Ingeborg Bachmanns Kindheit

Graphik, Gedicht und Essay

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Die folgenden Beiträge wurden aus dem ersten Kapitel von Simone Frielings neuem Buch zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann übernommen.
Redaktion literaturkritik.de mit Genehmigung der Autorin und des Verlags

Graphik: Ein ernstes Kindergesicht

 

Gedicht: Kindheit in Klagenfurt und anderswo

„Kinder“
wurden sie gerufen.
Einen Namen hatten sie nicht
für die Erwachsenen.
Und sie horchten lediglich auf,
wenn man sie so rief.


Es gab sie nur in der Mehrzahl:
In der Kirche, in der Schule, auf der Straße
zu Hause im Keller bei den Mäusen
und auf dem Dachboden.


Leise mussten sie sein
in den Mietwohnungen, auf Strümpfen spielen
und flüstern.
Weil der Hausherr gleich unter ihnen wohnte.


Wenn die Kinder für sich waren
eingenistet in einer dunklen Nische auf dem Speicher,
schrien sie manchmal:
kleine spitze Rebellenschreie,
die die Spinnennetze zwischen den Balken zum Erzittern brachten.


Dann kam die Zeit,
als die feurigen Christbäume vom Himmel fielen
und die Kinder in den Ruinen spielten
oder vor sich hinstarrten, weil ihnen alles ganz fremd geworden war.
Wenn jetzt ein Erwachsener sie ohne Namen anrief,
verschlossen die Kinder die Ohren.
Alles war abgefallen von ihnen: die ganze Heimat
mit einem Schlag.


Nur das Flüstern blieb
ein Leben lang:
in der Kirche, am Arbeitsplatz, auf der Straße
und, wie ärgerlich, wie schön,
wenn die Frau später, als sie sich einen Namen gemacht hatte,
eines ihrer Gedichte las.

Essay: Kindheit in Klagenfurt

Träumen und Wachsein, Wachsein und Beobachten, Beobachten und auf der Hut sein, auf der Hut sein und begreifen, begreifen und in Worte fassen, in Worte fassen und aufs Papier bringen. Ängstlich sein und aufbegehren gegen die Angst. Demütig und stolz sein. Ehrgeizige Ziele verfolgen und das Lob beschämt entgegennehmen. Heimat lieben und die Fremde ersehnen. Den Schutz der Familie benötigen und sich in ihr wie gefangen fühlen. Den Vater bewundern und gegen ihn rebellieren. Den Bruder so lieben wie eine Mutter und sich von der Mutter distanzieren. Die Nähe suchen und sie nicht aushalten.

Den Krieg heraufziehen sehen und mit niemanden darüber sprechen können. Die Brutalität der Nazis fürchten und im Tagebuch gegen die Furcht anschreiben. Sich auf das Leben stürzen und sich aus der Welt zurückziehen. Lesen, Lesen und Schreiben. Langsam Erfahrungen sammeln. Gegen alle Vernunft: Gefühle haben. Zu den Gefühlen stehen. Sich von ihnen treiben lassen. Sich der Natur oft mehr verbunden fühlen als den Menschen. Das Wasser lieben, besonders das Wasser. Früh Schwimmen lernen und sich frei fühlen. Das Ruder in die Hand nehmen und weit hinaus mit dem Boot fahren. Bis die Familie am Strand das Boot kaum noch sieht. Die Farben der Wolken beobachten, wie sie sich im Wasser spiegeln.

Beim Rudern sich vom Wasser getragen fühlen. Von früher träumen, als man hinten auf Vaters Rad saß und es in die Fremde ging. Der Aufbruch ins Neue. Von Klagenfurt nach Italien. Wie beschwerlich, wie wunderbar. Überhaupt Italien. Das andere Land, das eigentlich Begehrte, in dem man anders lebte. Der Klang der Sprache schon bald vertraut. Die Sonne stand steiler. Die Märkte waren üppiger. Die Menschen lauter. Die Wanderungen voller Entdeckungen.

Älter werden: sich missverstanden fühlen, immer wieder missverstanden. Manchmal auch von sich selbst. Das Zutrauen zu den Händen verlieren, das Zutrauen zum Körper. Sich ungeschlacht vorkommen. Sich anders wünschen. Flüstern, obwohl man schreien möchte. Den Anweisungen der Erwachsenen folgen, obwohl man sie nicht mehr begreift. Sich völlig fremd
fühlen unter seinesgleichen. Wünschen, nie so zu werden wie die. Trotzdem dazu gehören wollen. Hänseleien ertragen. Herabsetzungen durch andere. Träumen, besser zu sein, als die Lästerer. Sie alle zu überflügeln. Noch weiß man nicht, auf welchen Flügeln.

„Manchmal werde ich gefragt, wie ich als Kind, in einem Dorf groß geworden, zu Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in einem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich ungern arbeitete und gern am Bahndamm lag, meine Gedanken auf Reisen schickte, in fremde Städte und Länder und an das unbekannte Meer, das irgendwo mit dem Himmel den Erdkreis schließt. Immer waren es Meere, Sand und Schiffe, von denen ich träumte, aber dann kam der Krieg und schob vor die traumverhangene, phantastische Welt, die wirkliche, in der man nicht zu träumen, sondern sich zu entscheiden hat.“
(Ingeborg Bachmann über ihre Kindheit bei einer Lesung 3.11.1952)