Lost mit Anfang zwanzig
Gerrit Lenssen behandelt in seinem Debütroman „Und morgen dann erwachsen“ die großen Fragen des Lebens
Von Rebekka Johanna Schmidt
Wie kann man sich an all die schönen, wenn auch noch so klein und irrelevant erscheinenden Momente des Lebens erinnern? Wenn es nach Gerrit Lenssen geht, ist ein Notizbuch dafür schon einmal ein guter Anfang. Für seinen Protagonisten, einen namenlosen Studenten Anfang zwanzig, wählt er jedenfalls dieses Mittel. Das im Verlauf der Handlung erworbene Notizbuch nutzt er, um alle möglichen Erlebnisse und Momentaufnahmen seines Lebens stichpunktartig festzuhalten. Basierend auf diesen Notizen will der Student später ein Buch schreiben – der Titel: Und morgen dann erwachsen. Dass die Bezeichnung des Notizbuchs mit Lenssens Romantitel übereinstimmt, ist wohl kein Zufall, denn die Leben von Lenssen und dem jungen Studenten weisen zahlreiche Parallelen auf. Beide stammen beispielsweise vom Niederrhein, und beide studieren beziehungsweise studierten Kommunikationswissenschaft. Dass der Autor seinen Helden das eine oder andere Mal die eigenen Erinnerungen zu Papier bringen lässt, liegt also nahe.
Ist es also Lenssens eigene Erinnerung, mit der er in das Geschehen einführt? „Sechs spätpubertäre Selbstüberschätzer“ befinden sich kurz nach dem Abitur im Bulgarienurlaub, gerade erwachsen und noch auf der Suche nach ihren Wegen. Vom „großen Fragezeichen namens Zukunft“ ist früh die Rede. Schnell wird es zur Programmansage für den gesamten Roman, wenn der Student versucht, zwischen Studium, Partys und Zukunftssorgen seinen Platz im Leben zu finden. Davon erzählt der Autor in vielen kurzen Kapiteln: von Momenten und Begegnungen in unterschiedlichen Lebensphasen des Protagonisten, mal mit 20 bei einem Damenvolleyball-Match, dann mit 21 auf dem „Weg zum Tiefpunkt“ oder mit 23 in der Gegenwart beim Weihnachtsfest mit der Familie.
Die Freunde des Protagonisten – Stolten, Else, Mario, Tony und Luis – sind immer mit von der Partie. Trotz der teilweise irreführenden Namenswahl handelt es sich bei ihnen um ein ausschließlich männliches Ensemble. Die Figuren wirken lebendig und authentisch, ihre Dialoge ungefiltert und direkt, gerade wenn Luis mal wieder ausfallend wird: „Wenn das so weiter geht, schneid ich mir den Pimmel ab!“ Ihre Gespräche sind geprägt von den Themen Frauen, Beziehungen und deren Krisen, (Un)Treue – generell scheinen die Frauen in diesem Punkt nicht sonderlich gut wegzukommen –, Sport und den zahlreichen Dorffesten, auf denen sie sich regelmäßig das eine oder andere Bierchen zu viel genehmigen.
Die Freundschaft der sechs ist das zentrale Motiv des Romans und ihre Dynamik wirkt erstaunlich realistisch. Immer wieder verlieren die Jungs sich für eine Zeit lang aus den Augen:
Ziemlich genau dreieinhalb Jahre lang haben wir es nicht geschafft, alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Zu dritt, zu viert, selten auch zu fünft, ja, aber nie mit allen sechs.
Aber am Ende sitzen sie doch wieder alle beisammen, als wäre nichts gewesen. Ihre Dialoge sind herzlich und erfrischend, wenn sie über ihre unterschiedlichen Lebenswege und Entscheidungen sprechen, sich (mehr oder weniger sinnvolle) Beziehungsratschläge geben oder die eigenen Unsicherheiten andeuten, die jedoch häufig eher überspielt und nur selten ausgesprochen werden. Der hartnäckige Mythos, Männer würden nicht über ihre Gefühle sprechen, bekommt in Lenssens Roman jedenfalls einige Risse. Dennoch prägt die männliche Perspektive die Gespräche deutlich: Emotionen werden oft mit Humor oder Ironie relativiert; die Dialoge und der Umgang mit Unsicherheiten scheinen stark im Erfahrungsraum männlicher Freundschaften verankert zu sein.
Die Unsicherheit des namenlosen Studenten besteht insbesondere im Vergleich mit anderen. Seine Angst, nicht mithalten zu können, macht weder vor anderen Generationen noch den eigenen Peers Halt. Während seine Großeltern in seinem Alter bereits verheiratet und Hausbesitzer waren, navigiert er selbst „ohne Sinn und Verstand“ durchs Leben, hat Angst vor Telefonaten oder spricht dann bei endlich doch mal stattfindenden Dates über Zahnbürsten. Treffen mit ehemaligen Mitschülern entwickeln sich schnell zu wettbewerbsartigen Gesprächen: Studium läuft, die Karriere auch, geheiratet wird nächste Woche. Der Erzähler stellt ganz im Sinne der soziologischen Rollentheorie fest: „Goffman lässt grüßen – wir alle spielen Theater!“. Hinter den perfekten Lebensläufen erkennt er „eine traurige Generation mit glücklichen Bildern“, die sich häufig besser darstellt, als sie sich tatsächlich fühlt.
Eine genaue zeitliche Einordnung des Romans gibt es nicht. Die verwendete Sprache des Studenten und die Aussage „[d]as wird auch Mario himself wissen“ lassen stark vermuten, dass die Geschehnisse irgendwann in den 2020ern stattfinden, einer Zeit, in der so wie der Erzähler eine ganze Generation einfach richtig lost war – zumindest, wenn man dem Langenscheidt-Jugendwort des Jahres 2020 Glauben schenkt. Nicht zuletzt trifft der Protagonist voll den Zeitgeist, wenn er nach dem Second-Screen-Prinzip die Champions League auf dem Fernseher und gleichzeitig auch noch Netflix schaut (natürlich, anstatt die Bachelorarbeit zu schreiben, denn die wird schnell zur Nebensache). Lenssen kommentiert diesen Lifestyle zutreffend, wenn er seiner Figur mit einem gewissen Zynismus den Kommentar in den Mund legt: „Sensory Over-load, was ein Klassiker dieser Zeit!“
Neben diversen Jugendwörtern, Denglisch und einem lockeren Alltagsjargon ist der Roman reich an popkulturellen Anspielungen, die von X-Factor mit Jonathan Frakes bis hin zu Schlagerklassikern von Wolfgang Petry oder den Flippers bei Dorffesten reichen (an letztere kann sich der Protagonist nicht selten am nächsten Morgen kaum noch erinnern). Der Roman wirkt dadurch nahbar und auch ein kleines bisschen nostalgisch. Mit seinen vielen episodenhaften Kapiteln ist er jedoch mehr als nur ein bloßer Erfahrungsbericht; vielmehr ist er eine Verdichtung von Erinnerungen und Alltagsbeobachtungen. Statt von komplexen Metaphern sind die Beobachtungen des Erzählers von genau diesen Erlebnissen geprägt, die ebenso authentisch sind wie die Alltagssprache, die Lenssen seinen Figuren in den Mund legt.
Der Autor spielt gekonnt mit der Gegenüberstellung tiefgründiger Fragen und der Leichtigkeit des Alltags. Immer wieder steht der Protagonist vor Entscheidungen, nur um diese dann abzutun:
Ist nicht das ganze Leben mit Anfang zwanzig ein einziges Gameboy-Spiel? Und falls ja: Bei welchem Level wäre ich aktuell?
Er lässt es beinahe wirken, als könnte man auch in der Realität nicht geschaffte Level wiederholen, ganz von vorne beginnen, oder als wäre die Lösung der Zukunftssorgen vielleicht sogar der finale Endboss. Gerade dieses Wechselspiel zwischen Humor und Nachdenklichkeit verleiht dem Roman seine authentische Dynamik. Häufig schwankt der Protagonist zwischen großen Selbstzweifeln und einer Na-Und?-Einstellung – er will das Leben nicht zu ernst nehmen:
Aber sind wir mal ehrlich, das zu versuchen – verarbeiten! – sollte man in dieser Lebensphase sowieso lieber ganz sein lassen. Zu rasant läuft alles an dir vorbei, zu sehr Schlag auf Schlag, zu viel Action, zu wenig Auszeit.
Wer einen Roman erwartet, der das eigene Leben für einen Moment vergessen lässt, wird wohl enttäuscht. Die einzelnen Episoden wirken selten wie kleine Ausbrüche aus dem Alltag. Sie sind realistisch und direkt aus dem Leben eines Menschen gegriffen, der ab und an einfach nichts mit sich anzufangen weiß. Aber genau darin liegt die Stärke der Erzählung: im Abbilden von Erfahrungen, die nicht näher am Alltag sein könnten, sei es ein Arztbesuch, bei dem man ausgerechnet im Wartezimmer auf einen Bekannten treffen und Smalltalk machen muss oder das Schreiben der Bachelorarbeit. Zukunftsängste, Unsicherheiten und Beziehungsprobleme prägen die Geschichte ebenso wie Vergleiche mit anderen und (neuerdings) immer stärker Einfluss nehmenden sozialen Medien. Und sind nicht genau das die Themen ebenjener Post-Corona-Generation, die versucht, dem wahren Leben und der digitalen Welt mit ihrem Zwang zur Selbstinszenierung gleichermaßen gerecht zu werden? Lenssen gelingt es mit Und morgen dann erwachsen ein humorvolles Porträt eines jungen Mannes „zwanzig plus“ zu erschaffen. Dieses regt zum Nachdenken an und macht gleichzeitig darauf aufmerksam, wie selbstverständlich Selbstzweifel und die Sorge um das Morgen zum Leben dazu gehören – und dass das Erwachsenwerden (was auch immer das im Endeffekt ist) selten geradlinig verläuft, sondern „orientierungs-, plan-, ziellos. Kurz: Lost!“ Die direkte Sprache, authentische Dialoge und alltägliche Erfahrungen der Figuren verleihen dem Roman eine besondere Lebensnähe und die Einsicht, dass Orientierungslosigkeit auch einfach mal dazugehören darf. Vielleicht kann das Erwachsenwerden auch einfach noch einen Tag warten.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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