Knopfs Brecht

Jan Knopf hat mit „Bert Brechts Weimarer Geschichten“ eine „soziale Biografie“ Bertolt Brechts geschrieben

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jan Knopf hat unbestreitbare Verdienste um Bertolt Brecht. Er ist Mit-Herausgeber der „Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe“, die als gesamtdeutsches Unternehmen bei Aufbau und Suhrkamp verlegt wurde, Autor des ersten Brecht-Kommentars und Herausgeber des zweiten, und schließlich Autor und Herausgeber einer Reihe von Arbeiten, die das Thema Bertolt Brecht behandelten. Wahrscheinlich ist die Zahl der Forscher, die derart tief in Werk und Leben des Autors Brecht eingetaucht sind, an einer Hand abzuzählen – wenn Knopf nicht eh der einzige ist, der sich so viel Brecht, ja, auch angetan hat. Was Knopf auf den Weg gebracht und abgeschlossen hat, ist eine riesige Lebensleistung. Auch unter dem Aspekt, dass er unerhört viele Kolleginnen und Kollegen in seine Projekte eingebunden hat. Selbst dass die Editoren Heidelberger Couleur sich im Nachgang zur Brecht-Ausgabe Knopfs an Brecht herangemacht haben, lässt sich wahlweise als Grundsatzkritik verstehen – oder eben auch als Anerkennung des Umstands, es hier mit einem Großen des Faches zu tun zu haben, an dem man sich gut abarbeiten kann. Ganz besonders, wenn derjenige Jan Knopf heißt, der ja mit seinen Meinungen und Ansichten nicht groß hinterm Berg hält.

Nun also eine „soziale Biografie“ Brechts, mit der titelgebenden Eingrenzung, es hier mit dem Autor der Jahre bis 1933 zu tun zu haben. Exil und Nachkriegszeit bleiben also unberücksichtigt, während die Jahre bis 1918 noch eingebaut sind (Augsburg ist irgendwie auch Weimar).

Mit seinem 800 Seiten umfassenden Wälzer verspricht Knopf nicht weniger als ein detailliertes und materialangereichertes Werk, das es in sich zu haben scheint. Und dem ist auch nicht zu widersprechen. Denn immerhin wird man von Knopf bis ins kleinste Detail und mit immer neu angesetzten Überlegungen zu dessen Bewertung eingebunden, so dass mit dieser Brechtbiografie weniger eine in sich geschlossene Werkbiografie vorgelegt wird, als ein facettenreiches Brecht-Kompendium, mal wieder und immer gern.

Allerdings ist es fraglich, ob sich Knopf mit diesem Band wirklich einen Gefallen getan hat – womit hier auch mitgeteilt sein soll, dass es im Folgenden eigentlich nur noch um Manöverkritik und nicht um eine inhaltliche Würdigung gehen soll. Denn wer wäre man, Knopf bei den biografischen Details und Auslegungen zu widersprechen?

Bereits mit der Korrektur der allgemein kolportierten Schreibweise jener Maria Rosa Amann als Marie Rose Aman, deren Liaison mit Brecht in der berühmten Erinnerung an Marie A. verewigt worden sein soll, macht das erkennbar. Die Forschung wird für die falsche Schreibung des Nachnamens gescholten, und die Beziehung selbst ist anscheinend auch nicht das, was man sich sonst darunter vorgestellt hat. Knopf selbst folgt im ersten Handbuch der Forschung (aber das war ja auch in den Achtzigern), im zweiten wird auf die Namensverschiebung hingewiesen. Da war auch Knopf ein paar Jahrzehnte und Dokumente klüger, was ihm gegönnt ist. In dem nun vorliegenden Band kommt er nun auch noch zu dem Schluss, dass Brecht und Amann eben nichts miteinander hatten, außer gegebenenfalls als Ausgangs- oder Endpunkt der literarischen Produktion Brechts. Was erneut darauf verweist, dass man biografischen Auslegungen nicht trauen darf, und Brecht (wie auch Knopf oder Benn) ernst zu nehmen sind, wenn sie klarstellen, dass Literatur – und insbesondere Lyrik – kein Ausdruck psychischer Zustände sind, sondern Produkt harter Arbeit. Die Marie A. ist eben keine Rosa Maria Amann, was weder für noch gegen die eine oder andere spricht.

Soweit, so Knopf zu folgen – mit anderen Worten, sehr vernünftig und korrekt gedacht. Die Kunst, Biografien zu schreiben, ohne von der Literatur auf die Person zu schließen – vor allem immer dann, wenn dokumentarisch kaum etwas zu holen ist – ist freilich eine hohe Kunst und erfordert große Disziplin, gerade weil man vom Werk nicht absehen kann bei Literaten.

Hinzu kommt ein Argument, das Knopf stark macht, und auf das immerhin verwiesen sein soll, nämlich die mangelnde Kommunikationsfähigkeit von Sprache, die eben für die intersubjektive Kommunikation nicht taugt. Soll heißen: Empfindungen – und was auch immer – des einen Subjektes einem anderen mitzuteilen, sodass es das Kommunizierte nachvollziehen, teilen oder gar verstehen kann, sei eben nicht Sache der Sprache. Dem ist, epistemologisch gesehen, kaum zu widersprechen, ohne hier ins Detail zu gehen. Was freilich niemanden daran hindert, sich immer aufs Neue daran zu versuchen, und sei es literarisch. Wagnis Kommunikation eben, was jeder weiß, der intim, privat, öffentlich, amtlich, gesellschaftlich oder auch gar politisch zu kommunizieren versucht. Das geht auch in den merkwürdigsten Situationen nach hinten los, was entweder hochgestochen gesprochen Wittgensteinsches Schweigen oder neue Anläufe provoziert.

Allerdings sind die Vorbehalte gegen den Band, den Knopf vorgelegt hat, nicht zu verschweigen. Das fängt bereits mit der „Ausstattung“ des Bandes an, der außer viel Text und einem Register keinen Apparat enthält. Ein Literatur- und Quellenverzeichnis findet sich nicht, auch keine Fußnoten und keine Einzelnachweise. Knopf betont zwar ausdrücklich das Regelhafte seiner wissenschaftlichen Studie, auch wenn sie „alle Regeln seriöser Literaturwissenschaft“ missachte (als ob das einen Unterschied macht). Und im Grundsatz mag man ihm alles glauben, was er anführt und behauptet, bis hin zum Wortlaut seiner Zitate. Aber Glaube ist keine wirklich nützliche wissenschaftliche Haltung, und Kontrolle geht über Vertrauen. Auch wenn man selten dazu kommt, hätte man gern die Möglichkeit nachzuschlagen – und eben auch zu prüfen, was Knopf hier niedergeschrieben hat, und zwar ohne größeren Initialaufwand. Denn ja, das meiste, das Knopf zitiert, lässt sich irgendwie erschließen und damit nachprüfen, aber es bleibt der Eindruck, dass ein solcher wissenschaftlicher Liebesdienst nicht Knopfs Sache ist. Darf man ihm das durchlassen? Was jeder für sich ausmachen soll.

Die Anlage des Bandes weist aber auch noch in anderer Hinsicht eine Schlagseite auf: Knopf hat seine Arbeit ausdrücklich als „soziale Biografie“ ausgewiesen, was nun doch ein wenig an die mittlerweile sozialhistorische Basierung der Literaturwissenschaft erinnert. Aus jenen längst vergangenen Jahrzehnten stammt denn auch noch die Aufgabe, bei der Einbettung literarischer Produkte in ihre Entstehungszeit umfängliche sozialhistorische Studien zu treiben und sie gegebenenfalls als Abriss dem Ganzen voranzustellen. Das hat immer das methodische Problem provoziert, Textexegese und Sozialgeschichte aufeinander zu beziehen. Aber wenn Knopf auch nur ansatzweise an solche Ansätze anknüpfen will, dann wird man bei ihm bestenfalls noch Restbestände vorfinden. Wenn es etwa um Brechts Schulzeit geht, kommt Knopf mit einem Verweis auf – auch das noch – Thomas Manns Hanno Buddenbrook und einem Vorverweis auf die Brechtschen „Flüchtlingsgespräche“ aus. Was denn als Hinweis darauf genügen muss, wie Brechts Schulalltag ausgesehen haben „könnte“. Da wird es dann „sozial“ ein bisschen dünn.

Dass es Knopf darüber hinaus stilistisch gelegentlich ein wenig durchgeht, kommt hinzu, bis hin zu einigen Stilblüten. Man merkt solchen Passagen die Erregung des Verfassers an, ohne dass die Argumentation damit besser würde, respektive ganz im Gegenteil. Gut, dass Knopf gelegentlich ein „Arsch“ unterläuft, sei ihm verziehen, aber die Unschärfen und Widersprüche, die ihm im Argumentationsfluss unterlaufen, sind hinderlich.

Diese lassen sich etwa an dem Passus erkennen, bei dem es um die Genehmigung der Kriegskredite von Seiten der SPD 1914 geht. Dass Knopf auf Distanz zur SPD-Politik geht, sei ihm zugestanden. Man kann auch immer noch bedauern, dass die Novemberrevolution 1918 gescheitert sein soll, gerade an der Sozialdemokratie. Um darüber zu sprechen, müsste man allerdings mehr in den Infight gehen, etwa über die Folie Bolschewismus, dessen Wirkungen 1918 schon bekannt genug waren. Auch dazu kann man mehrere Meinungen haben.

Aber Knopf verrennt sich eben auch, auch argumentativ: Wie man 1918 einen „Rückfall in die Nationalismen“ hätte verhindern können, die (trotz Kapitalismus) längst nicht vergangen oder überwunden waren (und in die man so hätte „zurück“ fallen können), sondern eigentlich erst konsolidiert waren, ließe sich fragen.

Ganz missraten sind Formulierungen wie die vom „übersteigerte(n) Größenwahn und buchstäbliche(m) Wahn-Sinn“, die Knopf für die aufgeheizte politische Stimmungsmache im Sommer 1914 findet. Solche Übertreibungen machen nichts deutlich, sondern verwässern nur: Wo der intellektuelle Nährwert in der Steigerung von Größenwahn besteht und was unter einem „buchstäblichen“ und dann auch noch „Wahn“ „Sinn“ zu verstehen ist, ist dem Verfasser dieser Zeilen nicht zugänglich – zumal es hier um Machtpolitik ging, deren Kalkül vielleicht nicht geteilt werden mag, die man freilich dennoch konkreter benennen kann. Es sei denn, Knopf habe vortragen wollen, dass alles seinerzeit noch schlimmer gewesen ist, als man ausdrücken kann. Dann muss man freilich auch keine Wissenschaft betreiben.

Anders formuliert, für solche stilistischen Unbeherrschtheiten darf man sich auch als verdienter Wissenschaftler zu schade sein, auch wenn es einem wahlweise auf der Zunge oder der Tastatur liegt. Bleibt also Knopfs Band als Fundgrube zu loben, seine Argumentationen jeweils der Prüfung anheimzugeben, und ansonsten wegzulesen, wenn Knopf daherschimpft. Das macht es ein bisschen mühsam, aber die Mühe soll und kann man sich machen. Es lohnt sich.

Titelbild

Jan Knopf: Bert Brechts Weimarer Geschichten. Soziale Biografie.
Metzler Verlag, Heidelberg 2024.
823 Seiten , 149,99 EUR.
ISBN-13: 9783662693759

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