Leere Häuser

Die mysteriösen Texte von Samanta Schweblin und Uketsu

Von Sascha SeilerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sascha Seiler

Im Urlaub nehme ich mir stets vor, einen bestimmten Autor zu lesen, zum wiederholten oder zum ersten Mal, je nach Stimmung. In diesem Jahr sollte eigentlich der von mir bisher ignorierte Haruki Murakami dran sein, dem ich endlich eine Chance geben wollte. Allerdings war kurz zuvor gerade der neue Erzählband El buen mal der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin erschienen, den ich bereits angefangen hatte zu lesen. Die ersten beiden Stories hatten mich genauso wenig begeistert wie der im Grunde missratene Roman Hundert Augen oder die langweiligen Kurzgeschichten von Sieben Leere Häuser. Einzig ihr Romanerstling Distancia de rescate hatte mich halbwegs begeistern können. Ich entschied mich dennoch, den Erzählband fertigzulesen, und es geschah etwas Unerwartetes: Die Erzählungen begannen mich wirklich zu packen, und als ich zu „El ojo en la garganta“ (dt. in etwa: „Das Auge in der Kehle“) gelangt war, geschah etwas Seltenes: Ich hatte das Gefühl, es mit einem subtilen Meisterwerk zu tun zu haben, perfekt komponiert und mit einer zweiten Bedeutungsebene, die sich wie ein Möbius-Band windet und daher nicht richtig greifbar ist.

Der Plot: Ein kleiner Junge lebt mit seinen Eltern in einer argentinischen Provinzstadt, viele Autostunden von Buenos Aires entfernt. Die Geschichte wird aus der Perspektive des Vaters erzählt, zu dem der Junge ein sehr inniges Verhältnis hat, während die Mutter eher die zweite Geige spielt. Eines Tages verschluckt er, wie Kinder nun mal sind, absichtlich eine Mikrobatterie, die jedoch in seiner Kehle ausläuft, bevor die Eltern verstanden haben, was passiert ist. Der Junge wird daraufhin stumm. Es folgen zahlreiche Fahrten in eine Spezialklinik in Buenos Aires, die Behandlungen schüren jedes Mal Hoffnung, bleiben aber letztlich ergebnislos. Wichtig für die Geschichte sind allerdings die Fahrten, nicht die Behandlungen: Da in den 90er Jahren, in denen die Geschichte spielt, brauchbares Benzin ein knappes Gut ist, gibt es nur eine Tankstelle auf dem Weg in die Hauptstadt.

Der die Geschichte erzählende Vater berichtet über den mysteriösen Tankwart, der ein seltsames Gefühl bei ihm hinterlässt, und kündigt den Lesern an, dass er später darauf zurückkommen werde. Gleichzeitig erzählt er von seltsamen nächtlichen Anrufen einer Person, die nichts sagt, deren Präsenz man aber durch den Hörer spüre. Jede Nacht seien diese Anrufe gekommen, und zwar seit der ersten Begegnung mit jenem mysteriösen Mann, den er hinter dem Anrufer vermutet. Erst später in der Geschichte erzählt er, was sich wirklich zugetragen hat an jener Tankstelle: Die Eltern hatten ihren kranken Sohn nämlich unter einer Decke im Auto vermutet und sind nach dem Tanken weitergefahren, erst später haben sie bemerkt, dass sie ihn dort zurückgelassen haben. Seinerzeit existieren noch keine Mobiltelefone, also müssen die Beiden schnell zurückfahren; die Frau des mysteriösen Tankstellenbesitzers hat den Jungen zwischenzeitlich versorgt. Doch irgendwie ist der Junge nach diesem Vorfall verändert, vor allem entfremdet er sich immer mehr von seinem geliebten Vater. Dieser vermutet eine Verschwörung seitens des Tankwartes, der ihn ja scheinbar auch nachts mit Anrufen wachhält, bis er sich dazu entscheidet, nachts das Telefon auszustöpseln.

Plötzlich springen wir im Zeitraffer Jahrzehnte nach vorne: Das Elternpaar trennt sich, der immer noch stumme Junge zieht zu seiner Mutter, Vater und Sohn entfremden sich mehr und mehr, der allein lebende Vater steckt das Telefon schließlich wieder ein, um nicht mehr so einsam zu sein und nimmt die nächtlichen Anrufe wieder an. Der Junge wird erwachsen, studiert, der Vater wird alt, er verkauft das Haus in der Provinzstadt und kauft sich eine Wohnung in Buenos Aires. Kontakt haben sie kaum noch. Auf dem Weg dorthin kommt der Vater an der Tankstelle vorbei, an der alles anfing (oder endete). Er entscheidet sich, den Tankwart zur Rede zu stellen, was er damals mit seinem Sohn gemacht habe und warum er ihn dreißig Jahre lang jede Nacht anrufe. Es folgt der finale Twist: Der Tankwärter berichtet, er habe an dem Abend, als der Sohn vergessen worden war, diesen aufgefordert, zuhause anzurufen, um Bescheid zu geben, nicht ahnend, dass er ja keine Stimme habe. Der Sohn tat wie ihm geheißen und schwieg allerdings zwangsläufig in die Leitung. Das sei alles gewesen. Der Vater bricht daraufhin weinend zusammen. Am Ende der Erzählung stirbt der Vater und der Sohn sagt an dessen Totenbett, sie hätten vor dem Vorfall immerhin einige wenige gute Jahre zusammen gehabt, auch wenn es nicht viele gewesen seien.

Eine unglaublich dichte Geistergeschichte, deren Wucht sich erst entfaltet, wenn man eine Weile über sie nachdenkt. Viele der Geschichte in El buen mal sind ähnlich gelungen. Ich stellte mir die Frage, ob man nicht noch alle anderen Erzählungen Schweblins lesen sollte. Also kaufte ich mir bei nächster Gelegenheit die Erzählsammlung Pájaros en la boca, ihr erster Erzählband, in der jüngsten Auflage allerdings ergänzt mit allen ihren anderen nicht in Buchform erschienenen Erzählungen, sowie eine spanische Ausgabe von Sieben Leere Häuser, im Original Siete Casas Vacías. Dabei fiel mir auf, dass die frühen Erzählungen, nicht selten  sehr kurz, eine nicht immer geglückte Balance zwischen dem Verstörenden und dem Banalen suchen. Diesen Eindruck bestärkt auch der von mir immer noch als schwach empfundene Band Sieben Leere Häuser, in dem jeweils das Verhältnis des Individuums zu seiner Behausung im Mittelpunkt steht (mit der Ausnahme einer nachgeschobenen Geschichte um einen mutmaßlich pädophilen Mann, der ein kleines Mädchen zum Unterwäschekauf animiert – im Grunde müsste der Band also Sechs Leere Häuser heißen).

Aber natürlich ist seit Poe und der Gothic Fiction die zentrale Bedeutung des Hauses in unheimlichen Geschichten nicht zu leugnen, und so stieß ich, literarisches Rabbit-Hole par excellance, beim Kauf von Siete Casas Vacías auf ein anderes Buch, in dem es um ein unheimliches Haus geht, nämlich Strange Houses (dt.: Das seltsame Haus) des japanischen Schriftstellers Uketsu. Der Roman, als Kriminalgeschichte vermarktet und anscheinend international unheimlich erfolgreich, besteht zu großen Teilen aus sich wiederholenden Grundrissen mehrerer Häuser, dazwischen gibt es ein wenig Dialog. Diese interessante Struktur verhindert jegliche Psychologisierung der Charaktere, über die man ohnehin quasi nichts erfährt. Auch die eigentliche Handlung bleibt uninteressant, es geht nur um vergangene Verbrechen, die sich in diesen eigens zum Begehen derselben gebauten Häusern ereignet haben. Die anfangs absurd anmutenden Spekulationen des Mystery-Experten, der sich mit dem Ich-Erzähler, beides Studenten, unterhält, werden immer mehr zur Realität, bis tatsächlich aufgrund des Grundrisses dreier unterschiedlicher Häuser ein okkultes Verbrechen aufgeklärt wird, dass die drei Häuser verbindet.

Das ist unheimlich spannend, wenn auch völlig irre, ebenso wie der Autor selbst. Dieser ist ein Internetphänomen, der in Japan mit Web-Fiktionen berühmt wurde, in denen er auf YouTube verstörende Zusammenhänge aufklärt, indem er ins Rabbit-Hole obskurer Websites eintaucht. Uketsu selbst tritt nur in einer nicht weniger verstörenden Gipsmaske auf und keiner kennt seine wahre Identität. Ist Strange Houses aufgrund seiner Absurdität vor allem gegen Ende etwas albern, war der Sog doch so groß, dass ich es kaum erwarten konnte, den anderen Roman Uketsus, Strange Pictures, zu erstehen, der in Spanien schon auf dem Markt ist, in Deutschland aber erst im Herbst erscheint.

Dieser ist ungleich subtiler. Hier geht es um neun Zeichnungen von vier unterschiedlichen, auf den ersten Blick nicht miteinander verbundenen Menschen, die ein grausames Verbrechen aufdecken. Mit deutlich mehr Handlung ausgestattet, ist der Roamn wie bestimmt für einen Mystery-Episodenfilm, in dem die scheinbar zusammenhanglosen Handlungsebenen nach und nach (mit Hilfe der Zeichnungen), miteinander verbunden werden. Am Ende auch nur ein Kriminalroman, ja, aber einer, der eine neue Richtung für das Genre anzeigt. Murakami muss also weiter warten.