Protokoll 42

Hervé Le Telliers oulipotischer Hyper-Roman „Die Anomalie“ ist ein unterhaltsames literarisches „scoubidou“

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Mathematik-Koryphäen aus Princeton erhalten in Hervé Le Telliers Roman Die Anomalie den Auftrag, ein Protokoll für alle denkbaren Bedrohungslagen, die Flugzeuge betreffen, zu erarbeiten. Sie sollen im Rahmen der Aufarbeitung von 9/11 dafür sorgen, dass Fehlerketten zukünftig vermieden werden und Zuständigkeiten in Fragen der Luftsicherheit geklärt sind. Auf die Rückfrage des amerikanischen Verteidigungsministeriums, wie man aber mit anders gelagerten, also unmöglichen oder undenkbaren Szenarien umzugehen habe, entwerfen Adrian Miller und seine Kollegin Tina Wang das Zusatzprotokoll 42 – einen gut bezahlten Scherz, der auf die bekannte Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens durch den Supercomputer in Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis anspielt.

Protokoll 42 kommt schließlich zur Anwendung, als der Flug 006 von Paris nach New York beim Durchfliegen einer Cumulonimbuswolke identisch verdoppelt wird. Nach einer ersten Landung im März landet das Flugzeug ein weiteres Mal drei Monate später, im Juni 2021. Die eilig aus ihren Betten geholten, angesehensten Wissenschaftler der USA stehen vor einem Rätsel, für das sie jedoch zehn mögliche Erklärungen anzubieten haben, sieben scherzhafte und drei ernst gemeinte. Eine elfte, vom amerikanischen Präsidenten in einer Videoschalte vorgeschlagene Hypothese, Gott selbst könne doch in seine Schöpfung eingegriffen haben, wird hingegen verworfen. Vielmehr dürfe man davon ausgehen, so die Mehrheitsmeinung, dass die aufgetretene Anomalie mit der Bostrom-Hypothese zu erklären sei.

Diese auf den in Oxford lehrenden Philosophen Nick Bostrom zurückgehende Simulationsthese postuliert, dass die meisten Menschen bereits jetzt sehr wahrscheinlich in einer computersimulierten Welt leben, sofern zukünftig eine hochtechnisierte, ‚posthumane‘ Entwicklungsstufe erreicht würde, die zudem an der Simulation ihrer Ahnen interessiert sei. In diesem Fall wäre die Weltsimulation nicht von der Realität zu unterscheiden. Innerhalb der Romanfiktion erscheint es am wahrscheinlichsten, dass die Anomalie im Raum-Zeit-Gefüge ein bewusst gesetzter glitch im Simulationscode ist, um zu sehen, wie die Menschheit auf die Offenlegung ihrer fiktiven Umwelt reagiert. Man müsse mit anderen Worten davon ausgehen, dass es sich bei dem Ereignis um eine Art „Test“ einer höheren Intelligenz handle, den man zu bestehen habe, da das Experiment andernfalls abgebrochen werde.

Mit seinem klug konstruierten, unterhaltsamen Roman L’anomalie ist Hervé Le Tellier ein Überraschungserfolg gelungen, der 2020 mit dem Prix Goncourt sowie im vergangenen Jahr mit dem belgischen Äquivalent, dem Choix Goncourt de la Belgique, ausgezeichnet worden ist. Inzwischen hat er allein in Frankreich eine Millionenauflage erreicht, erfährt Übersetzungen in über 30 Sprachen und ist zudem für eine Serienadaption vorgesehen. Le Tellier ist Mathematiker und promovierter Linguist und veröffentlicht seit den frühen 90er Jahren literarische Werke ohne ähnlich großen Trubel um seine Person. Meist sind dies kleinere, teils experimentelle Texte, was auch seiner Verbindung zur Autorengruppe Oulipo geschuldet ist, der er seit 1992 angehört und seit 2019 als Präsident vorsteht. Die Anomalie, Le Telliers bislang längster Erzähltext, bezieht sich dabei aber durch zahlreiche Referenzen auf diese literarische Tradition. 

Oulipo (L’Ouvroir de Littérature Potentielle) geht auf Raymond Queneau zurück, der die Gruppe 1960 zusammen mit François Le Lionnais gegründet hat, um durch formale Selbstbeschränkungen einen höheren literarischen Ausdruck zu erzielen. Um neues literarisches Potential zu sondieren, müsse man die Regeln ändern und sich Einschränkungen (contraintes) auferlegen. Diese können sprachlicher oder mathematischer Natur sein, beispielsweise der Verzicht auf bestimmte Vokale (das Lipogramm), das Ersetzen aller Substantive durch jeweils dasjenige, das an siebter Stelle im Wörterbuch folgt (S+7) oder der Text à la „ulcérations“, der lediglich die elf häufigsten Buchstaben der französischen Sprache, die jenes Wort bilden, verwendet, wobei das ‚c‘ in der abgeschwächten Variante als Variable für einen anderen Buchstaben eingesetzt werden darf.

Die Anomalie selbst sei allerdings „kein oulipotischer Roman im Sinne eines strengen Regelwerks“, aber doch einer oulipotischer „Komplizität“, heißt es in dem lesenswerten Aufsatz des Übersetzerpaares Jürgen und Romy Ritte zu ihrer gelungenen Übertragung des Romans (Reise ans Ende der Anomalie. Ein Bordbuch mit Hervé Le Tellier). Man darf aufgrund der vielfältigen offenen wie verdeckten Referenzen an Schreibweisen und Autoren des Oulipo wohl auch von einer Hommage an die oulipotische Ästhetik sprechen. So etwa, wenn die Zwischentitel der drei Romanteile Gedichte von Queneau zitieren oder die von George Perec eingeführten „ulcérations“ (Wucherungen) auf der letzten Seite des Romans auftauchen, da sich der Text aufzulösen beginnt und nur noch einzelne, auseinanderstehende, sich trichterartig nach unten verjüngende Buchstaben pro Zeile lesbar bleiben, um die Worte ‚sein‘ sowie ‚wucherung & sand bis zum ende‘ zu bilden.

Bei Le Tellier wuchern jedoch nicht die Buchstaben, sondern die Romanfiguren und ihre Geschichten, die unterschiedliche Stilebenen und Erzählgenres bedienen. An die Stelle der permutativ wiederholten elf Buchstaben im Wort ulcérations treten elf Passagiere, deren Leben mit einer kleinen zeitlichen Verschiebung von drei Monaten variiert wird. Unter den Fluggästen finden sich eine schwarze Anwältin, die einen rassistischen Südstaatler in einem Pharmaprozess vertritt, ein homosexueller nigerianischer Rapper sowie das klassische Personal psychologischer Beziehungsstudien. Es ergeben sich Innenansichten von Familien um Tod und Missbrauch, ein Einblick in den Literaturbetrieb sowie politsatirische Passagen um einen US-Präsidenten, der „starke Ähnlichkeit mit einem fetten Barsch unter blonder Perücke“ besitzt. Nicht zuletzt ruft die Rahmenhandlung des verdoppelten Flugzeugs eine Reminiszenz an Mystery- oder Science-Fiction-Plots auf.

Dass unter den Figuren auch ein verdoppelter Schriftsteller ist, der einmal ein Buch gleichen Titels, einmal eines ähnlichen Inhalts wie Die Anomalie verfasst, verbindet die oulipotischen Zitatspiele mit postmoderner Metaisierung. Victor Miesel schreibt nach der ersten Landung des Flugzeuges und somit noch vor seiner Verdoppelung einen aphoristischen Text mit dem Titel Die Anomalie, den er an seine Lektorin schickt, bevor er sich vom Balkon stürzt. Mit dem Tod des Autors tritt nun – auch das ein kleiner Scherz am Rande – eine ehemalige Geliebte auf, die sogleich die Textdeutung übernimmt, indem sie behauptet, der Titel verweise anagrammatisch auf ‚Amo Ilena‘ (so ihr Vorname) und sei somit als Liebeserklärung an sie zu verstehen. Dass der Verstorbene nun aber quasi als auctor ex machina zurückkehrt und alle Vereinnahmungen des Werks allein durch seine Präsenz verstummen lässt, darf man vielleicht als auktoriale Fantasie lesen, ebenso wie den Gedanken, dass der im Juni gelandete Miesel sich über den veritablen Verkaufserfolg der Anomalie freuen kann, ein Buch, das das seine ist, ohne dass er etwas dafür hat tun müssen.

Auch der zweite, im FBI-Code durch den Monat der Landung als ‚Miesel-June‘ markierte Autor bleibt nicht untätig. Er „hat ein kleines Buch geschrieben, das vom Flugzeug erzählt, der Anomalie, der Divergenz. Als Titel hat er an Wenn zweihundertdreiundvierzig Reisende in einer Winternacht gedacht“, da „Die Anomalie leider!, schon vergeben“ war. Natürlich weist dieses Buch frappierende Ähnlichkeit mit dem vorliegenden Roman Le Telliers auf. Die elf Reisenden Le Telliers variieren je unterschiedliche Erzählgenres und beginnen, wie der Roman von Victor Miesel, mit einer von der amerikanischen hard-boiled-Tradition inspirierten Episode über einen Auftragskiller, einem „Pastiche à la Mickey Spillane“. Miesel-June orientiert sich nicht nur an Perec, wenn er sich auf der McGuire Air Force Base Notizen zu seinen Mitreisenden macht und bereits an einer Struktur für ein Buch arbeitet, sondern ruft mit der Titelvariation von Italo Calvinos Se una notte d’inverno un viaggiatore eine Idee auf, die in ähnlicher Form in der Anomalie wiederkehrt.

Mit dem Hinweis auf Calvino – auch er seit 1973 (aufgrund seines Ablebens dauerhaft entschuldigtes) Mitglied des Oulipo – darf man an dessen Konzept des „Hyper-roman“, eine Maschinerie zur Multiplikation von Geschichten („machine à multiplier les récits“), denken, wie sie auch mit der Anomalie vorliegt. Denn wenn berichtet wird, dass im September eine erneute Verdoppelung des Flugs 006 auf dem Radar auftaucht, offenbart sich darin eine algorithmische Struktur, die den Roman stets auf Neue fortsetzt und die nur gewaltsam gestoppt werden kann. Es ist zuletzt der amerikanische Präsident, der diesen infinitesimalen narrativen Wucherungen dezisionistisch entgegentritt und die dritte Maschine abschießen lässt, denn „[m]an kann schließlich nicht zulassen, dass dasselbe Flugzeug nochmals und immer wieder landet.“

Wie das Protokoll 42 als popkultureller in-joke mit der Frageliste aus Steven Spielbergs Unheimliche Begegnung der dritten Art zum offiziellen Handlungsprozess der US-Regierung wird, setzt sich die Anomalie durch offene und verborgene Bezüge und Strukturen zusammen zu einem literarischen „scoubidou“ aus Zitaten, Figuren, Geschichten. Die Veröffentlichung bei Gallimard (Le Tellier hat für den Roman den Verlag gewechselt) und der Prix Goncourt verleihen schließlich den Prestigestatus, der dann wiederum popkulturelle Sekundärverwertungen im TV und mit Pascal Fiorettos L’anomalie du train 006 ein Pastiche hervorrufen kann. 

Nicht nur Captain David Markle, der Pilot des Linienflugs, hält das Ganze für einen Scherz, als ihm vom Kennedy Airport mitgeteilt wird, dass er schon gelandet sei – zumindest so lange, bis die Abfangjäger hinter seiner Maschine auftauchen. Trotzdem mag seine erste Intuition richtig sein, denn Die Anomalie ist genau das: ein großer, grausamer, unterhaltsamer Scherz, der gegen Ende zwar an drive verliert und glücklicherweise nicht in eine dritte Runde der Verdoppelungen geht, aber im Ganzen eine wunderbar kluge, witzige Lektüre bietet.

Titelbild

Hervé Le Tellier: Die Anomalie.
Aus dem Französischen von Jürgen und Romy Ritte.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2021.
368 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783498002589

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