Die unbeschreibliche Schönheit der Dichtung

Eine vielschichtige Auswahl zeitgenössischer Lyrik stellt Michael Lentz in der “Neuen Rundschau” vor

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Manche Gedichte erscheinen kunstvoll gefügt, gedankenreich und tiefgründig, öffnen Horizonte und bieten Gelegenheiten zum Staunen, von ihrer Gestaltung hin bis zu ihrer oft nur vermuteten Deutung. Ein Gedicht hat zumeist keine zwingende Aussage, dann wäre es nur politisch. Es darf einfach sein und so die Leserinnen und Leser ansprechen, berühren oder auch sprach- und ratlos machen. Michael Lentz, der Herausgeber dieses Heftes der renommierten Neuen Rundschau, öffnet mit seiner Zusammenstellung an Lyrik durchaus Horizonte der Dichtung. Gleichzeitig wagt er Experimente, denn zahlreiche der hier publizierten Formen der Lyrik entziehen sich jeder Anstrengung der intellektuellen Entschlüsselung und bleiben bloße Phänomene, sinnhaft und sinnreich gestaltet, zugleich voller Rätsel.

Michael Lentz schenkt der poetischen Vielfalt Raum und lädt zum Nachdenken über Lyrik ein. Nur selten noch, schreibt der Herausgeber im Editorial, sei Dichtung eine „verborgene Theologie“. Auch vom „Prokrustesbett normativer Regeln“ scheint sie sich gelöst zu haben – der vorliegende Band ist ein anschauliches Beispiel dafür. Lentz stellt eine „Diversifikation der Poesie“ fest, die sich in einer „Vielzahl von neuen Formen sowie Individualästhetiken und -poetiken“ manifestiere. Die Vielzahl oder Vielfalt bildet bereits die Gedichtbezeichnungen ab, die ebenso exemplarisch wie summarisch auf dem Cover benannt und in diesem Heft zu entdecken sind, ob als Sprachspiel oder als „Wetterstreit von Klang und Sinn, Klangsinn und Sinnklang“. Von etlichen Gedichten in diesem Band wird allein eine „graphische Gestaltung“ sichtbar, die ästhetisch gedeutet werden kann oder nur Verwunderung auslöst. Wer solche Sprachformen betrachtet, ist gänzlich frei und vielleicht auch verständlicherweise hilflos beim Versuch der Deutung dieser buchstäblich entgrenzten Abbildungen mit Buchstaben und Wörtern, denn das „Vexierspiel der Entschlüsselung“, das Lentz benennt, kann auch in der Ratlosigkeit enden.

Eigensinnige Prosagedichte bietet Robin Bode dar, stilisiert und pointiert, wie verdichtete Beobachtungen: „Beim Verlassen der Wohnung einer Person, die ich kaum kannte, in einer Stadt, die ich kaum kannte, dachte ich beim Anblick der Lederjacke einer Fahrradfahrerin: Das kenne ich.“ Rational und plausibel folgen wir lesend dem Satz, der das nahezu Unbekannte und Fremde, wie beiläufig streift, notiert, die beinah unbekannte Person in der beinah unbekannten Stadt, löst der „Anblick der Lederjacke“ eine Erinnerung aus, die plötzlich, im Vorübergehen, den sicheren Boden der Gewissheit verspricht: „Das kenne ich.“ In diesen prosaisch geformten Wahrnehmungen des lyrischen Ichs entbirgt sich eine Sehnsucht nach Vertrautheit. Alles erscheint so gut wie fremd, ehe die Sehnsucht sich artikuliert, aus der möglichen Verunsicherung durch das Unbekannte heraustritt in die Festigkeit, die der Moment schenkt und doch als Frage verbleibt: Kennt das lyrische Ich den „Anblick der Lederjacke“ oder kennt es überhaupt die Situation, in der alles so gut wie unbekannt ist und bleibt? Das vermeintliche Spiel mit dem Unbekannten ist mitnichten ein Spiel. Es kehrt sodann wieder, in einem anderen Gedicht, das so prosaisch formuliert ist und die Poesie des Augenblicks zugleich beherbergt und freigibt:

Ich sah dich in einem Laden. Ich ging zu dir hin und tippte dir auf die Schulter. Du drehtest dich, aber du warst nicht du, du warst jemand anders, und ich sagte Entschuldigung und wollte gehen, aber du nahmst mich in den Arm und hieltest mich fest, und ich wusste nicht, was tun, also ging ich mit dir mit und zog bei dir ein und liebte dich jeden Tag mehr.

Staunend und dankbar erkennt die eine Leserin oder der andere Leser diese poetische Wirklichkeit, in der aus einer momenthaften Verkennung, einem glücklichen Missverständnis, ein liebevolles Einverständnis wird. Aus der Verunsicherung erwächst Vertrautheit, sogar ein unvorstellbares, unglaubliches Mehr, ein Reichtum an Liebe, unverhofft, unerwartet und einfach schön, so dass ein leiser Zweifel gestattet sein mag, wenn Carla Lorenz sehr viel später davon spricht, dass die „Zeit der Kunststücke“ nun vorbei sei. Aber vielleicht ist auch diese lyrische Beobachtung durchaus anders gemeint und gedacht, weil auch – ein fast humorvolles Rätselwort – eigentlich der „Nebel“ überhaupt niemals „etwas Digitales“ haben kann. Das gilt für den Nebel in der Wirklichkeit, draußen in der Welt, vielleicht nicht, sehr wohl aber für die Nebelschwaden im Verstand, die sich immer noch lichten können- So auch in Briefgedichten, die eine lyrisch gestimmte Renate an ihre Brieffreundin Ruth schreibt, poetisch verdichtet, so etwa über den „Pilz der Arbeitswelt“. Im unscheinbar alltäglichen Geschehnis wird das Märchenhafte entdeckt, etwa ein „Mann, der hat mit jedem Unkraut gesprochen“. Auf dieses, weltlich gedacht, ebenso unwahrscheinlich wie unglaublich anmutende Besondere vermögen Gedichte jeglicher Art aufmerksam zu machen, und es ist in jeder Weise gut, dass in diesem Band der Neuen Rundschau daran erinnert wird: an die Schönheit der Sprache und an das Kostbare jeglicher Dichtung, ganz gleich, welche Form sie annimmt. Die Dichterinnen und Dichter, deren vielgestaltige und vielfarbige Lyrik in diesem Buch versammelt ist, zeigen den Leserinnen und Lesern die Möglichkeit poetischer Ausbrüche und Aufbrüche im weiten Land der Fantasie. Niemand, der dieses Heft in die Hand nimmt, muss alles darin verstehen oder deuten können, aber eine jede, ein jeder darf und vermag alles darin anzunehmen und vielleicht in leiser Freude zu bestaunen und zu bewundern. Für dieses unbeschreiblich schöne Heft der Neuen Rundschau dürfen alle Liebhaberinnen und Liebhaber der Dichtkunst dankbar sein.

Titelbild

Michael Lentz (Hg.): Neue Rundschau 2025/4. Briefgedicht Klanggedicht Liedgedicht Metagedicht Gedichtgedicht.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
192 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783108091439

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch