatikerin Drewitz. Wenn Heukenkamp die Prometheus-Dramen der Autorin vorstellt, liegt das Verdienst dieses etwas oberflächlichen Artikels vor allem darin, an diese Dramen wieder zu erinnern. Denn, provoziert durch die öffentliche Debatte über Bio- und Nanotechnologie, ist in den letzten Jahren das Interesse der Literaturwissenschaft am Prometheus-Stoff größer geworden. Die dramatischen Auseinandersetzungen von Drewitz wurden in diesem Zusammenhang allerdings nicht diskutiert, bezeichnenderweise fehlen sie im Reclam-Sammelband "Mythos Prometheus".

Ebenso häufig vergessen ist, dass eine der frühesten dramaturgischen Auseinandersetzungen mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung von Drewitz stammt: Sie schrieb Anfang der 50er Jahre in mehreren Varianten "Alle Tore waren bewacht". Gaby Pailer analysiert dieses Drama fundiert im Zusammenhang mit späterer Holocaust-Dramatik, mit dem Streit über die Abbildbarkeit des Grauens und im Vergleich zu zeitgenössischen Forschungen über den SS-Staat und seine Vernichtungspolitik. Pailer lässt keinen Zweifel daran, dass sie Drewitz' Theaterstück für derzeit unspielbar hält. Die Merkmale dieses Theaterstücks aber, seine Beschönigungen und Sentimentalisierungen, und die zeitgenössische Reaktion - oder besser: Nicht-Reaktion, denn es wurde nur von kleineren Theatern aufgeführt und nicht in Buchform veröffentlicht - stehen exemplarisch für die Schwierigkeiten deutscher Schriftsteller(innen) der Nachkriegszeit, eine unkorrumpierte künstlerische Sprache und Form zu entwickeln, sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander zu setzen, Verantwortung für eigene Verfehlungen zu übernehmen und ein Publikum für diesen Diskurs zu finden. Drewitz kann in diesen Fragen nicht als leuchtendes Vorbild gelten - aber als repräsentatives Exempel. Dieses Beispiel - vergangenheitskritisch und gendersensibel - zu analysieren, ist die Aufgabe einer Drewitz-Philologie, die mit dem Tagungsband "Von der Unzerstörbarkeit des Menschen" ein starkes Fundament gefunden hat.


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Barbara Becker-Cantarino / Inge Stephan (Hg.): "Von der Unzerstörbarkeit des Menschen". Ingeborg Drewitz im literarischen und politischen Feld der 50er und 80er Jahre.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
441 Seiten, 45,50 EUR.
ISBN-10: 3039104292

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