Keine Wahlverwandtschaft
In „Sylter Welle“ porträtiert Max Richard Leßmann seine Liebe zu unliebsamen Großeltern
Von Rebecca Voeste
Der Husumer Max Richard Leßmann ist vielseitig interessiert, vor allem an Wörtern und den verschiedenen Formen, in die sie sich bringen lassen. Zu seinen Passionen zählen das Dichten, das Podcasten und die Musik – insbesondere Indie-Rock, den er als Solist oder mit seiner Band Vierkanttretlager produziert. Seine poetische Wortkunst teilt er seit 2019 auf seinem Social Media-Account auf Instagram, wo sie ihn rasch zu einem vielbeachteten Phänomen aufsteigen ließ. Leßmanns täglich veröffentlichte Kurz- und Kürzestgedichte finden bei 120.000 Followerinnen und Followern Anklang. Eine diverse Mischung seiner online geteilten Poesie wurde 2022 vom Verlag Kiepenheuer & Witsch in dem Gedichtband Liebe in Zeiten der Follower veröffentlicht. Im August dieses Jahres folgte sein autobiografischer Debütroman Sylter Welle. Zunächst gibt der Text vor, eine Erzählung aus der Sicht eines jungen Mannes über einen letzten Kurzurlaub mit den Großeltern zu sein, später erweist er sich aber als Chronik der Familienerinnerungen.
Bisher hat der Ich-Erzähler namens Max jeden Sommer mit seinen Großeltern Lore und Ludwig auf Sylt verbracht. Nun besucht er sie dort, um ein letztes Mal drei gemeinsame Tage im Haus „Sylter Welle“ zu verbringen. Der Urlaub ist ein kathartischer Abschied von der Insel und der Vergangenheit. Die letzten gemeinsamen Tage auf Sylt offenbaren glückliche, schmerzhafte und skurrile Erinnerungen an vergangene Jahre, an die Großeltern, Eltern, Cousins, Cousinen und Geschwister, aber auch Geschichten, die sich weit vor der Geburt des Protagonisten zugetragen haben. Sie bilden den Ausgangspunkt für Max‘ Reflexionen über seine Großeltern: Was hat Lore und Ludwig zu denen gemacht, die sie sind?
Jetzt sind die beiden alt geworden. Sie haben ihren geliebten Camper verkauft und beschlossen, das Urlauben sein zu lassen. Lore färbt ihre grauen Haare nicht mehr, holt Max zu Fuß statt mit dem Auto vom Sylter Bahnhof ab. Ludwig hat es aufgegeben, täglich akribisch Tagebuch zu schreiben und zeigt sich zunehmend vergesslicher. Sie gehen auf die 90 zu. Das Alter macht sie weicher, zugänglicher als in den Jahren zuvor, und in diesem letzten Urlaub findet Max mit seinen Großeltern zusammen.
Sylter Welle, ein Generationenroman per excellence, gleicht einer literarisch erarbeiteten Familienaufstellung. Nach und nach erläutert Max auch die abgelegenen Stammbaumzweige, zum Beispiel den der Urgroßeltern oder -tanten. Detailliert und mit Zärtlichkeit erzählt er nicht nur von der eigenen Kindheit und Jugend, sondern greift auch Anekdoten aus dem weiteren Familienkreis auf. Emotional aufgeladene Erzählungen von Beerdigungen, Hochzeiten und Kriegserlebnissen, große Themen wie Geburt, Tod oder Abschied wechseln sich mit banalen, jedoch nicht weniger interessanten Geschichten über Haustiere, Streiche und Spiele der Kindheitab. Mit jeder weiteren Anekdote enthüllen sich Dynamiken und Beziehungsgeflechte, die bei Lore und Ludwig zusammenlaufen.
Der Roman lebt von einer nahbaren Figurenzeichnung. Trotz und wegen der unsympathischen Charaktereigenschaften wecken die Protagonisten das Interesse der Leserinnen und Leser. Lore ist kalt und rau wie die Nordsee. Sie ist die „einarmige Matriarchin“, die „Feldherrin“ der Familie, die personifizierte Dominanz. Ihre Liebe drückt sie aus, indem sie ihr Umfeld bekocht, anstatt sentimentale Worte zu verlieren. Und sie richtet mit scharfem Blick über alles, was sich in der Familie zuträgt. Als etwa ihr ältester Enkel Max nach einem Schwimmunfall mit einem gerissenen Trommelfell am Strand zusammenbricht, weist sie ihn bloß schonungslos zurecht:
„Mein Gott“, hörte mein funktionierendes Ohr sie noch sagen. „Jetzt lass doch mal das elendige Gewese. So kalt war es jetzt doch auch nicht.“
Großvater Ludwig, von dem Max vermutet, dass ihn Lores jahrelanges eisernes Regime zu einem „widerstandslosen Befehlsempfänger“ gemacht hat, ist auch kein Mann der großen Worte – seine gelegentlichen cholerischen Ausbrüche ausgenommen, die im Alter stetig nachlassen. „Eisbärpranken“-Ludwig scheint vor allem aus überdimensional großen Händen zu bestehen, die Max‘ Erinnerungen an ihn begleiten; dreckige Arbeiterhände, vor denen er sich ekelt, die aber wunderbar klatschen können.
Leßmanns leicht verständlicher, klarer Stil ist von dem selbstironischen, melancholischen und humoristischen Weltblick des Ich-Erzählers geprägt. Besonders reizvoll ist er, weil zwischen poetisch anmutender und alltagsgebräuchlicher Sprache amüsante Brüche stattfinden:
Ganz früh morgens und kurz vor Sonnenuntergang brach am Himmel plötzlich ein Feuerwerk der Farben los, alle Stufen Rot, sattes Violett, geradezu exzentrisches Pink, während tagsüber der kleinste Streifen Blau am schmutzigen grauen Himmel mancher Herbst- und aller Wintertage die Seltenheit und den Eventcharakter einer dreischweifigen Sternschnuppe hatte. Am späten Nachmittag kann man manchmal ein par Töne Gelb abstauben, aber Vormittag, Mittag und Nachmittag sind schon allein wegen der stumpf und schwerfällig am Himmel klebenden Wolken immer total im Arsch.
Nichtsdestoweniger neigt Leßmann dazu, seine Sätze mit Adverbien und Superlativen zu überladen. Gerade der erste Teil des 220-seitigen Romans leidet unter Sätzen, die mit Füllwörtern gestreckt sind. Insgesamt bleibt die erste Hälfte des Romans hinter der zweiten zurück – und das nicht nur stilistisch.
Auch die vorherrschende Thematik der ersten 140 Seiten ist redundant: Es geht um Essen in verschiedenen Ausführungen, zu unterschiedlichen Anlässen. Es ist zwar nicht verwunderlich, dass Leßmann verschiedenen Speisen Platz gibt, weil der Esstisch für viele Familien der einzige Ort der regelmäßigen Zusammenkunft ist. Gleichwohl verliert sich der Autor in den Beschreibungen von sauren Apfelringen, seiner Abneigung gegen Würste, das sogenannte „Margarinenfiasko“, Hähnchenkeulen und Kartoffeln. Essen ist für Leßmann immer ein Ankerpunkt, um Erinnerungen und Geschichten zu teilen, doch die seitenlangen Monologe, etwa über Butter, erschöpfen sich schnell.
Im zweiten Teil des Romans hingegen wartet – für die Verhältnisse eines Urlaubs mit einem 90-jährigen Rentnerpaar – eine deutlich spannendere Handlung, die Geheimnisse und Traumata der Familie offenlegt.
Sylter Welle bleibt vor allem wegen der liebevollen Schilderung der Figuren und trotz der stilistischen Schwächen eine runde und empfehlenswerte Geschichte. Max erzählt nahbar und ehrlich, ohne Selbst- oder Fremdscham, und hebt die Gräben, die Geschichten, seiner Familie und der Vergangenheit aus, um eine Generation zu verstehen, die im Begriff ist, von der Welt zu verschwinden. Es sind Gräben, die auf nahezu jede Mehrgenerationenfamilie übertragen werden können, was Leserinnen und Leser zum Nachdenken über die eigene Familie einlädt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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