Im verschleierten Zwischenland
Marina Krugs Gedichtband „Kolibrisland“ entwirft eine Poetik der Verborgenheit und des leisen Widerstands
Von Florian Birnmeyer
Es ist ein merkwürdiges Zwischenland, in das Marina Krug ihre Leserinnen und Leser mit ihrem 2025 bei Königshausen & Neumann erschienenen Band Kolibrisland führt. Der Band versammelt Gedichte, geordnet in mehrere Kapitel, darunter „Durch die Zeit“, „Positionen“ und „Spielereien“. Dr. Marina Krug, 1960 in Bernau bei Berlin geboren, veröffentlichte 2000 in Frankfurt am Main eine literaturwissenschaftliche Dissertation zu Else Lasker-Schüler. Bereits 1994 war ihre wissenschaftliche Abschlussarbeit zu Henriette Hardenbergs Gedichtband „Neigungen“ erschienen. Später folgten lyrische Veröffentlichungen in Anthologien.
Kolibrisland ist Krugs erste eigene Gedichtanthologie. Sie fällt durch einen eigentümlichen, mysteriösen und oft verschleierten Ton auf. Wer diesen Gedichten folgt, gerät schnell ins Rätseln. Das lyrische Ich zeigt sich nicht unmittelbar. Vielmehr versteckt es sich hinter Worten, die sich nicht immer fügen wollen, hinter Bildern, die irritieren, sich entziehen und gerade dadurch im Gedächtnis bleiben. In „Abends“ heißt es:
Und schon pellen sich vage Bilder aus / meinem Kopf, die fremd und wilder / Nachts in Lexemen zungenwärts fliehen.
Synästhetisch und surreal muten die Texte dieses Bandes bisweilen an. Sie bewegen sich in einer halbseidenen Zeitlichkeit, in einer Bildwelt, die sich selbst noch nicht ganz zu trauen scheint. Etwas wird erahnt, aber nicht ganz ausgesprochen. Da ist die Angst vor dem Fremden, die Ahnung eines Anbruchs, der jedoch nie eindeutig benannt wird. Vielleicht liegt gerade darin die politische Sprengkraft dieses Bandes: Sie bleibt verborgen, fast verbarrikadiert hinter Vogel- und Tierbildern. Wichtig für Krugs Lyrik sind Vögel wie der Kolibri, aber auch weiblich konnotierte Tiere wie die Katze.
Immer wieder begegnen den Lesern Amputierte, Nuancen, Akkorde, beginnende Abende, Morgenröten. Vieles scheint auf halbem Weg festgehalten. Nur in der Ruhe findet das Bewusstsein seine Kraft, auch seine schöpferische. Es spricht zunächst zu sich selbst, dann zu den Bildern und Texten und schließlich zu einem Gegenüber, das imaginiert oder wirklich sein kann. Gemeinsamkeit scheint für dieses lyrische Ich von großer Bedeutung zu sein. Und doch ist diese Gemeinsamkeit gestört.
Durch die Gedichte scheint immer wieder eine DDR-Biographie hindurch, ebenso wie Traumata aus jener Zeit, die der Schriftstellerin und Lyrikerin Marina Krug anzuhaften scheinen. In einem Interview über ihr Engagement in der Kirchenbewegung der DDR wird deutlich, dass Krug als lesbische Frau politisch aktiv war, Widerstand leistete und dem Staatsapparat gegenüberstand. Über Homosexualität war in der DDR öffentlich wenig bekannt. Die Zurückhaltung des lyrischen Ichs, seine Selbstverborgenheit, lässt sich vielleicht aus dieser historischen Erfahrung nicht vollständig erklären, aber doch besser verstehen.
Im Kontext heutiger Lyrik wirkt Kolibrisland fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Wie ein Relikt, das sich auf eigenständige Weise behauptet. So verharrt das lyrische Ich immer wieder in der Kindheit, in einer tierisch-kindlichen Welt, die es vielleicht längst nicht mehr gibt und nie mehr geben wird. Das Ende des Paradieses wird in „Abschied“ auf morgen verschoben:
Bleiche Mutter grünes Aug zwischen Lippen die
tippen an mein Herz deine Fingerspitzen wischen
Staub. Kaum bleibt Zeit am lauen Abend Adé zu
sagen. Halte dich gut langes Kindsein.
Eine der Fragen, die dieser Band aufwirft, ist auch die nach dem, was heute deutsch ist. Die DDR existiert im lyrischen Ich weiter. Und doch ist sie nicht mehr da. Das Verbot, das Tabu, die gesellschaftliche Verdrängung der Homosexualität existieren weiter. Und doch sind sie historisch vergangen. Kindheit und Mutter existieren weiter. Und doch ist das Ich selbst inzwischen in einem Alter angekommen, das einst die Mutter hatte. Wie darauf reagieren? Wie dafür Bilder finden? Wie Sprache?
Das lyrische Ich, das in dieser „giftigen Metropole“ lebt, versucht es, indem es nach Worten sucht, sich zurückerinnert, nach Vogelbildern greift und sich in ein lyrisches Idyll entgleiten lässt, das keines ist. Für einen Moment sollen Zeit und Vergänglichkeit stillgestellt werden. Doch gerade diese Stillstellung gelingt nie ganz. Sie bleibt brüchig, fragil, gefährdet.
Als ich in den Zwiespalt Zeit
getreten bin wie nie zuvor Vögel
des Frühlings im Sinn kam
August. Du schnittest einen
Granatapfel aus Dimensionen
freien Tuns in Spiralen meiner
Kindheit im sechziger Jahr.
In solchen Passagen zeigt sich die Stärke von Krugs Lyrik. Ihre Bilder sind nicht immer zugänglich, manchmal sperrig, manchmal eigensinnig dunkel. Doch gerade diese Dunkelheit gehört zu ihrer poetischen Haltung. Kolibrisland ist kein Band, den man schnell lesen kann. Es ist ein Buch der Andeutungen, der verletzten Erinnerung, der poetischen Selbstbehauptung.
Marina Krugs Gedichte führen in ein Land, das zugleich Innenraum, Erinnerungsraum und politischer Schattenraum ist. Ein Kolibrisland eben: klein, flirrend, schön, gefährdet und kaum festzuhalten.
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