Insta-Himmel – Insta-Hölle

Wie wir mit dem janusgesichtigen Netzwerk leben können, ohne es entnervt ganz abzuschalten

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler und Stefanie von WietersheimRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie von Wietersheim

Rätsel des Lebens. – Warum, um Himmels willen, geraten gestandene Manager in einen solchen Instagram-Rausch, dass sie gestehen, ihren Account gelöscht zu haben, da der Social-Medial-Kanal für sie wie „wie Crack“ sei?

Warum sind auch wir – ein wenig – süchtig nach dem Hirn-Stimulus, der uns nachts um 3 Uhr beim kurzen Aufwachen dazu bringt, das iPhone in die Hand zu nehmen und „nur kurz“ mal zu schauen, was Trump schon wieder gemacht hat, wie es der Drillingsmutter in Hamburg geht und wie Caren Miosga in ihrer Sendung deutsche Parteivorsitzende mit Fragen gegrillt hat?

Wir meinen jene App, die auf ein kostenloses soziales Netzwerk führt, das sich auf das Teilen von Fotos und Videos konzentriert. Nutzer können Bilder und Filmchen aufnehmen, bearbeiten und mit Filtern versehen, bevor sie diese mit ihren Followern teilen oder in Stories und Reels veröffentlichen. Es ermöglicht private Nachrichten und Gruppenchats sowie die Interaktion mit anderen Nutzern durch Likes, Kommentare und das Teilen von Beiträgen. Die Plattform wurde 2010 von Kevin Systrom und Mike Krieger gegründet und gehört seit 2012 zu Meta, jenem Unternehmen, das Mark Zuckerberg beherrscht. Für eine Milliarde US-Dollar verleibte er Instagram seinem Imperium von Facebook, WhatsApp und Threads ein. Mehrere Milliarden Menschen nutzen die Dienste seines global agierenden Konzerns regelmäßig. Wir sind zwei davon.

Kennenlernen über Insta

Fangen wir mit den hellen Seiten von „Insta“ an. Wir beide haben über dieses Netzwerk zahlreiche interessante Menschen kennengelernt, von denen wir vorher nichts wussten. Wir kennen sie scheinbar wirklich, denn wir wissen, was sie lesen und was sie essen. Wir begleiten sie auf ihren Reisen und Unternehmungen. Wir freuen uns mit ihnen, wenn ihr neues Buch erschienen ist und wir trauern mit ihnen, wenn ihre Oma gestorben ist oder es ihrem Hund schlecht geht.

So haben wir Interviewpartnerinnen gefunden, so sind Lesungen zustande gekommen. Und nicht sehr oft passierte es, dass aus dem digitalen Kennenlernen eine analoge Begegnung wurde. Und in einigen Fällen gewann man so eine Freundin, ein Freund. Dabei ist dieses Kennenlernen keine Einbahnstraße. Es kann auch geschehen, dass Menschen auf Berliner Partys auf einen von uns zukommen und fragen: „Was macht die Baustelle?“ und von den erwachsenen Kinder der Kommentar kommt: „Unsere Freunde lieben Deine Insta-Stories!“ Nachbarn gratulieren zum tollen Blumenstrauß von gestern, Fremde auf der Straße erkennen uns und fangen eine Diskussion über die Zukunft der Bundeswehr an. Großartig, dieser Kommunikations-Katalysator.

Es entstehen, um es auf den Punkt zu bringen, kleine oder große Communities, je nachdem wie generös oder wählerisch man ist, wen man als Follower zulässt. Manche Menschen deklarieren ihr Konto als privat. Wir beide haben mehr Konten, denen wir folgen, als wir Follower haben. Wenn einem ein Follower unangenehm wird, aus welchen Gründen auch immer, ist er mit einem Wisch aus dem Leben verschwunden – und er ist kein Follower mehr. Man muss nicht einmal unhöflich werden, er verschwindet buchstäblich von der Bildfläche. Es ist so viel einfacher als im realen Leben, denn man kann immer selbst entscheiden, wieviel man der Welt allgemein oder nur der Community von sich selbst mitteilen möchte. Man hat die totale Kontrolle über das, was man preisgibt. Hingegen: Wenn man jemanden Fremden in die eigene Wohnung einlässt, hat man keine Kontrolle darüber, was er sieht. Selbst wenn man noch so gründlich aufgeräumt hat.

Neben dem Posten von Bild- und Videoinhalten auf dem Profil Feed lassen sich Inhalte auch mit einer Sichtbarkeitszeit von 24 Stunden in die „Story“ laden. Außerdem können bis zu 60-minütige Videos veröffentlicht werden. Bei Reels handelt es sich in der Regel um kurze Videos. Zusätzlich zu den vorher aufgenommenen Inhalten ist es auch möglich, einen Video-Livestream („Instagram Live“) zu starten. Wenn User live sind, sehen ihre Abonnenten in Echtzeit, was sie filmen – zum Beispiel, was sie gerade tun oder wo sie unterwegs sind – und können den Stream kommentieren und so mit der Person, die live ist, interagieren.

Auf der „Erkunden“-Seite können Nutzer und Nutzerinnen auch vorgeschlagene Beiträge anschauen, die ein Algorithmus empfiehlt. Profile sind entweder für alle sichtbar auf „öffentlich“ gestellt oder privat und somit nur für diejenigen sichtbar, die dem Profil durch bestätigte Anfrage folgen. Über „Hashtags“ werden verschiedene Inhalte unter Schlagwörtern gesammelt und verbreitet. Auch wir haben viele Anregungen durch diese Funktionen geschenkt bekommen.

Wir geben es zu, auch wir freuen uns über ein Herzchen. Und noch mehr über einen Kommentar, der zeigt, dass jemand mitgedacht hat.

Instagram kann auch für kritische Statements verwendet werden. Die seit langem laufende Diskussion zu Schönheitsidealen ist ein rauschendes Universum, in dem body positivity, Schlankheitswahn, Übergewichtigkeit, Körperbehaarung und verwandte Themen hin- und hergeschleudert werden.

Wo die Massen sich neuen Trends hingeben, sind natürlich auch Stars und Sternchen nicht weit. Diese stellen durch persönliche Fotos und Videos eine vermeintliche Nähe zu ihren Fans her. Ein Großteil der Stars nutzt seinen Account zur exzessiven Selbstdarstellung – wie zum Beispiel Kim Kardashian mit über 356 Millionen Followern (Stand: Juli 2025) bei nur 6.423 Beiträgen. Sie selbst folgt nur 337 Accounts. Gerade Influencerinnen können mit Werbedeals durch große Followerschaft und damit verbundene Reichweite über die App Geld verdienen. Werbung, welche von Kindern und Jugendlichen oft nicht als solche erkannt wird. Unter denen nicht wenige sind, die als Berufswunsch angeben: Influencer.

Kinder und Jugendliche verloren in der Bilderflut?

Laut Nutzungsbedingungen ist Instagram ab 13 Jahren zugelassen. Bei der Anmeldung wird das Alter zwar abgefragt, die Angabe jedoch nicht überprüft. Der Selbstdarstellungsdrang und der Wunsch nach vielen Likes führen dazu, dass sich User mit immer außergewöhnlicheren, extremen oder vermeintlich perfekten Fotografien und Videos überbieten möchten. Die Folge sind Trends, die zum Posten freizügiger, sehr dünner oder anderweitig fragwürdiger Körperbilder animieren.

Instagram formuliert zwar in seinen Gemeinschaftsrichtlinien, dass Inhalte, die Gewalt, Hass, selbstverletzendes Verhalten oder Nacktheit zeigen, gelöscht werden. Dies kann allerdings etwas Zeit in Anspruch nehmen, während Screenshots der Inhalte aufgenommen und weiterverbreitet werden können.

Durch Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung ist nur schwer einzuschätzen, wer realistisches Material online stellt und wer nicht. Auch Stars schummeln nicht selten und tragen zu einem verzerrten Gesamtbild dessen bei, was jungen Leuten als erstrebenswertes Körperbild vermittelt wird. Hierbei hilft den Berühmtheiten unter den Influencern der Umstand, dass Bilder und Videos als aus dem Leben gegriffen erscheinen und vielen, insbesondere jungen Usern, der Inszenierungsgrad der vermeintlichen Schnappschüsse nicht ersichtlich ist.

Was Kinder und Jugendliche zuweilen auch nicht bedenken: dass viel Bildmaterial geschützt ist. Vorsicht gilt bei Fotos oder Videos, auf denen andere Personen zu sehen sind, von denen die Erlaubnis zur Veröffentlichung vorliegen muss. Dies gilt auch für Fotos von anderen aus dem Internet, außer diese wurden unter der Creative Commons-Lizenz zur freien Verfügung gestellt. Das kann rechtliche Konsequenzen haben, bei denen die Eltern auch zur Verantwortung gezogen werden können.

Ja, der Suchtfaktor ist enorm – und die Diskussion um ein Verbot ist zu führen. Ob es umgesetzt werden kann, bezweifeln wir. Wir erkennen an uns selbst, dass es schwer ist, davon vollkommen zu lassen. Wir schieben dann gern das Argument vor uns her, dass wir es auch als Arbeitstool verwenden. Zum Beispiel, um Anregungen für diese Kolumne zu bekommen.

Es gibt keine „Gesellschaft“: Es gibt nur Individuen in Konfigurationen

Es war die damalige britische Premierministerin Maggie Thatcher, die im Jahr 1987 auf eine soziologische Binsenweisheit aufmerksam machte: „There is no such thing as society“. Wer diesem Satz immer noch mit moralischer Ablehnung begegnet, ja ihn mit Abscheu vor kaltherzigen neoliberalen Ideen und rücksichtslosem Egoismus verbindet, hat die Kernnachricht der wissenschaftlichen Soziologie nicht verstanden.

„Die Gesellschaft“ ist ein soziales Konstrukt, Menschen sind immer mehr als die stumpfe Masse, der sie durch Bezeichnungen wie „die Gesellschaft“ zugerechnet werden sollen. Sie sind Individuen, und nur sie allein können denken, handeln und frei sein. Das alles kann das Kollektiv nicht. Insofern gibt es keine Gesellschaft, es gibt immer nur Individuen. Nicht einmal Faschismus, Kommunismus und Sozialismus waren in der Lage, uniforme Gesellschaften zu erzeugen, so gerne sie das auch getan hätten.

Mit Blick auf das Thatcher-Zitat forderte die NZZ-Journalistin Anna Schneider auf „Deutschlandfunkkultur“ dazu auf, sich auch mit dem restlichen Thatcher-Interview auseinanderzusetzen, was leider viel zu selten geschehe. Die britische Premierministerin sagte damals nämlich: „Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familien. Keine Regierung kann etwas tun, außer durch Menschen. Und die Menschen müssen zunächst einmal auf sich selbst achten.“

Thatcher meinte damit nicht, dass jeder nur auf sich selbst achten solle. Der Punkt ist vielmehr, dass nur derjenige sich auch um andere kümmern kann, der mit sich selbst im Lot ist, also für sich selbst Verantwortung übernimmt. Daher ist man notwendigerweise zunächst für sich selbst und seine Familie verantwortlich, was nicht bedeutet, dass man nicht auch anderen hilft, damit diese sich wiederum ebenfalls um sich selbst kümmern können.

Bei jeder menschlichen Interaktion stehen sich also stets reale Individuen gegenüber, es geht niemals um eine abstrakte Einheit, der man die Verantwortung für eigenes Unvermögen zuschieben könnte. Insofern sollte man Thatchers Aussagen als das verstehen, was sie sind: harsche Kritik am Anspruchsdenken des Nannystaates, der den Einzelnen nolens volens in die Selbstvergessenheit und Abhängigkeit zwingt.

Angesichts der Tatsache, dass liberale Demokratien auf den Rechten von Individuen – und eben nicht von Kollektiven – beruhen, ist diese ganz grundsätzlich individualistische Sichtweise alles andere als unangebracht oder gar unmoralisch. Es ist eine präzise Definition des mündigen Bürgers, der zu widersprechen auf die Negierung von Eigenverantwortlichkeit hinauslaufen würde. Und Instagram lehrt uns, diese soziologischen Einsichten zu verstehen. Denn diese Plattform hilft uns, größere Gemeinschaften zu errichten und zu pflegen, als wir das an unserem Esstisch könnten.

Es ist erneut eine gute Gelegenheit, den von uns schon mehrfach zu Rate gezogenen Klassiker der Soziologie, Norbert Elias, zu nutzen. Ihm zufolge fassen Menschen Pläne und vollziehen Handlungen, die mit den Plänen und Handlungen anderer Menschen ineinandergreifen. Es entstehen Interdependenzen und Figurationen, die Ordnungen erzeugen, die nicht von den einzelnen bestimmt werden, sondern die ihrerseits die einzelnen Menschen bestimmen. Diese Figurationen entwickeln sich im Laufe der Zeit und sie verändern sich unablässig. Es entstehen immer neue Beziehungsgeflechte, Verflechtungen. „Figurationen interdependeter Individuen“ nennt Elias das.

Auch bei Instagram, entwickeln sich sehr spezielle und hocherfreuliche Figurationen. Wenn wir unsere derzeitigen Follower mustern, würde es einige Zeit brauchen, um eine Aufstellung zu machen, wie wer mit wem seit wann und wie zusammenhängt und zusammenhing. Offene und gesättigte Valenzen, wie Elias das nannte, die zu oft recht komplexen Verflechtungen und Prozessen führen. Ohne eigentlichen Anfang und ohne determinierbares Ende, ein ewiger Strom solcher Verflechtungen, an deren Ende jedoch – davon war Elias fest überzeugt – so etwas wie eine „Menschengesellschaft“ stehen würde, die die ganze Menschheit umfassen würde. Bei uns können wir nur feststellen: Manchmal sitzen die durch Instagram neu Verflochtenen an einem großen Esstisch und diskutieren sich die Köpfe heiß. Denn wir versuchen manchmal, unsere über den Kanal entdeckten Bekannten bei einem Festmahl zusammenzubringen und zu schauen, was so passiert. Im realen Leben.

Auf nur einen einzigen, weiteren Aspekt sei hingewiesen: Es gibt seit geraumer Zeit kaum einen lebhafteren Ort, um über Glauben zu diskutieren als der digitale Raum. Die Zahl der Konten, auf denen über Spiritualität, Glaube und Christentum bei Instagram diskutiert und verhandelt wird, geht in die Hunderte. Die digitalisierte Gesellschaft, in der wir leben, verändert unsere Kultur mehr als nur die Medien, die wir nutzen. Es beeinflusst grundlegend die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir uns in Gruppen zusammenfinden, wem wir Glauben schenken und wonach wir unser Leben ausrichten. Eine Kultur der Digitalität ist entstanden und entwickelt sich, in der unter anderem auch Partizipation auf allen Ebenen möglich ist, in der ehemalige Hierarchien durcheinandergewürfelt werden und in der Themen einen höheren Stellenwert erhalten als Titel und Statusbezeichnungen. Sie sind ortsunabhängig. Menschen finden zusammen, die sich für Themen interessieren, ohne dass sie einander kennen.

Die ehemaligen pastoralen Räume, die aus einer Zeit vor der Kultur der Digitalität stammen, werden nicht verschwinden, aber sie werden ergänzt durch virtuelle Gemeinschaften, in denen engagiert verhandelt wird. Es ist des Nachdenkens wert, dass es vor allem Frauen sind, die diese Möglichkeiten für die crossmediale Glaubenskommunikation einsetzen. Natürlich gibt es klare Grenzen für diese Auseinandersetzungen, überall dort, wo die sinnliche Erfahrung das Entscheidende ist. Taufen, Verheiraten, Beerdigen geht nicht digital, sondern nur analog. Aber darüber zu verhandeln, geht gut im digitalen Raum. Und mit mehr Menschen als nur im Kirchenschiff. Auch auf Instagram.

Und so bleiben auch wir nicht nur bei den kleinen Runden am Esstisch oder den spärlich besuchten Gottesdiensten, sondern freuen uns an den Figurationen, die auf unseren Insta-Konten entstanden sind. Und verordnen uns nur manchmal eine kleine Crack-Insta-Pause. Nachts.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zur monatlich erscheinenden Kolumne „Rätsel des Lebens“ von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim.