Recherchen zum Lebenslauf eines Gemäldes
Die Graphic Novel „Zwei weibliche Halbakte“ des französischen Zeichners Luz
Von Ulrich Klappstein
Die Graphic Novel als neues Medium hat seit den Achtziger Jahren eine erstaunliche Resonanz beim Publikum gefunden, was deren erzählerischer Komplexität und inhaltlicher Vielfalt geschuldet ist. Bekannte Beispiele sind Alan Moores Watchmen (1985), Art Spiegelmans Maus – Die Geschichte eines Überlebenden (1986) und auch Marjane Satrapis Persepolis (2000), die es alle auf die internationalen Bestsellerlisten geschafft haben. Der Berliner Verlag Reprodukt ist mittlerweile bekannt für seine besonders ansprechend ausgestatteten Graphic Novels, etwa für die bereits im Jahr 2024 erschienene Umsetzung des Romans Die Strasse, in welcher der Zeichner Manu Larcenets die dystopische Welt des Romans von Cormac McCarthy bildgewaltig eingefangen hat.
Nun ist im selben Verlag ein Werk des früheren „Charlie-Hebdo“- Zeichners Luz erschienen, für das er im letzten Jahr auf dem 52. Comicfestival in Angoulême mit dem wichtigsten Comicpreis Frankreichs, dem Fauve d’Or, ausgezeichnet worden ist. Von Luz, mit bürgerlichem Namen Rénald Luzier, war schon im letzten Jahr eine Comic-Adaption eines literarischen Werks erschienen, das in der Literaturszene für viel Furore gesorgt hat – die urbane Soziotopie Vernon Subutex von Virginie Despentes, die in der graphischen Interpretation ihres Wunschzeichners Luz so etwas wie einen Seelenverwandten gefunden hatte, der dem ›Sound‹ der Vorlage treu geblieben ist und die Möglichkeiten des Mediums durch neue Perspektiven erweitert hat. Ähnliches ist dem Zeichner auch mit seinem neuen Werk gelungen, für das er sich jedoch einem ganz anderen Genre zugewendet hat: der Malerei des Expressionismus am Beispiel eines deutschen Künstlers, der neben den anderen, einem breiteren Publikum wahrscheinlich bekannteren Vertretern wie Max Pechstein, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff oder Ernst Ludwig Kirchner, meist am Rande steht: der Brücke-Künstler Otto Mueller (1874–1930). Seine Holzschnitte, Zeichnungen und besonders seine Leimfarbenmalerei gehören heute zum Bestand bedeutender Kunstmuseen und werden mittlerweile in vielen Sonderausstellungen gewürdigt.
Diesem Ausnahmemaler hat sich Luz gewidmet, genauer: eigentlich nur einem seiner vielen Werke, dem 1919 entstandenen Gemälde Zwei weibliche Halbakte, das auch unter dem Titel Zwei Schwestern bekannt ist. Parallel erzählt er nicht nur die Lebens- und Ehegeschichte des Künstlers, sondern auch die Geschichte des Aufstiegs der Nationalsozialisten in Deutschland. Dafür wählte er eine ungewöhnliche, aber dafür umso raffiniertere Erzählperspektive. Der Betrachter wird zunächst in die Breslauer Malwerkstatt hineinversetzt und wohnt dem allmählichen Schaffensprozess beim Malen des Bildes bei, aber das nicht in der üblichen Draufsicht, sondern immer aus der Perspektive des Gemäldes, das die Akteure der Handlung ansehen, wenn es sie bei ihren Aktionen begleitet. So auch bei der Wanderausstellung „Entartete Kunst“, in der im Jahr 1937 Künstler und Werke des expressionistischen Jahrzehnts an mehreren Orten des Deutschen Reichs neben anderen als „kulturbolchewistische Darstellungen pornographischen Charakters“ (Originalton der Eröffnungsrede des Malers und NS-Funktionärs Adolf Ziegler) diffamiert wurden.
Gemalt wurde das Gemälde im Spiegel der privaten Lebenssituation des Künstlers, kurz vor der Scheidung von seiner ersten Frau Mascha. Später wurde es an den jüdischen Sammler Ismar Littmann verkauft und wurde dort Teil seiner knapp 6000 Werke umfassenden Sammlung. 1934 nahm sich Littmann aufgrund antisemitischer Repressalien das Leben. Mit dem Entstehungsprozess des Gemäldes und seiner Rolle in der deutschen Kunstszene auch über das Ende des Dritten Reichs hinaus, der Restitution verbannter Kunstwerke und ihren seltsamen Wegen im Kunsthandel sowie mit vielen anderen biografischen Fakten hat sich Luz intensiv beschäftigt. „Da wurden Kunstwerke buchstäblich zu Feindbildern gemacht“, wird der Comic-Künstler zitiert. „Darin sehe ich eine Parallele zu meinen eigenen Erfahrungen.“ Denn nur durch Zufall hatte Luz den Anschlag auf die Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“ im Jahr 2015 überlebt. Dem Karikaturisten, der am 7. Januar 1972 im französischen Tours zur Welt gekommen war, hat dieses Datum gleichsam sein Leben gerettet: denn am 7. Januar 2015 hatte er verschlafen und die wöchentliche Redaktionssitzung um 10 Uhr, bei der gegen 11.30 Uhr ein großer Teil seiner Kollegen ums Leben kamen, verpasst, weil er am Vorabend in seinen Geburtstag hineingefeiert hatte.
Luz war dann als Zeichner des ersten „Charlie Hebdo“-Titelbildes nach dem Anschlag bekannt geworden und übernahm nach der Ermordung seiner Kollegen für einige Monate auch die Leitung der Comic- und Satirezeitschrift.
Auf die Frage, warum er ausgerechnet dieses Bild ausgewählt habe, nahm Luz anlässlich eines Interviews in der Kölner Galerie Ludwig, in deren Besitz sich heute das Gemälde Muellers befindet, Stellung. So habe er keines der heute berühmteren Bilder aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ nehmen wollen, sondern seine Auswahl sei mehr „eine intuitive Sache“ gewesen, da das Doppelporträt ihm als Betrachter einen breiten Spielraum für eigene Empfindungen gelassen habe. Trotz des untergründigen Ernstes, der Schilderung des „Schicksals“ eines einzelnen Kunstwerks, liest sich die Graphic Novel zunächst wie eine halb-traurige Ehegeschichte, gewinnt jedoch dann einen doppelten Boden, weil sie auch einen Blick auf das Verhältnis von Männern und Frauen in der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirft. Danach entwickelt sich das Buch zu einem düsteren Comic mit dokumentarischem Charakter und mit abrupt wechselnden Perspektiven, immer gezeigt aus den „Bewegungen“ des materiellen Bildes, aus dessen Sicht ja erzählt wird – ein geschickter und neuartiger Kunstgriff. Das Buch liest sich deshalb auch als Kommentar zur Gegenwart, als Appell, gegenüber dem Aufstieg der extremen Rechten und einer politischen sowie kulturellen Zensur wachsam zu sein.
Es ist deshalb ein empfehlenswerter Band, der mit ganz anderen Mitteln arbeitet als die meisten Graphic Novels, der ein Zeugnis ablegt vom Schicksal vieler weltweit von Repression belegter Künstlerinnen und Künstler und natürlich auch vom Schicksal des Cartoonisten Rénald Luzier selbst. Dieser taucht ganz am Ende des Buches als Gestalt eines alten Mannes mit zwei Leberflecken im Gesicht auf, der vor dem im Kunstmuseum ausgestellten Bild stehen bleibt. Er schaut uns direkt an, mehrere Bilder lang, und scheint sich immer mehr zu freuen. So, wie man sich freut, wenn man einen alten Freund wieder trifft, den man zuerst gar nicht mehr erkannt hat. Erst danach, ganz zum Schluss, am Ende des Buchs, gestattet uns Luz – quasi als Umkehr der bisherigen Erzählperspektive – eine Gesamtansicht auf das Gemälde Otto Muellers. Das Bild schaut uns an, jedoch nicht als Reproduktion wie in vielen Kunstkatalogen üblich, sondern in Form einer nachgestalteten Interpretation des Originals, ebenfalls durch den Cartoonisten.
Beigefügt und an dieser Stelle klug platziert ist das Nachwort von Rita Kersting, stellvertretender Direktorin des Museum Ludwig, Köln, in dem sie noch einmal auf die Rolle des bis dahin „unsichtbaren Gemäldes“ verweist, das uns „auf seiner Reise durch Orte und Zeiten viel verrät über die Kraft der Kunst, über ihren wechselnden, aber auch anhaltenden Wert, über ihre politische Unterdrückung und über die Zuneigung und Rührung, die sie auslösen kann.“
Für alles das steht diese spannende Dokufiktion der Graphic Novel aus der Feder des Zeichners Luz, die durch weitere Beigaben noch ergänzt wird: so eine Bibliographie ausgewählter Bücher zu Otto Mueller und zur Politik und Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie durch informative Kurzbiographien der „handelnden Personen“: natürlich der des Malers Otto Mueller und seiner Frau Maria „Maschka“ Mayerhofer, dazu derjenigen des Architekten und Designers August Endell (bis zu seinem Tod Direktor der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau), des Geschäftsmanns und Sammlers moderner Kunst Ismar Littmann und seiner beiden Töchter Eva (die Otto Mueller Modell stand) und Ruth (die für die Restitution der ihrem Vater geraubten Gemälde kämpfte) und auch derjenigen von Adolf Ziegler, der von Joseph Goebbels zum Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste ernannt worden war und für die umfassende Beschlagnahmung moderner Kunst in deutschen Museen und für die Organisation der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ verantwortlich war. Gewürdigt wird auch der Kölner Anwalt Josef Haubrich, der für den Rückkauf vieler Werke moderner Kunst für das Wallraff-Richartz-Museum sorgte, und nicht zuletzt wird uns auch der Schwiegersohn eines deutschen Schokoladenfabrikanten vorgestellt, Peter Ludwig, der, inspiriert durch die Sammlung Haubrichs, seine eigene Sammlung für Gegenwartskunst der Stadt Köln vermachte.
Eine Chronologie der Ereignisse von 1919 bis 2001, der letzten Hängung des Gemäldes Zwei weibliche Halbakte in der Abteilung für Expressionismus im Museum Ludwig, Köln, wird ebenfalls abgedruckt, und als begrüßenswerte Beigabe beschließt das Buch eine Liste der „entartet“ genannten Werke, die – so der Autor Luz – „den Weg von Zwei weibliche Halbakte kreuzten“. Geliefert wird also ein Gang durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts mit Nennung der Künstlerinnen und Künstler und der im Buch erwähnten Titel ihrer Kunstwerke. Nur schade, dass die Nachweise der Seitenzahlen ins Leere laufen: nach Auskunft des Berliner Verlags hat man bei der Übertragung aus dem französischen Original (Éditions Albin Michel, département bande dessinée, 2024) die Seitenzahlen schlicht vergessen, was man bei der sicherlich erfolgenden Nachauflage aber berücksichtigen werde …
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