Beim Beobachten beobachtet

Der Erzählband „Unter die Oberfläche“ stellt die slowenische Autorin Mojca Kumerdej vor

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine Mutter verfolgt mit lauernder Aufmerksamkeit, wie ihre kleine Tochter am Strand einem aufblasbaren Delfin ins Meer nacheilt, von den Wellen erfasst wird und ertrinkt. Ein Mädchen spricht in einsamen Stunden mit ihrem Freund Michael, der im Himmel ist, wie alle sagen, und enthüllt in Andeutungen ein böses Familiengeheimnis. Ein verdeckter Ermittler fahndet unter wechselnden Identitäten nach Agenten und kommt sich selbst dabei abhanden. In immer wieder neuen Variationen erzählt Mojca Kumerdej von Begebenheiten, die eine überraschende Wende nehmen.

In Friedrich Dürrenmatts Novelle Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter heißt es: „zu jedem Beobachten gehöre ein Beobachtendes, das, werde es von jenem Beobachteten beobachtet, selbst ein Beobachtetes werde“. Mojca Kumerdejs Erzählungen erinnern unwillkürlich an diese „banale logische Wechselwirkung“, wie sie Dürrenmatt nennt. Ein Erzähler oder meist eine Erzählerin beobachtet ein Gegenüber, das Person oder Szene sein kann, um während des Beobachtens unwillkürlich zur selbst Beobachteten zu werden, als ob das Gegenüber zurückblickte. Der erwähnte Fahnder in der Erzählung „Katsa“ kennt diesen Blick: „diese amorphe Materie, dieses urzeitlich menschliche Organ, das einen anderen unsichtbar berührt, sodass er sich instinktiv umsieht“. Er weiß, dass darin die Gefahr der Paranoia lauert, gegen die er sich mit aller Kraft wappnet. Doch kaum hat er den gesuchten H.S. aufgespürt, gerät er selbst ins Visier – seiner selbst oder einer fremden Macht. Er weiß es nicht …

Ganz so vertrackt wie Dürrenmatts Novelle sind die Erzählungen von Kumerdej nicht angelegt. Die Autorin legt die Situationen der Beobachtung klarer an, dennoch verraten sie eine Doppelbödigkeit, mit der die Beobachterposition ins Wanken gerät. In der Erzählung „Defekt“ verfolgt eine Frau so verstohlen wie genüsslich das Tun ihres Mannes im Wissen darum, dass er eine Geliebte hat, dass er aber nicht weiß, dass sie es weiß. Doch was sie beobachtet, kehrt sich immer drängender gegen sie selbst, zeigt ihre Verletztheit, wird zum Selbstbild einer Einsamen, die sich mit ihrem geheimen, doch nutzlosen Wissen schadlos hält. Am Ende bleibt ihr zwischen Lust und Rache nur das Eingeständnis der eigenen Niederlage. Es ist dieser zarte Dreh, der die Spannung aufrechterhält. Vergleichbar funktioniert auch die eingangs erwähnte Titelerzählung „Unter die Oberfläche“. Die Aufmerksamkeit, mit der die Mutter zusieht, wie das eigene Kind ertrinkt, ist ihre Rache daran, dass sie sich von der tiefen Zuneigung zwischen Kind und Vater ausgeschlossen fühlt. Am Ende hat sie ihren Mann wieder ganz für sich, weil er sich am Tod der gemeinsamen Tochter schuldig fühlt.

Unter die Oberfläche vereinigt Erzählungen, die zwischen 2003 und 2022 entstanden sind und unterschiedliche Erzählstrategien sichtbar machen. Oft sind es innere Monologe, die haarklein festhalten, was äußerlich geschieht oder im Kopf hin und her rotiert. Manchmal erzählt Kumerdej auch in auktorialer Rede, beispielsweise in „Der Nussbaum“, einer verwirrenden Geschichte über ein Coming-out, das die Autorin in ein Bauerndrama verpackt. Nicht jede der insgesamt dreizehn Erzählungen wird gleichermaßen von der Intensität des Beobachtens getragen. Zuweilen wirken die Geschichten vorhersehbar angelegt, um dann doch mit einer überraschenden Wende zu enden. So auch in „Manchmal sagt Michael nichts“. Aus kindlicher Perspektive wird eine familiäre Situation geschildert, in der die junge Erzählerin von Mama immer als die „Pro-ble-ma-tisch-ste“ gescholten wird, weshalb sie in stiller Zwiesprache beim verstorbenen Michael Zuflucht sucht. Aus Trotz und Vorsicht beobachtet sie genau, was vor sich geht, ohne es richtig einordnen zu können. Vor allem verstört sie, warum ihre ältere Schwester immer trauriger wird und warum Papa nachts aus ihrem Zimmer kommt. Als die Schwester ins Sanatorium muss, ahnt das Kind seine Ohnmacht, „dass ich in Wahrheit allein bin … und traurig … und wütend … sehr wütend …und unglücklich … einsam … allein …“

Nicht nur hier verraten die drei Auslassungspunkte am Ende, dass Kumerdejs Geschichten mal unerlöst, mal beiläufig ausklingen und verstummen. So auch in der bezaubernden Erzählung „Marija auf der Terrasse“. Eine Gruppe von Jungen scharwenzelt in der Wohnsiedlung um die hübsche, ältere Marija herum. Sie sind betört von ihrer Anmut, sie verfolgen sie permanent mit ihren Blicken und wenn möglich tragen sie ihr den Einkauf in die Wohnung hoch. Die Eltern beobachten es mit Argwohn, was die Jungen indes nicht weiter stört. Als Marija auf einmal verschwunden ist, beginnt das große Rätselraten. Ist sie weggezogen, oder vom Balkon gesprungen, wie gemunkelt wird? Wer war sie eigentlich? So genau die Jungs Marija mit ihrer Aufmerksamkeit verfolgt haben, so wenig Konkretes erfahren wir aus ihrem Bericht über sie. Sie bleibt die reine Projektion ihrer „amorphen“ Blicke – rein im doppelten Sinn. Jahre später aber ist die Faszination verblasst, die einst Umschwärmte ist nur noch „so eine Marija halt …“.

Mojca Kumerdej liebt es, ihren Figuren die Stimme zu leihen, sie beim Beobachten, Projizieren und Grübeln zu beobachten. Die straffe Beziehung zwischen beobachtender und beobachteter Person verwandelt das Beobachten in eine Selbstbeobachtung, eine verräterische Selbstreflexion. Darin gipfelt auch die letzte Erzählung „Mein Leben mit Erik“, die aus dem Alltag einer alleinstehenden Frau berichtet. Erik ist ein selbstfahrendes Auto. Ein persönlicher Name, wurde der Käuferin gesagt, sei hilfreich für ihr Vertrauen in die autonome Technik. Die Ich-Erzählerin Eva macht sich „Erik“ zur Gewohnheit. Vorab bei schlechter Laune stört sie zwar dessen algorithmisch berechnender Gleichmut, dafür darf sie Erik mit Witzen traktieren oder ihn auch mal blöd hinstellen – er versteht es ohnehin nicht. Bis eines Tages ein Unglück passiert. Eine Passantin rennt auf die Straße, Erik berechnet das kleinste Übel und fährt in eine Mauer, mit dem Effekt, dass einzig Eva, die Erzählerin, verletzt wird. Dahinter steht die mittlerweile berühmte Frage nach dem „Todesalgorithmus“, wie ihn Roberto Simanowski in einem gleichnamigen Essay 2019 erörtert hat. Wen gefährdet ein autonom fahrendes Auto in einer Notsituation. Die Erzählerin ist trotz des glimpflichen Ausgangs wütend, weil sie von Erik verlangt, dass er sie als Insassin zuallererst schützt. Das klassische Dilemma, auf das der Algorithmus nicht eintreten kann. Doch auch hier findet Kumerdejs Erzählung eine listige Wende. Die Erzählerin ändert ihre Strategie und will mit Freundlichkeit und Empathie die autonome KI so erziehen, dass sie lernt, sie bei einem Unfall rechnerisch bevorzugt zu behandeln. Auf diese Weise wäre ein Zusammenleben mit Erik durchaus eine gute Alternative dafür, dass Eva mit Menschen nicht so recht klarkommt.

Titelbild

Mojca Kumerdej: Unter die Oberfläche. Erzählungen.
Aus dem Slowenischen übersetzt von Erwin Köstler, Liza Linde, Karin Almasy und Fabjan Hafner.
Wallstein Verlag, Göttingen 2023.
224 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783835354760

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