Das Cute wird den Menschen töten

“Cuter Akzelerationismus” von Amy Ireland und Maya B. Kronic ist nicht cute

Von Fabian VugrinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Fabian Vugrin

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Disclaimer: Wer nach diesem Text weniger versteht als zuvor, sollte dringend das Buch lesen, um noch viel weniger zu verstehen als zuvor (aber dafür 1 Cutie zu werden (und irgendwann (vielleicht) doch wieder ein wenig mehr zu verstehen als zuvor)).

Cuter Akzelerationismus ist darke, antihumanistische Deleuze & Guattari Fanfiction im Geiste des berüchtigten Godfather of Accelerationism (((Nick Land))) – jetzt auf Deutsch. Leider ist die Ausgabe von dem tollen, unabhängigen Merve Verlag nicht einmal ansatzweise so pink und cute getakelt wie die Originalausgabe von dem genauso tollen und unabhängigen britischen Verlag Urbanomic. Dafür aber, und das ist nicht nichts, auf Deutsch: danke Carla Cerda.

Amy Ireland und Maya B. Kronic beantworten in Cuter Akzelerationismus im Wesentlichen eine Frage:

„Was heißt Cute?”

Cuter Akzelerationismus ist eine sich gleichermaßen in die Zukunft bahnbrechende, wie von dieser Zukunft zu uns hereinbrechende Fluchtlinie – ein “unaufhaltsamer Prozess”, eine “sich beschleunigende[], planetarisch-kulturelle[] Mutation”, eine cutifizierende Zerstörung, ein schlummernder Dämon, eine von der Zukunft erfüllt werdende Prophezeiung, immanente Kritik, avantgardistischer Auswurf, ein produktiver Wunsch: “Lieber eine Zukunft, die von flauschigen Planetoiden, Megaflomps, Blobjekten und schwärmenden Katzenmemes bevölkert wird, als ein endloser Doomscroll, den nur letzte Menschen, d. h. Trübsal blasende Prepper und heroische Shitlord-Truther überleben”. Das ist keine Frage.

Das Cute ist ein abjektes Hyperobjekt; eine reale Virtualität, die nur noch nicht verwirklicht ist; Cute ist die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit; Cute ist ein bei der Entstehung der Welt eingeschleuster Parasit, der seinen Wirt immanent, subkutan, innen und außen, Stück für Stück konvertiert, zersetzt und absetzt, ehe er den Menschen im Menschen vollkommen und endgültig eliminiert hat.

Cute ist alles oder nichts, Vielheit ohne Einheit. Das Cute wird den Menschen töten.

Die riajuus, aka Normies, aka Normalos (also alle, die die Begriffe, moé, kawaii, LARP, NEETS, uwu, E-Girls, T-Girls und vermutlich auch Normie noch nie gehört haben) – und insbesondere die „Daddy Admins“ (AgentEN des Status quo) – werden mit all dem nicht viel anfangen können. Denn sie sind Teil des Problems und Cute ist die Lösung.

Cuter Akzelerationismus ist irgendwie Anti-Land (also gegen die Fetischisierung einer harten, männlichen, faschistischen Kernschmelzung der vom Humanen bevölkerten Biosphäre in die Techno-Singularität (die KI-Akzelerierung jedoch ausgenommen)) und irgendwie auch nicht. Beide Autorïnnen (das schöne Gender-Trema [ï] lernt man spätestens mit diesem Text) entsprangen auf die ein oder andere Weise jenem sich in der Mitte der 90er-Jahre an der Warwick University aufgetanen Wurmloch namens CCRU (Cybernetic Culture Research Unit), und verlassen jene von Nick Land vorgepflügte theoretische Furche des inhumanen Akzelerationismus nicht. Anstelle des anastrophischen Kollapses in die posthumane Techno-Singularität “moétiviert”, “modelliert”, “neotenisiert” sich “die Welt” in Kronics und Irelands Wünschen in eine sonderbare, techno-affirmative, noosphäroid ausgeformte allumfassende Cuteness: “Nichts Uncutes schafft es aus der näheren Zukunft und Cute wird sehr bald nichts mehr auch nur annähernd Menschliches an sich haben.” Schön ist das Ganze nicht. Aber “[v]ielleicht wird ja doch noch alles cute. (Aber nicht auf natürliche Weise… und nicht für die Menschen, so viel ist klar.)”.

Man muss die Welt insgeheim schon aufgegeben haben (was ja immer leichter wird), man muss die (humanistische (patriarchale (männliche))) Gesellschaft aus tiefstem Herzen hassen (was ja irgendwie nur logisch ist?) und man muss die herkömmliche Realität als Konzept schon lange verabschiedet haben (was Philosophïnnen ja früher oder später tun), um ein solches Manifest zu schreiben.

Bin ich „Daddy Admin”? Bin ich ein Cutie? Bin ich cute? Habe ich überhaupt eine Wahl?

Ich will das Cute hassen, aber kann es nicht, weil es seine Aufgabe noch nicht erfüllt hat.

Titelbild

Amy Ireland / Maya B. Kronic: Cuter Akzelerationismus.
Aus dem Englischen von Carla Cerda.
Merve Verlag, Berlin 2025.
168 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783962730840

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