Einmal Mumbai und zurück
Bodo Kirchhoffs Roman „Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt“ ist so einfühlsam wie gelungen
Von Peter Mohr
Bodo Kirchhoff gehört mit seinen inzwischen 77 Jahren zu den erfolgreichen Altmeistern der deutschen Literatur. Seit rund vierzig Jahren schreibt der in Frankfurt und in Torri del Benaco am Gardasee lebende Autor durchgehend auf hohem Niveau. Seinen großen Durchbruch hatte er 1990 mit dem Roman Infanta geschafft, 2016 war er für Widerfahrnis mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Kirchhoff pflegt ein ausgeprägtes Faible für etwas „schräge“ Romantitel. Nach Seit er sein Leben mit einem Tier teilt (2024) nun also Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt.
Bei aller Routine hat sich Kirchhoff eine gewisse formale Experimentierfreudigkeit bewahrt. Er erzählt seinen neuen Roman aus derInnenperspektive einer Frau. Viktor (genannt Vigo) breitet uns einen Teil der Lebensgeschichte seiner Frau Therese (genannt Tess) aus, die sich nach langjähriger Ehe von ihm trennt. Das geschieht ohne Melancholie und ohne Pathos. Die Psychologin Tess ist Vigo nach Mumbai nachgereist. Der Friedensforscher hat sich dorthin zurückgezogen, um als Rentner sein lange geplantes Buchprojekt umzusetzen – eine Art Essay über eine Welt ohne Waffen. „Ich wollte nicht als Autor selbst über eine Frau schreiben, sondern ich wollte ihren Mann über seine Frau schreiben lassen, weil er immer noch derjenige ist, der sie am allerbesten kennt“, hatte Kirchhoff kürzlich seinen „Kunstgriff“ erklärt.
Die attraktive und selbstbewusste End-Sechzigerin Tess („Sie wird nie einen Verschönerer an ihr Gesicht lassen, was immer daraus werden mag“) lernt in Indien den deutlich jüngeren Hotelier Rana Walter Panjabi kennen und stürzt sich in eine turbulente Affäre. Tess‘ Grund für die Reise nach Mumbai war die Frage, „welchen Sinn es noch hat, zusammenzubleiben“.
Kirchhoff beschreibt detailliert die Eindrücke, die Tess beim Flanieren durch die indische Metropole gewinnt. Fremde Gerüche von exotischen Speisen mischen sich mit Eindrücken von hoffnungslos überfüllten Märkten, einer Visite in einer Bordellgasse und dem Kennenlernen eines zwielichtigen Schweizer Waffenhändlers.
Diese gegenwärtigen Impressionen vermischen sich mit Tess‘ Erinnerungen an ihre Kindheit in einem Schwarzwalddorf unweit von Freiburg. Vigo schreibt aus der Innenperspektive seiner Frau, über Gefühle, Enttäuschungen und über mal mehr, mal weniger erfüllenden Sex. Bodo Kirchhoff hat viel Lebensweisheit in seinen opulenten Altersroman einfließen lassen. Es ist keine nüchterne Bilanz dabei herausgekommen, sondern eine behutsame Annäherung an Entwicklungslinien, an Trennendes und auch an Gemeinsamkeiten. Ziemlich erschüttert zeigen sich Vigo und Tess, als sie von der Verlobung ihrer Tochter, einer erfolgreichen Investmentbankerin mit autistischen Zügen, erfahren. Der Auserwählte ist ausgerechnet ein Bundeswehr-Major, der in Litauen an der Nato-Ostgrenze eingesetzt ist. Pazifist Vigo verwandelt sich zunehmend zum Waffennarr, die Therapeutin Tess versagt ausgerechnet bei der Behandlung der eigenen Tochter.
Und ein letzter Versuch im Bett endet in einem Desaster. Nach nicht einvernehmlichem Sex ist von einem „irreparablen, unverzeihlichen Akt“ die Rede. Das wiederum klingt ganz stark nach kühler männlicher „Denke“ und schmälert den rundherum gelungenen Gesamteindruck des Romans ein wenig.
„Ich versuche immer mit den Figuren, an denen ich arbeite und die ich in meinen Büchern kennenlerne, mich aus der Melancholie heraus zu entwickeln. Das tun die Figuren auch“, hatte Bodo Kirchhoff vor einigen Jahren erklärt.
Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt ist ein einfühlsamer Roman über eine langsame Trennung, ein Buch des Scheiterns ohne Kampf und Krampf, ohne Kitsch und Tränen, das schrittweise „Sich-Abfinden“ steht im Mittelpunkt.
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