Geburt in Rom

Friedrich Christian Delius' bewegende Erzählung einer Schwangeren

Von Stefan TomasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Tomas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Laufen Sie, junge Frau, laufen Sie", hatte der römische Arzt der Schwangeren geraten, das sei gut für sie, gut fürs Kind, und so geht sie, die deutsche Protestantin, jung verheiratet mit einem evangelischen Pfarrer, durch die Hauptstadt des Katholizismus, an einem Samstag Nachmittag im Januar 1943, umschwirrt von einer ihr fremden Sprache und ohne das ordnende Bildungswissen, das anderen die Rätsel der Ewigen Stadt vom Hals hält. Sie ist im achten Monat schwanger. Sie trägt das Ungeborene vom Diakonissenheim in der Via Alessandro Farnese, wo sie wohnt und arbeitet, zur Kirche in der Via Sicilia, um dort ein Konzert zu hören; eine Stunde "gewöhnlichen Laufens", genau die richtige Distanz. Das Kind, das sie im Februar zur Welt bringen wird, ist der Autor.

Über 60 Jahre später zeichnet er nach, was seine Mutter in dieser Stunde aufnimmt und in bewegter Verwirrung verarbeitet. Bewegt ist sie von der Liebe zu ihrem Mann, der, kaum mit ihr in Rom zur Übernahme eines Pfarrdienstes angekommen, nach Tanger abkommandiert wird. Bewegt ist sie von dem gemeinsamen Kind, das ihr einen Auftrag gibt: "Sie hatte das Kind auszutragen, zu behüten und zu nähren, das war ihre Aufgabe, die schönste Aufgabe der Frau." Die Verwirrung beginnt bei den Umständen: bei den fremden Eindrücken vom "undurchschaubaren, unheimlichen Meer namens Rom", beim Krieg, den sie gut heißen will und doch im Konflikt zwischen Kreuz und Hakenkreuz, Gottvertrauen und Führergehorsam sehen muss. Sie versteht die Lebensmittelknappheit nicht, wo auf den Plakaten überall gesiegt wird. Sie ist verunsichert durch die Fülle der heidnisch-nackten, angeblich doch christlichen Figuren, die ihr an Brunnen und Hausfassaden begegnen. Sie scheint verloren ohne die Erklärungen des Geliebten, der jenseits des Meeres in Nordafrika dient.

Das Besondere an diesem Porträt der Mutter ist seine unaufgeregte Ehrlichkeit, auch an Stellen, wo es weh tut. Während die meisten beim Thema Mutter geradezu reflexartig glätten, auslassen, überspielen, auf ironische Distanz gehen oder zumindest ihre Missbilligung einbauen müssen, darf sie unkommentiert bleiben, wie sie war: Eine einundzwanzig Jahre junge Frau, mecklenburger Landkind, Tochter eines glaubensstrengen Volksmissionars, einzige so genannte Ausbildung die des Herzens, ergänzt durch die des Haushalts.

Sie ist die Beste in ihrer BDM-Gruppe, voll "herrlicher Erinnerungen" an die Lagerfeuer mit den tüchtigen, uniformierten Mädels. An der Richtigkeit des Kriegs angesichts des "armen, von Feinden umstellten Deutschland" wagt sie nicht zu zweifeln. Dem völkischen Frauenbild fühlt sie sich verpflichtet, "sie brauchte den Mann an ihrer Seite [...] allein wusste sie sich nicht zu begeistern." Nicht zuletzt ist sie fest in dem protestantischen Geschichts- und Gottesverständnis eingebunden, eine tief Gläubige, die alles in Seiner Hand sieht, Seinem Willen anvertraut und von einem ländlichen Pfarrhaus im Hessischen träumt - was in Erfüllung gehen soll. Den schwierigeren Fragen - Stichwort Führerkult oder Judenverfolgung - begegnet sie mit der "Waffe" des Schweigens. Gewissensfragen tauchen nur auf in der schwierigen Balance zwischen "dem Eifer für den Dienst an Volk und Vaterland einerseits und den Bibelstunden andererseits."

Diese Mutter mag um so weniger einem Autor schmeicheln, der als links orientierter Aufklärer bekannt wurde, bis heute politisch engagiert blieb, für Emanzipation auf jeder Ebene eintritt und uns in einem anderen Buch schon die Leiden des Pfarrersohnes in der hessischen Provinz vor Augen führte. Nichts zu beschönigen, erscheint mutig. Aber die Erzählung ist nicht nur mutig, sie ist wunderbar. Das Wunder besteht darin, genau diese Frau in ihrer anerzogenen Schlichtheit, Männerabhängigkeit und Gottesfürchtigkeit Schritt für Schritt ins Herz zu schließen. Denn unter der Schwelle ihrer politischen Fehlurteile und engen Glaubenssätze, die, wie stark auch immer angefeindet und umgestoßen, unseren politischen Fehlurteilen und engen Glaubenssätzen entsprechen, sofern wir die folgende Generation fragen, bis diese mit ihren Mängeln bei der folgenden Generation an der Reihe sind, und so weiter - unter dieser Schwelle der im jeweiligen kulturgeschichtlichen Horizont verhafteten Einstellungen gibt es eine fast nur musikalisch auszudrückende, unmittelbare, der affektiven Wahrheit und gefühlten Richtigkeit verpflichtete Gemeinsamkeit, die man entweder erreicht oder verfehlt. Hier - nicht im erziehungsgesteuerten Überbau - zeigt die Mutter ihre eigentliches "Bild".

Sie will nur eins, "ihr Kind in einer Nacht ohne Alarm und ohne Bomben auf die Welt bringen dürfen." Eine einfache, geradezu fundamentalbiologische Forderung, zu Beginn geäußert, Bewegungsanstoß und Hauptmotiv ihres Gangs - das wortwörtliche Grundrauschen, aus dem sich ihre Gedanken in rhythmischen Schüben entwickeln, bis sie, beim Konzert in der Kirche angekommen, in der Musik eine äußere Entsprechung für ihre Sehnsucht nach Ende von Krieg und Hass findet.

Unser Denken gründet im Gehen, Schritt und Gegenschritt, rhythmisches Vorantasten; Majakowski entwickelt seine Dichtung aus dem Brummeln beim Laufen. Im Bauch der Schwangeren bewegt sich das Fruchtwasser. Stoßweise fließen der Mutter die Erinnerungen zu. Stoßweise brechen Liebe, Verwirrung, Glaube, Zweifel und Mut auf, lösen sich ab, kehren wieder, umkreisen sich, verdrängen sich. Das Brunnenprinzip. Wassermusik. Beim Vierbrunnenplatz fällt der Mutter das Schulbuchgedicht vom "römischen Brunnen" ein. Es ist ihr Gedicht. Sie nimmt und gibt, sie strömt und ruht. Und der Autor nimmt ihre Bewegung sprachlich auf: Die Erzählung besteht aus einem einzigen Satz, zumindest von der Interpunktion her, wo nur Kommas trennen, und sie fließt von Absatz zu Absatz, von Schale zu Schale, im Schnitt etwa 30 Sekunden, 30 Schritte, dann ist sie voll, füllt die nächste, eine neue Beobachtung, ein anderes Thema, und kaum in der Kaskade unten angekommen, steigt das gleiche Thema oben wieder auf, fließt aus und wird abgelöst, gleich und doch anders, Wiederholung und Variation, die Pole des Dichters, das Grundmuster der jungen Frau in ihrem "gewöhnlichen Lauf", hier treffen sie sich, hier geschieht das Ungewöhnliche: die Versöhnung ohne Beschönigung.

Eine kleine Erzählung, ein mitreißendes Meisterwerk. Es brauchte wohl die sechzig Jahre Wut und Verletzungen, Abstoßung und Hinwendung, um jenseits des Rechtens und Richtens eine Form zu finden, die es dem Dichter möglich machte, das Entscheidende, Verbindende zu finden und - im Belassen aller Unterschiede - auszudrücken. Ein menschlich staunenswerter, literarisch unüberbietbarer Vorgang. Er war in ihr. Sie bewegte ihn. Sie hat ihn zur Welt gebracht. Und er hat sie wieder geboren, in diesem Text, mit seinen Mitteln, um uns zu bewegen.


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Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2006.
128 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3871345563

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