Seinen Weg bis zum Ende gehen

Zwei neue Bände präsentieren überraschend aktuelle Einblicke in das Werk des Prager Philosophen Jan Patocka

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als der Philosoph Jan Patocka (1907-1977) im März 1977 in Prag beerdigt wurde, war diese Trauerfeier zu einem Fanal des Regimes geraten. Helikopter kreisten über dem Friedhof, so dass die Ansprachen am offenen Grab nicht mehr verstanden werden konnten. Am Eingang des Friedhofs wurden die Ausweise der Besucher überprüft. Eine Geste der Einschüchterung, zumal laufende Kameras der Staatspolizei während der Beerdigung ungeniert auf die Trauergemeinde gerichtet waren. Was war geschehen, dass sich die realsozialistischen Machthaber veranlasst sahen, auf derart hysterische Weise auf den Tod eines Philosophen zu reagieren? Jan Patocka, der bislang nie in exponierter Weise politisch oder gesellschaftskritisch engagiert war, hatte sich 1976 der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung CHARTA 77 zur Verfügung gestellt und war einer ihrer ersten drei Sprecher - und zugleich auch erstes Opfer. Nach vielstündigen Verhören mit der Polizei starb der Philosoph Jan Patocka am 13. März 1977 an einem Herzversagen. Sein Satz "Es gibt Dinge, für die es sich zu leiden lohnt" hatte auch in anderen Ländern des "real existierenden Sozialismus" Menschenrechtler beeindruckt und mit neuer Motivation versehen.

Der bedeutende Literaturwissenschaftler Roman Jakobson hatte in seinem Nekrolog die epochale Bedeutung des philosophischen Lebenswerks von Jan Patocka hervorgehoben: "Drei tschechische Philosophen besaßen Weltruf, verfügten über moralische Autorität und führten ein außergewöhnliches Leben: Jan Amos Comenius, Tomáš Garrigue Masaryk und Jan Patocka".

Die Folgen des Kalten Kriegs waren vor allem für den östlichen Teil Europas verheerend. Lediglich offenkundige Verbrechen werden in heutiger Zeit geahndet, Historikerkommissionen beleuchten politische Hintergründe und Archive werden gesichtet. Es ist ungeheuerlich, mit welcher Ignoranz die Machthaber in seiner Heimat über Jahrzehnte diesen universal gebildeten Mann marginalisiert hatten. Jan Patockas Leben stellte eine tragische Geste dar, umso eindrucksvoller gestaltet sich der vorliegende Einblick in die unermüdliche Denkarbeit, welcher er sich über all die Jahrzehnte ausgesetzt hatte. Jan Patocka hat seine Lebenszeit genutzt, wiewohl er in seinem Land sowohl publizistisch als auch was die Lehrtätigkeit betrifft, kaum zum Zuge gekommen war.

Es kann den Patocka-Forschern Hans Rainer Sepp und vor allem Ludger Hagedorn nicht hoch genug angerechnet werden, mit den beiden vorliegenden Bänden einen weiteren Meilenstein für die Patocka-Rezeption geschaffen zu haben. Patockas Abriss einer europäischen Ideengeschichte ist bislang unveröffentlicht. Im Juni 1971 hatte er diese Studien dem tschechischen Nationalen Literaturarchiv im Prager Kloster Strahov übergeben, wo sie sozusagen in der Höhle des Löwen um den Preis der Vergessenheit die Zeiten überstanden. Eine zutiefst mitteleuropäische Perspektive kennzeichnet diesen philosophiegesättigten Spannungsbogen von der Renaissance über den Humanismus bis zur deutschen Aufklärung. Ausgehend von biografischen Betrachtungen verknüpft Patocka Repräsentanten der italienische Renaissance mit Gedankengängen von Comenius und Cusanus, Descartes und Rousseau aber auch Kant und Herder.

Patocka, der bei Husserl wie auch bei Heidegger studiert hatte, gibt Wegmarken an, die eingefahrene Sichtweisen aufbrechen. Die Forschungsbeiträge im weiterführenden Band belegen die zahlreichen Anregungen, aber auch eine unerwartete Aktualität, die in Jan Patockas Arbeiten auszumachen sind, wenn etwa Ludger Hagedorn ",Bewegung' als Leitmotiv von Patockas Ideengeschichte" ausmacht oder Vera Schifferová in ihren Beitrag "Comenius und der neuzeitliche Rationalismus - Jan Patockas Interpretation der Philosophie des 17. Jahrhunderts" untersucht. Speziell das Europa der Renaissance erfährt in Abhandlungen von Helmut Kohlenberger, Paul Richard Blum, Uwe Voigt und Sandra Lehmann, der neben Ludger Hagedorn ein gewichtiger Teil der Übersetzungen zu verdanken ist, besondere Aufmerksamkeit. Es handelt sich um Wortmeldungen, deren Interpretationen das Projekt Aufklärung in einem neuen Licht darstellen. Dem sukzessiven Verlöschen der christlichen Seinsvergewisserung entspricht die Errichtung philosophischer Selbstsicherheit. Beides nimmt Patocka zur Kenntnis, um auf Tieferliegendes zurückzukommen; ihn treibt ein Denken um, das sich nicht in sich selbst erschöpft. Spannung, Konflikt und Lösung bilden Konstrukte, die immer Überschießendes bergen werden und sich letztlich einer philosophischen Vereinnahmung entziehen. In seinen Beschreibungen hatte Jan Patocka seinem philosophischem Ansatz gemäß immer die "natürliche Welt" vor Augen. Und wenn man bedenkt, dass Patockas Strahov-Nachlass Manuskripte aus den Jahren von etwa 1929 bis 1963 umfasst, also während des Krieges, der deutschen Besatzung und des stalinistischen Sozialismus niedergeschrieben wurden, dann werden diese Studien durch eine weitere lebensweltliche Dimension erhellt.


Titelbild

Jan Patocka: Andere Wege in die Moderne. Studien zur europäischen Ideengeschichte von der Renaissance bis zur Romantik.
Herausgegeben von Ludger Hagedorn.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2006.
480 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-10: 3826028465

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Titelbild

Ludger Hagedorn / Hans Rainer Sepp (Hg.): Andere Wege in die Moderne. Forschungsbeiträge zu Patockas Genealogie der Neuzeit.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2006.
224 Seiten, 36,00 EUR.
ISBN-10: 3826028473

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