Immer neugierig geblieben
Zum Tod des großen niederländischen Schriftstellers Cees Nooteboom
Von Peter Mohr
„Manchmal geschieht so etwas, man hat Dinge in aller Unschuld geschrieben, und Jahre später hat ein italienischer Bildhauer sie gelesen und einen Zusammenhang mit dem entdeckt, was er selber macht“, schrieb Cees Nooteboom in seinem 2023 erschienenen Band In den Bäumen blühen Steine, in dem er sich mit den Berührungspunkten seiner Gedichte und den Skulpturen des italienischen Künstlers Giuseppe Penone (Jahrgang 1947) auseinandergesetzt hat.
Dem niederländischen Schriftsteller ging es darin aber nicht nur um eine genreübergreifende Annäherung, sondern auch um eine intensive Auseinandersetzung mit der Natur – vor allem mit Steinen, ein bevorzugtes Arbeitsmaterial von Penone. Und mit Penones Affinität zu Steinen verband Nooteboom viele visuelle Eindrücke aus seiner Zweitheimat Menorca, wo die Natursteinmauern (ähnlich wie auf Mallorca) in den ländlichen Regionen das Landschaftsbild maßgeblich prägen. Ein Bändchen voller Assoziationen, voller Neuentdeckungen eines bereits in die Jahre gekommenen Autors, der sich offensichtlich eine Portion jugendlichen Entdeckergeist erhalten hatte.
In Zeiten des zusammenwachsenden Europas gewann das Werk von Cees Nooteboom immer mehr an Bedeutung. Der bekennende Kosmopolit mit Wohnsitzen in Amsterdam (nahe dem Zentralbahnhof) und auf Menorca (dort spielt sein schmaler Roman Der Ritter ist gestorben) räumt zwar ein, dass es schwierig sei, „sein Leben auf mehrere Länder und damit auch auf mehrere Sprachen zu verteilen“, doch künstlerisch ist ihm dies hervorragend gelungen. Für Nooteboom mischen sich beim Reisen und Erkunden fremder Schauplätze und Kulturen Passion und Profession.
In Deutschland erfreute sich Cees Nooteboom, der am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren wurde, ausgesprochen großer Beliebtheit. Vor mehr als 30 Jahren setzte - nicht zuletzt ausgelöst durch Marcel Reich-Ranickis lobenden Stoßseufzer („Dass die Niederländer so einen Schriftsteller haben.“) – ein wahrer Nooteboom-Boom ein.
Dass Nooteboom in seiner Heimat auf eine vergleichsweise nur geringe Resonanz stießt, lag vermutlich darin begründet, dass der Autor am allerwenigsten ein typisch niederländischer Schriftsteller ist und durch seine schon in jungen Jahren ausgeprägte Reiselust eher als literarischer Kosmopolit gilt. Schon im Teenager-Alter trampte er nach Belgien. Was dann folgte, war eine unendliche Reise – bis in die entlegensten Winkel aller Kontinente. Trotz seiner großen internationalen Erfolge litt Nooteboom an der weitgehenden Ignoranz seiner Landsleute: „Ich bin und bleibe ein niederländischer Schriftsteller, der auch im eigenen Sprachraum gewürdigt werden will.“
Der Verfasser der bedeutenden Romane Allerseelen, Rituale Der Ritter ist gestorben und Paradies verloren, der einst glühende Verfechter der Europäischen Union, neigte zuletzt zum Skeptizismus. Seine Stimme war dunkler geworden, in seinen Gedichten war auffallend oft vom Tod die Rede, und die Zukunft Europas schätzte er arg pessimistisch ein – nicht erst seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges.
Papst Franziskus hat Penone im Februar 2019 zum Mitglied der Päpstlichen Akademie der schönen Künste und der Literatur ernannt. Noch vor seinem 90. Geburtstag hatte der Suhrkamp Verlag einen opulenten Band mit Prosa und Gedichten herausgegeben. Poetisch und geografisch äußerst breit gefächert. Cees Nooteboom, der bedeutendste niederländische Gegenwartsautor ist am 11.02.2026 im Alter von 92 Jahren, wie sein Verlag De Bezige Bij mitteilte, an seinem Wohnort auf Menorca gestorben. Der Verlag zitierte die Witwe des Schriftstellers, er sei „heute Nachmittag sehr ruhig auf seiner geliebten Insel Menorca gestorben“.
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