Revival eines Jahrhundertromans
Else Jerusalems Roman „Der heilige Skarabäus“ sollte eine Pflichtlektüre nicht nur für alle Bordellgänger sein
Von Rolf Löchel
Vor zehn Jahren brachte der Verlag das vergessene buch einen Roman heraus, der dem Namen des Verlags alle Ehre machte, denn er war eines jener zu Unrecht vergessenen Bücher, die wieder in Erinnerung zu rufen sich der Inhaber Albert C. Eibl auf die Fahnen geschrieben hat. Das ist ihm immer wieder mit Bravour gelungen. In erster Linie zu nennen wären da die Werke Maria Lazars, auf die er sein Hauptaugenmerk gerichtet hat. Nicht weniger als sieben Bücher hat er von ihr neu oder gar aus dem Nachlass erstmals herausgegeben.
Hier aber ist die Rede von einer anderen Autorin und ihrem literarischen Opus Magnum. Eben das Buch, das 1909 erstmals erschien, einen nicht eben geringen Skandal entfachte, vielleicht aber genau darum umso mehr gelesen und von den Nazis 1933 auf den Scheiterhaufen geworfen wurde. Bis dahin waren allerdings nicht weniger als 22 Auflagen erschienen.
Dann aber sollte es bis ins nächste Jahrhundert dauern, bis er wieder ungekürzt auf den Markt kam. Eibl gebührt großer Dank dafür, vor zehn Jahren Else Jerusalems bedeutenden Bordell-Roman Der heilige Skarabäus um die im sogenannten „Rothaus“ aufgewachsene Tochter einer Prostituierten endlich wieder zugänglich gemacht zu haben. Jerusalems überaus realistische Anklage gegen das Elend des Prostituiertendaseins sollte eine der besonders erfolgreichen Neuausgaben des Verlags werden. Einige Jahre nach der Erstauflage der Neuausgabe von 2016 erfolgte die zweite. Und nun hat der Verlag pünktlich zum zehnjährigen Jubiläum die dritte in einer bibliophilen Aufmachung folgen lassen. Gegenüber den vorherigen wurde sie um einige lesenswerte „Anmerkungen“ der Herausgeberin Brigitte Spreitzer erweitert, in denen sie auf Rezensionen zur Neuausgabe von 2016 eingeht und darauf hinweist, dass inzwischen auch eine erste vollständige Übersetzung ins Englische vorliegt.
Die Neuauflage ist auch darum zu begrüßen, weil der Roman – wenn es denn so etwas gäbe – ganz zweifellos eine Pflichtlektüre für alle wäre, die sich für die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, Wien oder das Elend der Prostituierten interessieren. Und natürlich auch für alle, die ganz einfach nur gute Literatur lieben.
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