Das Geschlecht der Autorität

Notwendige Überlegungen zu Hilge Landweers und Catherine Newmarks Sammelband „Wie männlich ist Autorität?“

Von Daphne TokasRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daphne Tokas

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Haben Sie sich einmal Gedanken dazu gemacht, weshalb so viele Frauen in höheren Positionen kleine, gemeine Biester sind – gefühlskalt, berechnend, schnippisch, rechthaberisch und darüber hinaus auch noch angezogen „wie Männer“? Bestimmt. Haben Sie sich die gleichen Gedanken auch bei männlichen Vorgesetzten gemacht? Wahrscheinlich nicht. Den meisten Männern – sagen wir: historischen Personen, etwa Revolutionären, aber auch noch lebenden Politikern, Firmenchefs, Geschäftsmännern, Universitätsprofessoren, ja selbst Lyrikern – scheint ein magischer Nimbus zu eigen, den man im Volksmund eben „Autorität“ nennt. Man hat sie oder hat sie eben nicht. Wenn Frauen diesen Nimbus tragen, erscheinen sie uns oft als „männlich“.

Dabei ist Autorität, zeigen uns die Autorinnen in Wie männlich ist Autorität?, nicht eine feste Eigenschaft, die an Geschlechtern haftet und genetisch weitergereicht wird, sondern die in sozialen Zusammenhängen durch normierte Praxen und die dazugehörigen kulturellen Dispositive produziert und reproduziert wird. Wie wir unsere Stimme nutzen, uns anziehen, mit Worten und Menschen jonglieren und uns diskursiv einbringen, bestimmt maßgeblich, ob uns diese Zuschreibung widerfährt oder nicht. Obwohl die mit dem Phänomen „Autorität“ zusammenhängenden gesellschaftlichen Probleme, Fragen und Wirkungsmomente in der Männlichkeitsforschung und den weiter gefassten Gender Studies bereits vielfach untersucht worden sind, scheint eine detaillierte Analyse dessen, was der Begriff selbst eigentlich meint und erzeugt, jedoch ausgeblieben zu sein. Der Sammelband möchte, so die Herausgeberinnen Hilge Landweer und Catherine Newmark, diese Lücke interdisziplinär schließen.

Autorität sei nicht nur einfach ein „gesellschaftliches Ordnungsprinzip“ oder eine „soziale Interaktionskategorie“, sondern zugleich der Anker sämtlicher moderner Kritiken. Schon immer waren historische Umwälzungen mit der Kritik dessen verbunden, was wir Autorität(en) nennen. Ob ein König gestürzt wurde oder nur die eigenen Eltern (oder gar beides), immer handelte es sich dabei direkt oder indirekt um die Aushandlung einer Kategorie, über die nie tiefergehend verhandelt wurde. Dabei ist Autorität nichts Schlimmes oder etwas, das man bekämpfen müsste, sondern zuerst einmal ein notwendiger Prozess gesellschaftlicher Bewegung. So bemängelt Sylka Scholz, dass zahlreiche Theoretiker*innen zwar die Verschränkung hegemonialer Männlichkeit in abstrakter Weise mit Macht und Herrschaft analysierten (etwa Robert W. Connell in Der gemachte Mann) und im Anschluss daran einen institutionellen und symbolischen Nexus von Autorität und Männlichkeit ausmachten (etwa Michael Meuser in Hegemoniale Männlichkeit), was schließlich zur gesellschaftlichen Dominanz „der Männer“ geführt habe. Was Autorität beschreibe, sei aber mystisch geblieben.

Scholz geht am Beispiel Angela Merkels der Frage nach, ob die Bundeskanzlerin ihrerseits hegemoniale Männlichkeitskonzepte verkörpere und sich diese zunutze mache oder gar für eine neue Form hegemonialer Weiblichkeit stehe. Sie vereinbare auf wunderbare Weise doing femininity und doing authority, weil sie zwar einzelne repräsentative Konzepte ihrer männlichen Vorgänger übernehme, diese aber feminin akzentuiere. Da Merkel zu beidem in der Lage sei, trage sie insgesamt dazu bei, Geschlechterkonstrukte zu verschieben. Wirklich? Für dieses steile Fazit ist der Aufsatz etwas zu kurz, nicht präzise genug, vielleicht auch einfach zu hoffnungsvoll. Wahrscheinlich ist es für eine solche Schlussfolgerung aus historischer Perspektive noch viel zu früh. Immerhin sprechen wir hier von der Frau, die gleichgeschlechtliche Ehen für Humbug hält und nicht erklären kann, weshalb.

Dennoch sind die zahlreichen Beiträge des Sammelbandes insgesamt ein überaus wertvoller Beitrag zur Sozialgeschichte der Autorität, weil sie psychologische, moderne Gefühlsdynamiken (wie etwa Neid und Autorität) mit historischen und philosophischen Veränderungen verknüpfen und abgleichen. Das geschieht in dieser Ernsthaftigkeit und Nachvollziehbarkeit selten in den Gender Studies. Der Aufsatz von Till van Rahden etwa – Was war die „vaterlose“ Gesellschaft? – untersucht mit Fokus auf Alexander Mitscherlich den symbolischen Mythos des „Vatermangels“ in den Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts, von vielen Autoren im Nachhinein als ein funktionales Fehlen der Vaterrolle, des männlichen Vorbildes, inszeniert. Gekonnt analysiert der Autor die damaligen Tücken politischer Selbstverständigung über autoritär-männliche (Vaterschafts-, Staats- und Familienlenker- sowie Demokratie-)Konzepte. Seine Auseinandersetzung mit der „frühbundesrepublikanischen Obsession mit der ‚Vaterlosigkeit‘“ ist mehr als reflektiert – und relevant: Auch heute noch gibt es Menschen, die gleichgeschlechtlichen Erziehungspartner*innen unterstellen, da „fehle“ etwas.

Zwar kann an dieser Stelle nicht auf alle Beiträge des Bandes eingegangen werden, jedoch ist die Linie, die er durch historische, politische, philosophische und sozialwissenschaftliche Perspektiven zieht, beeindruckend. Auch gegenwärtige gesellschaftliche Herausforderungen wie Rechtspopulismus und die #MeToo-Debatte werden in Einzelbeiträgen nicht nur berücksichtigt, sondern kritischer betrachtet als das bisher der Fall war. Darüber hinaus finden die Autor*innen eine mögliche Antwort darauf, wie die feministische Aneignung philosophischer Traditionen künftig aussehen könnte.

Bei allem Respekt ist die italienische Idee des Affidamento, die sich durch zahlreiche Beiträge zieht, aber ein alter Hut. Klar, Frauen sollten nett zueinander sein, sich aufeinander beziehen, ihre Leistungen wertschätzen, einander mehr – und möglicherweise auf andere Weise – beachten als Männer es bisher taten. Nur können wir in einer Gesellschaft, in der es so viele männliche Feministen gibt, nicht allein bei dieser Idee stehenbleiben – die übrigens bereits bei der Denkerin Mary Daly als „frauenidentifiziertes“ Verhalten zu finden ist. Zudem muss man sagen, dass die feministische Verweigerung, Autorität ein Geschlecht zuzuschreiben (oder dies nur über Mutterschaft leisten zu können), um sie auf ein neues Level zu heben, auch in diesem Sammelband fehlschlägt. Wir müssen uns auch dann, wenn die feministisch gewendete Idee der Autorität ein ambivalentes, ungeschlechtliches Gesicht trägt, fragen, welche Züge dieses Gesicht auch heute noch trägt. Die sind leider „männlich“ konnotiert, was auch immer das bedeuten mag. Vollständig arbeiten die Autor*innen das bis zuletzt nicht heraus.

Vielleicht wollen sie es auch nicht zugeben. Aber es ist schon ein ziemlich tolles Gefühl, als Frau so stark wie ein Mann wahrgenommen zu werden, gegen Männer zu gewinnen, ernstgenommen zu werden wie ein Mann, nicht unterbrochen zu werden wie eine Frau, sich durchzusetzen wie ein Mann, in einem BMW nachts durch die Straßen zu düsen und die Scheibe herunterzulassen, nur um rauchend aus dem Fenster zu blicken und hinter der Sonnenbrille zu zwinkern. Mit der „männlichen“ Maske durch das Leben zu laufen, gibt Männern und Frauen gleichermaßen einen Kick. Ja, wir müssen zugeben: So sehr wir auf abstrakter Ebene versuchen, die Autorität von ihrem Geschlecht zu lösen, so stark ist doch nach wie vor der Beigeschmack, dass sie männlich ist und bleibt. Statt zu versuchen, das Gesicht der Autorität neu zu malen, sollten wir deshalb vielmehr versuchen, endlich etwas anderes an die Stelle dieses Konzeptes zu setzen, das in einer menschlicheren Zukunft für mehr Frieden und Zusammenhalt sorgt. Maren Wehrle legt eine solche Lösung indirekt in ihrem Beitrag Rückkehr der Autorität? nahe. Dieser Beitrag kann wohl als der bemerkenswerteste des ganzen Bandes gelten. Autorität ist weder falsch noch richtig, sie ist dynamisch und unvermeidbar, sie geht und kommt. Aber sollte man sie deshalb wirklich zur feministischen Zentralinstanz erheben, sollte man ihr unterstellen, ein Werkzeug zu sein, dessen sich nur Männer bedienen, oder ein Werkzeug, das Frauen brauchen, um sich zu „befreien“? Das sind Fragen, auf die uns im letzten Teil des Buches auch Frauke A. Kurbacher, Andrea Günter und Kartin Wille stoßen – und ohne Antwort zurücklassen.

Dennoch – bevor wir das nächste Mal einen Anzug tragen und für unser Bewerbungsfoto in die Kamera lächeln, lesen wir vielleicht dieses Buch. Es ist die investierte Zeit nicht nur wert, sondern eine der wenigen zeitgenössischen Neuerscheinungen in den Sozialwissenschaften, die, würden mehr Menschen darin lesen, für eine großartige, notwendige und gesamtgesellschaftliche Verunsicherung sorgen würde. Die Autor*innen lehren uns, dass Autorität ein Spiel ist. Ein gewitztes, manchmal gruseliges, noch öfter aber heiteres, erfolgreiches Gesellschaftsspiel. Schade, dass wir noch nicht so weit sind, seine Regeln zu ändern. Aber bald.

Titelbild

Hilge Landweer / Catherine Newmark (Hg.): Wie männlich ist Autorität? Feministische Kritik und Aneignung.
Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2018.
363 Seiten , 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783593509938

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