Wiener Erinnerungsarchitektur und die Wiederkehr des Judenhasses

Olaf Links „Geschichte(n) der Juden und Antisemiten in Wien zwischen 1848 und 1938“ zeigt, wie Veränderung Ängste schürt und Judenhass mobilisiert

Von Silvio BartaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Silvio Barta

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wien ist eine Stadt, die Erinnerung als Architektur baut, in Fassaden, Institutionen, Familiennamen – und in den Baulücken, die Vertreibung hinterlässt. Lange bevor Österreich Österreich hieß, setzt Olaf Links Geschichte(n) der Juden und Antisemiten in Wien zwischen 1848 und 1938 zu einem historischen Vorspann an, Ostarrichi um das Jahr 1000. Entlang der Monarchen – beginnend bei Leopold I. aus dem Haus Babenberg – verdichtet sich in den Porträts von Herrschern und Befehlshabern ein wiederkehrendes Muster: ein Wechselbad aus Duldung und Ablehnung des Judentums, aus pragmatischer, für beide Seiten gewinnbringender Kooperation und immer neuen Wellen der Verfolgung. Phasen, in denen jüdisches Leben als ökonomisch und kulturell „nützlich“ gilt, kippen in Abwehr, Stigmatisierung und Gewalt. Dieses Spannungsverhältnis prägt das Zusammenleben von Menschen jüdischen und nichtjüdischen Glaubens in vielen europäischen Städten seit über tausend Jahren. Doch hier wird es als Wiener Geschichte erzählt. 

Im Zentrum von Links Darstellung steht die Zeit, in der Emanzipation und Gegenbewegung zugleich Fahrt aufnehmen: jene Jahrzehnte, in denen Zugehörigkeit juristisch verhandelt, sozial erkämpft, und politisch wieder entzogen wird. Zwischen der Krise der Monarchien, der Kodifizierung von Menschenrechten, Industrialisierung und urbaner Massengesellschaft, zwischen kultureller Moderne und Aufklärung wirken viele jüdische Wienerinnen und Wiener sichtbar und prägend mit – als Intellektuelle, als Menschen in Unternehmertum, Medizin, Recht und Kunst. Gerade diese Dynamik der Moderne aber produziert auch Verunsicherung, soziale Abstiegsängste und neue Klassenkonflikte, das Gefühl beschleunigter Veränderung. 

Projektionsflächen der Angst

Aus dieser Unruhe erwächst politische Radikalisierung. Industrialisierung und Kapitalismus werden nicht als Strukturwandel begriffen, sondern personalisiert und in antisemitischen Deutungsmustern gebündelt. Internationalität und Vernetzung erscheinen im nationalistischen Blick nicht als Ressource, sondern als Verdachtsmoment: Das vermeintlich „kosmopolitische“, „unpatriotische“ Judentum wird zur Projektionsfläche. Die Jahrzehnte zwischen Revolutionsjahr (1848) und „Anschluss“ (1938) sind Umbruchszeiten, die viele Menschen verunsichern. Für Minderheiten jedoch werden sie zur existenziellen Bedrohung, weil Angst politisch mobilisiert und schließlich in Ausgrenzung, Entrechtung und Gewalt übersetzt wird. 

Lesende können sich fast zeit- und ortsversetzt in Wien wiederfinden – in einer Stadt an der Schwelle zur Moderne, am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im besten Sinn ist Wien ein Labor: Marx’ Ideen zirkulieren, Arbeitervereine und Parteien organisieren sich, und der Journalismus – etwa in der Gestalt des einflussreichen Kritikers Eduard Hanslick – gewinnt jene öffentliche Wirkmacht, die man heute als „moderne“ Medienarbeit erkennt. In der Vielvölker-Metropole wird Einfluss zur Währung: Zwischen Sprachen, Milieus und Klassen ringen politische Bewegungen um Teilhabe, nicht zuletzt verkörpert in Figuren wie Victor Adler. 

Parallel beschleunigen sich wissenschaftliche und intellektuelle Entwicklungen. Die Sozial- und Wissenschaftsprojekte Otto Neuraths stehen exemplarisch für den Versuch, Gesellschaft rational zu erfassen und – im besten Sinn – gestaltbar zu machen. In der Medizin markiert Karl Landsteiners Entdeckung der Blutgruppen einen Einschnitt: Forschung verdrängt Aberglauben nicht „endgültig“, aber sichtbar und folgenreich. Und mit Sigmund Freud verschiebt sich der Blick auf den Menschen selbst; Psyche, Konflikt und Unbewusstes werden zu Kategorien, die Deutungen von Krankheit, Moral und „Normalität“ nachhaltig verändern. 

Auch in Kunst und Gestaltung setzt die Wiener Secession neue Maßstäbe, selbst wenn sich in ihrem Umfeld früh Antisemitismus, exklusive Tendenzen und soziale Grenzziehungen bemerkbar machen. Ihre Formen, ihr Design- und Architekturverständnis markieren den Anspruch, sich aus dem langen Schatten der Antike zu lösen. Als beginne hier, nach mehr als zweieinhalb Jahrtausenden, eine eigenständige Sprache der Moderne.

Gustav Mahler schließlich macht die Nervosität und Größe dieser Epoche hörbar: Seine Klangwelt ist Fortschritt und Abgrund zugleich. 

Umso auffälliger ist, dass Links Buch sich weniger als Panorama jüdischer Beiträge zur Wiener Moderne liest, sondern stärker als Chronik ihrer Gegner: Im Zentrum stehen häufig die Antisemiten – etwa Karl Lueger, der als nationalistischer Bürgermeister Wiens zur politischen Ikone und von Adolf Hitler später ausdrücklich bewundert wurde – und weniger das, was jüdische Wienerinnen und Wiener an Wissen, Kultur und Öffentlichkeit tatsächlich mit hervorgebracht haben. Das ist nachvollziehbar, schließlich ist Antisemitismus das Thema, wirkt aber stellenweise wie eine vergebene Chance. Die Mechanik der Ausgrenzung wird eindrücklich sichtbar, während die Vielfalt jüdischen Lebens als soziale Wirklichkeit manchmal eher als Hintergrundrauschen erscheint. 

Olaf Link arbeitet dabei nicht im streng wissenschaftlichen Sinn. Die gewählte Zeitspanne ist plausibel, doch Auswahl und Gewichtung der Figuren folgen nicht immer einem transparenten Kriterienraster. Seine Erzählweise setzt stattdessen auf ein Crescendo. Die Jahre unmittelbar vor 1938 werden besonders dicht ausgeleuchtet – nicht nur, weil sie gut dokumentiert sind, sondern auch, weil sie im historischen Gedächtnis am stärksten nachhallen. So entsteht gelegentlich der Wunsch, der lange Vorlauf – etwa die Zeit vor dem Börsenkrach von 1873 – würde ähnlich detailreich entfaltet. Zugleich ist das weniger ein Mangel als eine Setzung: Wer eine quellenkritisch durchkomponierte Fachstudie sucht, wird eher andernorts fündig. Links Anspruch ist ein anderer. 

Und gerade darin liegt die Stärke des Buches: Es ist verständlich, klar gegliedert und erzählt die Geschichte von Juden und Antisemiten in Wien in anschaulichen Episoden, die Atmosphäre und soziale Dynamiken spürbar machen. Ein Einwand bleibt dennoch. Weil Link strikt chronologisch vorgeht, entstehen mitunter Redundanzen, wenn Protagonistinnen und Protagonisten, Motive und Themen später erneut aufgegriffen werden. 

Wenn Haltung zum Accessoire wird

Beim Lesen stellt sich ein Déjà-vu ein, wenn Link den Spannungsbogen zwischen 1848 und 1938 zieht: Modernisierungsschübe, Krisen, kulturelle Polarisierung, und der Reflex, komplexe Umbrüche in Feindbilder zu übersetzen. Dass heute wieder Debatten kursieren, in denen ein Boykott des ESC denkbar ist und selbst das Existenzrecht Israels zur Verhandlungsmasse wird, ist weniger Randnotiz als Warnsignal. Antisemitismus ist kein historisches Relikt, sondern ein wiederkehrendes Deutungsangebot in unsicheren Zeiten. 

Oh, wie bequem ist eine Welt, in der alles „tra la la“ so ist, wie man sie gern hätte – und in der Ambivalenzen mit dem moralischen Vorschlaghammer plattgemacht werden. Für prekäre Verhältnisse findet sich dann schnell ein Sündenbock: Ausgerechnet Jüdinnen und Juden sollen plötzlich „schuld“ sein. Und während man Matcha oder Chai Latte schlürft, tarnt sich dieses alte Ressentiment als Haltung, als wäre Antisemitismus nur ein weiterer Lifestyle im Gewand des Fortschritts: Wird man wohl noch sagen dürfen. 

Santayana hat es auf den Punkt gebracht: „Those who cannot remember the past are condemned to repeat it.“ Allein – aber nicht nur – deshalb gehört dieses Buch auf den Tisch.

Titelbild

Olaf Link: Geschichte(n) der Juden und Antisemiten in Wien zwischen 1848 und 1938.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
192 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783826095696

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