„Es sind Dinge im Gange, die wir überhaupt nicht mehr beeinflussen können“

Ein Gespräch mit Laura Freudenthaler über ihren prämierten Text „Der heißeste Sommer“, politische Literatur und den Klimawandel

Von Mario WiesmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mario Wiesmann

 

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde Laura Freudenthalers Text Der heißeste Sommer mit dem 3Sat-Preis prämiert. Er kann auf der Website des Bachmannpreises heruntergeladen werden.

 

Direkt eine knifflige Frage zum Einstieg: Sie schreiben nicht nur Romane, sondern auch Glossen und Essays. Würden Sie sich als politische Autorin bezeichnen?

Ich bin der Meinung, dass es kein an sich unpolitisches Schreiben gibt. Bis zu einem gewissen Grad gilt das für Kunst im Allgemeinen, da jeder Künstler sich in gesellschaftlichen Verhältnissen befindet, auf die er in irgendeiner Form reagieren muss. Wenn er sich weigert, dazu ausdrücklich Stellung zu beziehen, ist das ja auch eine politische Haltung. Das Schreiben ist vielleicht insofern speziell, als man mit Sprache arbeitet. Und die Sprache, mit der ich umgehe, von der ich umgeben bin, ist keine neutrale Sprache. Es gibt keine neutrale, unbeeinflusste Sprache, und es gibt keine, die nicht von ihrer Zeit geprägt wäre. Ich empfinde mich insofern als politisch in meinem Schreiben, als ich tief betroffen bin vom Zeitgeschehen, von dem, was um mich herum passiert, und es mir unmöglich scheint, nicht darauf zu reagieren, auch wenn das nicht auf eine oberflächliche, unmittelbar kommentierende Art und Weise passiert.

Das heißt – wenn ich das jetzt mal so zuspitzen darf: engagierte Literatur ja, aber mit Betonung auf ‚Literatur‘?

Engagiert im Sinne von: Ich bringe mich ein und ich bin betroffen. Aber nicht im Sinne von: Ich möchte etwas Bestimmtes erreichen. Ich habe keine Botschaft oder Moral. Im Gegenteil, ich möchte, dass meine Texte mehr aufmachen, als sie beantworten oder vorgeben.

Trotzdem kann man, glaube ich, sagen, dass die Welt in Ihrer Geschichte noch ein bisschen düsterer aussieht als die Realität; mit Ernteausfällen und Flächenbränden, die beunruhigend nah sind. Steckt darin ein Appell oder ist das ein reiner Kunstgriff?

So viel düsterer als in der Realität ist es nicht. Diese Waldbrände rund um den Globus finden statt, und zwar das ganze Jahr über und nicht nur im Sommer (unserer Hemisphäre). Ernteausfälle gibt es jedes Jahr, bei uns und in anderen Weltregionen noch verheerender. In Österreich haben wir im diesjährigen Sommer keine Feldmausplage, Afrika aber wird von Heuschreckenplagen heimgesucht, die man geneigt ist als biblisch zu bezeichnen. Ich würde also sagen, die Situation ist in meinem Text gar nicht zugespitzt, aber durch die Art und Weise des Erzählens, durch das Näherrücken, wird es vielleicht deutlicher vor Augen geführt.

Ich habe einen Zorn, der in den Text eingeschrieben ist, den man wohl spürt. Das ist appellativ im Sinne von anrufend, ausrufend. Dazu gehört auch eine Empörung darüber, mit welcher Vehemenz diese Entwicklungen, die eben nicht einmal zugespitzt sind, sondern in genau dieser Dimension bereits vor sich gehen, ausgeblendet werden und dass nicht so darauf reagiert wird, wie es notwendig wäre.

Ihr Text lässt viel im Ungewissen, die Protagonistin hat ja auch etwas sehr Geheimnisvolles. Wie passt das zu einem so politischen Thema wie Klimawandel? Müsste Ihnen nicht eigentlich daran gelegen sein, Zusammenhänge und Hintergründe klarzumachen? Gerade die spart Ihre Ich-Erzählerin ja oft aus.

Für mich als Schriftstellerin ist es nicht die Aufgabe, mit der Literatur etwas zu erklären oder lehrhaft zu sein. Sollte jemand aufgrund der Lektüre das Bedürfnis haben, sich Informationen zu beschaffen, sich klimatologisches, meteorologisches Wissen anzueignen, ist das auch gut. Das Sachwissen, das ich mir aneigne, ist das Fundament, damit arbeite ich. Aber ich möchte es auf eine andere Ebene heben. Das ist gewissermaßen eine Poetisierung und durchaus problematisch: Bringe ich das in eine sprachliche und erzählerische Form, so bringe ich es in eine Ordnung, und wir lieben das Narrative auch deshalb so, weil die erzählerische Ordnung ein In-Ordnung-Sein suggeriert. Die Poetisierung, um bei diesem problematischen Begriff zu bleiben, birgt immer die Gefahr, die Dringlichkeit vergessen zu lassen.

Aber wie gesagt, ich möchte ja keine Aufrufe zu Klimaaktivismus verfassen, sondern Literatur schreiben. Der Text soll auf verschiedenen Ebenen gelesen werden können. Auf einer sehr konkreten Ebene geht es um klimatische Veränderungen und die Klimakatastrophe, es gibt aber auch die metaphysische Ebene und die psychologische. All das soll ineinandergewirkt werden, zu einem Textgewebe, dessen verschiedene Schichten sich eröffnen können, ohne je ganz eindeutig zuordenbar zu sein. Für Eindeutigkeit ist die Literatur nicht zuständig. Mir geht es um ein Schärfen der Wahrnehmung, durchaus auch über die Verstörung, die Störung der gewohnten oder erwarteten Sicht auf die Welt.

In ihrer Geschichte stellt die Natur eine Bedrohung dar – zum Beispiel in Form dieser Mäuseplage, die die Bauern mit Gift bekämpfen wollen. Aber am Ende legt dann die Protagonistin den Brand, dem das Dorf zum Opfer fällt. Wie sehen Sie denn das Verhältnis von Mensch und Umwelt?

Die Mäuse sind eine Bedrohung für die Landwirtschaft und damit für die Ernährung, also eine existenzielle Bedrohung. Das ist aber auch ein Ergebnis dessen, was der Mensch der Natur antut. Was wir momentan erleben, ist ein Ergebnis dessen, was in den letzten Jahrhunderten passiert ist. Konsequenz der Hybris des Menschen, seiner Vermessenheit, sich nicht einzuordnen und unterzuordnen, sondern alles bestimmen und regeln und ausbeuten zu wollen. Das kommt nun zurück und ist sehr, sehr bedrohlich. Mich fasziniert, wie folgerichtig sich all diese Kreisläufe dadurch, dass sie vom Menschen gestört werden, in Teufelskreise verwandeln. Die Kreisläufe ordnen sich neu, die Elemente greifen auf für uns Menschen verheerende Art und Weise ineinander. Die Mäuse im Text sind zugleich bedroht und bedrohlich. Da ist kein Ausweg mehr.

Die Konsequenz am Ende der Geschichte, dass die Protagonistin das Feuer legt, ist ja sehr rabiat. Da scheint auch ein Rachemotiv drin zu liegen. Würden Sie so weit gehen, zu sagen, dass der Mensch jetzt an zweiter Stelle steht, wenn es darum geht, das Klima zu retten?

Wir können das Klima nicht retten. Es sind Dinge im Gange, die wir überhaupt nicht mehr beeinflussen können. Ich würde nicht sagen, dass der Mensch an zweiter Stelle steht, ich würde sagen, er wird auf seinen Platz verwiesen. Und sein Platz ist in Abhängigkeit zu allen anderen Lebewesen, in Abhängigkeit von der Luft und dem Wasser, die er zum Leben braucht, und dem, was er zu fressen hat. Was ich hier sage, ist ja nicht neu, das habe nicht ich mir ausgedacht. Als ich ein Kind war, hatten meine Eltern diesen Aufkleber auf dem Auto (wie bezeichnend!): „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

Die Protagonistin meines Textes ist ein eigenartiges Wesen, sie hat eine besondere Verbindung zu Zwischenwirklichkeiten. Deshalb ist sie weder eindeutig diesen Menschen, die die Dorfbewohner repräsentieren, zuzuordnen, noch gehört sie zu den Mäusen (lacht). In einer mythologischen Lesart kann man sie auch als Rachegottheit sehen. Es ist einfach so: Je rabiater der Mensch sich weigert, eine demütige Haltung einzunehmen, desto rabiater entwickelt sich der sogenannte Lauf der Natur gegen ihn. Die Natur aber ist uns unendlich überlegen: Sie hasst nicht, sie begegnet uns mit absoluter Gleichgültigkeit.

Die Klimadebatte wurde dieses Jahr in den Medien sehr schnell von der Corona-Pandemie verdrängt. Die müsste Sie als Autorin doch auch sehr reizen, oder?

Ich denke nicht daran, sogenannte aktuelle Themen aufzugreifen. Was im Zuge der Corona-Pandemie passiert, ist doch wenig überraschend. Die nun in extremis zutage tretenden gesellschaftlichen Entwicklungen und Verwerfungen sind seit vielen Jahren sichtbar. Die Digitalisierung, die nun so rasend vorangetrieben wurde und wird, ist eng verknüpft mit der Entsolidarisierung, der Enthumanisierung. Aber noch einmal: Ich möchte keine politischen Analysen betreiben, das ist nicht meine Rolle, auch nicht meine Kompetenz. Es geht mir um tiefer liegende, um zugrundeliegende Fragestellungen. Wirklichkeiten und Möglichkeiten des Zusammenlebens, des Miteinandersprechens, Innenleben und Außen, Grenzen der Wahrnehmung. Und immer darum, eine Form zu finden, die kein Darüberprechen, also kein Überstülpen von vorhandenen Kategorien und Wendungen und Begriffen, sondern ein Erforschen, ein Zu-verstehen-Versuchen ist.  

Wir erleben gerade turbulente Zeiten – nicht nur mit dem Klimawandel und Corona, sondern auch mit sehr bedenklichen politischen Entwicklungen in Österreich, Deutschland und vielen anderen Ländern auf der ganzen Welt. Wünschen Sie sich, dass die Literatur jetzt auch politischer wird?

Ich halte für bedenklich – das heißt, man sollte nicht aufhören, es zu bedenken und zu benennen –, dass der sogenannte Literaturbetrieb so sehr und immer noch mehr nach Marktmechanismen funktioniert. Wie alles andere auch. Das verhindert, wie überall anders auch, Subversivität. Wer bin ich, mir etwas für die Literatur zu wünschen, die Literatur braucht meine Wünsche nicht. Egal, was der Markt für Bedingungen diktieren will, wirkliche Literatur wird immer unbedingt sein.