Heute ein saubere Wohnsiedlung

Michaela Melian erinnert an die Geschichte des NS-Zwangsarbeitslagers Föhrenwald

Von Christian WerthschulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Werthschulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Memeler Straße, New York-Straße, Rupertstraße. Adolf Hitler-Platz, Roosevelt Square, Seminarplatz."

Deutsche Großmachtsüchte, amerikanische Verwaltung und bundesrepublikanische Geschichtsvergessenheit, dokumentiert im Wandel der Straßennamen und vorgelesen durch eine klare Kinderstimme, so beginnt "Föhrenwald", die neue CD der Münchener Künstlerin und Musikerin Michaela Melian.

Föhrenwald ist der längst in Vergessenheit geratene Name für den Stadtteil Waldram der oberbayerischen Stadt Wolfratshausen. 1937 gründeten die Nationalsozialisten an dieser Stelle ein Lager für Zwangsarbeitskräfte und Angehörige des Reichsarbeitsdienst. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs diente es als Auffanglager für Displaced Persons, um schließlich ab 1957 zur Unterbringung so genannter "Heimatvertriebener" genutzt zu werden. Die wechselhafte Geschichte des Stadtteils und seiner Bewohner zeichnet Melian in einem Hörspiel nach, das bereits 2005 mit dem ARD-Hörspielpreis ausgezeichnet wurde.

"Dass diejenigen, die nie zuvor in Deutschland gewesen waren, auch ihre Zukunft hier nicht suchten, lag auf der Hand. Für sie bedeutete das DP-Lager eine Durchgangsstation zu einem neuen Leben ohne Täter in Amerika, Israel, in Südamerika und Schweden, wo auch immer. Nur nicht hier. Die Juden wollten, was den Nazis nicht ganz gelungen war: ein Deutschland ohne Juden", heißt es in einem der von Sprechern des Bayerischen Rundfunks eingelesenen Beiträge. Ihre Grundlage bildeten Interviews mit ehemaligen Bewohnern und archivarischem Quellenmaterial. Untermalt werden diese Stimmen von kurzen Melodiefragmenten, gewonnen aus Aufnahmen von Bach, Beethoven, Schubert oder Mendelssohn-Bartholdy, die allesamt bei dem Plattenlabel Lukraphon erschienen sind. Lukraphon veröffentlichte in den 30er Jahren vorwiegend und nach den Rassegesetzen 1935 ausschließlich Aufnahmen jüdischer Musiker und Komponisten und war als Mitglied des Jüdischen Kulturbunds Teil der nationalsozialistischen Strategie, gegenüber dem Ausland die fortbestehende Existenz eines unbehelligten jüdischen Lebens vorzutäuschen. Gleichzeitig importierte es seine Schallplatten nach Palästina und legte so einen Grundstein für die israelische Plattenindustrie.

Ähnlich wie Melians Band FSK begibt sich somit auch "Föhrenwald" auf Spurensuche, um eine komplexe Episode geschichtlicher Ereignisse in künstlerisch eingängiger Form wiederzugeben Und so legen sich gedämpfte Piano- und Streicherloops unter die gesprochenen Texte, ohne die Aufmerksamkeit allzusehr zu beanspruchen. Überhaupt scheint das kontemplative Klangbild des Hörspiels lediglich in archivarischem Bezug zum vermittelten Inhalt zu stehen. Ohne spannungsdienliches Crescendo und tränenerzwingende Moll-Passagen verzichtet der Soundtrack auf die unmögliche Bequemlichkeit, die Schilderungen emotional nachvollziehbar gestalten zu wollen. Ein kurzer Moment des Erschreckens tritt lediglich dann auf, wenn der Loop unvermittelt abgebrochen wird, um einer Kinderstimme Platz zu machen.

Diese Kinderstimmen verlesen die Aktenlage: den Schriftverkehr zwischen amerikanischer Militärregierung und Landkreis, statistische Details über Herkunft und Anzahl der Lagerinsassen und geschichtswissenschaftliche Darstellungen zur Geschichte des Lagers. Gleichzeitig erlauben sie einen Einblick in die fortgeschriebene Ohnmacht, der die Lagerbewohner ausgesetzt waren. "Die Abneigung gegen die Juden war früher in der Bevölkerung nicht so, als nur einige einwandfreie Geschäftsleute von diesen ansässig waren, als jetzt, wo sie in Massen in ihrem Wesen sichtbar werden", weiß der Bürgermeister von Wolfratshausen in einem Stimmungsbericht vom Januar 1946 an den zuständigen Landrat zu berichten. Das offizielle Misstrauen gegen die jüdischen DPs sollte kein Einzelfall bleiben: Kontakte zwischen den Wolfratshausener Bürgern und den Lagerinsassen blieben rar und der Lagerkommandant bewaffnete sich mit einer Pistole, bevor er den Lagerdienst antrat. Föhrenwald erhielt schnell einen Ruf als Zentrum des Schwarzhandels, für die Lagerbewohner die einzige Möglichkeit, andere Waren als das Lebensnotwendige zu erwerben.

Trotz aller Widrigkeiten etablierte sich ein reiches jüdisches Leben im Lager: "Wir hatten ein eigenes Kino, Veranstaltungen, unsere eigenen Bälle, die Purimbälle. Wir haben eigene Theaterveranstaltungen gehabt. Manchmal haben wir vor ein paar Hundert Leuten unsere Stücke aufgeführt und wir sind sogar mit unserer Truppe auf Tournee zu den amerikanischen Soldaten gefahren." Dominant blieb jedoch der Wunsch, die aufgezwungene Heimat zu verlassen und ein neues Leben in der Ferne zu beginnen: "Mein Vater hatte in München eine Kürschnerwerkstatt aufgemacht. Wochenlang sah ich meinen Vater überhaupt nicht. Wenn er nach Föhrenwald kam ging es immer nur um die eine Frage: Wann würden wir Föhrenwald verlassen können?"

Damit aus "dem berüchtigten Nachkriegslager Föhrenwald die saubere Wohnsiedlung Waldram" werden konnte, wie es die Lokalzeitung Isar-Loisach-Bote 1976 ausdrückte, mussten die DPs mehrere entwürdigende Verwaltungsakte über sich ergehen lassen. Die jüdischen Einwohner konnten die Häuser, die so lange ihre Heimat gewesen waren, nicht erwerben und es wurde ihnen nahegelegt, das Lager zugunsten von Sozialwohnungen in deutschen Großstädten zu verlassen. Diejenigen, die das Angebot nicht wahrgenommen haben, die "körperlich und seelisch Zerstörtesten und Kränksten", fanden sich nach der Auflösung 1957 in zwei Frankfurter Wohnblocks wieder.

Mit diesen Verwaltungsmaßnahmen war auch die Geschichte jüdischen Lebens in Wolfratshausen dem Vergessen übereignet. "Bei mir auf dem Hausdach war eine Fichte befestigt", gibt einer der neuen Bewohner im letzten Sprachbeitrag zu Protokoll. "Später habe ich dann erfahren, dass das heißt, hier wohnen rechtgläubige Juden." Von diesem Moment an läuft der Loop nach ein paar Minuten ins Leere.


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Michaela Melian: Föhrenwald. CD.
Intermedium Records, erding 2006.
59 Minuten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 393944426X

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