Literatur, Medizin und Humanität

Walter Müller-Seidel über Ärzte, Dichter und Kranke von der Weimarer Klassik bis zur literarischen Moderne

Von Thomas AnzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Anz

Als das neue Jahrhundert begann und mit ihm Walter Müller-Seidels letztes Lebensjahrzehnt, hatte der damals 82-jährige Literaturwissenschaftler mindesten drei Buch-Pläne: über Literatur und Recht, über Literatur und Medizin sowie eine wissenschaftsgeschichtliche Autobiographie. Er hat daran intensiv gearbeitet, doch ab 2005 einem neuen Plan Vorrang eingeräumt. 2009, ein Jahr vor seinem Tod, erschien Friedrich Schiller und die Politik – dem Andenken seiner Anfang der 1990er Jahre gestorbenen Kinder gewidmet und mit einem Untertitel versehen, der, einen Satz aus Schillers „Wallenstein“ zitierend, auf ein zentrales Anliegen aller seiner Schriften verweist: „Nicht das Große, sondern das Menschliche geschehe“.

Das ethische Engagement des Literaturwissenschaftlers in seinen Auseinandersetzungen mit Literatur, Politik und Humanwissenschaften, die kurz vor seinem 100. Geburtstag Gegenstand einer ihm gewidmeten Tagung waren, ist auch in den drei anderen Buchprojekten unverkennbar. 2017 erschien posthum die von Müller-Seidel mit dem Herausgeber Gunter Reiß noch zu Lebzeiten abgesprochene Sammlung seiner Aufsätze über Justiz und Justizkritik in der deutschen Literatur. Eine Edition seines Fragment gebliebenen Autobiographie-Projektes bereitet derzeit Anna Axtner-Borsutzky im Rahmen einer von Friedrich Vollhardt betreuten Dissertation an der Universität München vor.

Einen Inhaltsentwurf zu dem Buch über Literatur und Medizin hatte Müller-Seidel im Jahr 2000 seinem kürzlich gestorbenen Lektor im Verlag C.H. Beck Raimund Bezold geschickt. Er wurde später mehrfach modifiziert. Dokumente dazu sind vor allem im Nachlass Müller-Seidels zu finden, der 2014 dem Deutschen Literaturarchiv Marbach übereignet wurde. Dem Archiv war Müller-Seidel als langjähriger Mitherausgeber des Jahrbuchs der Deutschen Schillergesellschaft und Mitbegründer der dort seit 1972 existierenden „Arbeitsstelle für die Erforschung der Geschichte der Germanistik“ verbunden.

Auf der Basis dieser Materialien ist jetzt zum 100. Geburtstag Walter Müller-Seidels am 1. Juli 2018 online eine vorläufige und zum Teil noch lückenhafte Fassung des Buches als Sonderausgabe von literaturkritik.de erschienen. Die Edition versucht, den Plänen des Autors so weit wie möglich zu entsprechen und wird in den kommenden Wochen laufend ergänzt. Eine gedruckte Fassung erscheint spätestens im August. Zu dem Thema hat Müller-Seidel seit 1968 viele Aufsätze veröffentlicht, die hier erneut publiziert und mit nachgelassenen Fragmenten ergänzt werden. Im Mittelpunkt stehen Goethe, Kleist, Hölderlin, Büchner, Fontane, Schnitzler, Thomas Mann, Carossa, Benn und Döblin. Der umfangreichste Beitrag befasst sich mit Döblins akademischem Lehrer, dem Psychiater Alfred Erich Hoche, der auch literarisch tätig war und in seiner Zwiespältigkeit als eine für die spannungsreichen Beziehungen zwischen Literatur, Medizin und Jurisprudenz symptomatische Persönlichkeit portraitiert wird.

In einem Aufsatz über den kranken Hölderlin und die Hölderlin-Rezeption blickt Müller-Seidel auf die Jahre um 1968 zurück, seit denen ihn die Themen zunehmend beschäftigten: „Die erste Befassung mit diesen Fragen geht in die turbulenten Zeiten zu Ende der sechziger und zu Anfang der siebziger Jahre zurück, in denen es auch für den Hochschullehrer nicht immer leicht war, sich in der neuartigen Methodenvielfalt zurechtzufinden. Ideologische Tendenzen mit vielfach dogmatischen Verhärtungen trübten nur allzu oft die klare Sicht, die man sich gewünscht hätte; und vorgekommen ist es auch, daß Literatur in der um sich greifenden Politisierung für nicht wenige dem Blick gänzlich entschwand, sofern man sie nicht kurz entschlossen abzuschaffen gedachte.“ Dem setzte er eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit „übergreifenden Zusammenhängen wissenschaftsgeschichtlicher Art“ entgegen, „denen gegenüber sich Kunst und Literatur, wie ähnlich die Wissenschaften von ihnen, als ein Geschehen eigenen Rechts zu behaupten haben. […] denn wir sind inzwischen so sehr von Wissenschaft umgeben, von Naturwissenschaft, Medizin und Technik, daß Literatur – die Erforschung Hölderlins und seines Werkes zeigt es – ohne das sich ständig wandelnde Verhältnis zu diesen einflußreichen Mächten nicht mehr zureichend zu begreifen ist. Keine Gegnerschaft, versteht sich! Vielmehr stehen Wissenschaft und Kunst, mit Musil zu sprechen, „in einem gewissen Widerspruch zueinander, aber haben ein schattenhaftes Zueinandergehören“.

Walter Müller-Seidel: Literatur und Medizin. Zur Geschichte des humanen Denkens  im wissenschaftlichen Zeitalter (1795-1945).
Herausgegeben von Thomas Anz
Sonderausgabe von literaturkritik.de
Verlag LiteraturWissenschaft.de, Marburg 2018
Umfang entspricht ca. 330 Druckseiten, 9,80 Euro