Gute Lehre braucht nicht viele Worte
In einem von Sylvia Jurchen und Silvan Wagner herausgegebenen Bändchen wird „Die mittelalterliche Kunst der abstrusen Belehrung“ in neuhochdeutschen Übertragungen einem zeitgenössischen Publikum zugänglich gemacht
Von Jörg Füllgrabe
Vielleicht ist das Klagen über den weiterhin ungebrochenen Drang zur – sehr oft unangemessenen – Verkürzung, das zumindest aus den Reihen derjenigen ertönt, die Kulturschaffen ernst nehmen, womöglich selbst Kulturschaffende sind, gar nicht so neu. Will sagen: (Ver-)Kürzungen gab es schon früher im Reigen literarischer Produktivität. Dass in dieser ambitionierten brevitas allerdings auch ein stilistisches Mittel zum Spiel mit dem Abwegigen und Abstrusen gesehen wurde, mag mit Blick auf heutige Gepflogenheiten zunächst einmal überraschen.
Die Tendenz zur Kondensation und zum Verkürzen ist indes ein ökonomisches Prinzip, das nahezu so alt sein dürfte wie die Menschheit selbst. Dass derlei Vorgehen auch den Effekt gewissermaßen sinnfreier Ergebnisse und damit ungewollter Komik nach sich ziehen mag, sollte aus den entsprechenden spielerischen Aktivitäten in kindlicher wie auch erwachsener Gesellschaft bekannt sein. Die Kunst aber, und darum geht es in der vorliegenden Sammlung Man sol mich hubschen luten lesen, besteht darin, dass trotz oder vielleicht sogar wegen der Abstrusität von Erzählung und Erzähltem das Ganze einen Sinn ergibt, der dann im besten Fall eine Lebensweisheit erkennbar zu machen vermag.
Und so wird – sowohl im Text auf der Buchrückseite als auch in der Einleitung – darauf verwiesen, dass das Buch kurze Texte absonderlicher Ereignisse und absurder Begebenheiten vereint, deren Intention darin liegt, alltagspraktische Belehrungen, also Parameter, an denen die oder der Einzelne das eigene Leben auszurichten vermag, zu generieren. Dass dabei nicht an Dramatik und Drastik gespart wird, ist dieser Beschreibung der vorgelegten Texte ebenfalls zu entnehmen, denn „um dieses Ziel zu erreichen, gehen die Geschichten über Leichen, brechen Tabus und stellen Gott und die Welt infrage“. Wer bei derlei Formulierungen der beiden Herausgeber Sylvia Jurchen und Silvan Wagner nicht von Neugier gepackt wird, ist vermutlich dem Stadium stoischer Vollkommenheit bereits sehr nahe.
Somit bietet es sich an, sich einfach auf das Werk einzulassen und den tatsächlich mitunter mehr als nur geringfügig bizarren Erzählungen zu ihrem handlungsethischen Ziel zu folgen. Denn „eine Lehre, die sich nur unter enormen Windungen zu ihrer Geschichte fügt, bleibt im Gedächtnis haften, lebendig, schillernd und alles andere als ein Gemeinplatz“. Dass dieser Erkenntnisgewinn auch denjenigen, die sich nicht alltäglich mit mittelalterlicher Dichtung befassen, zugänglich gemacht wird, ist den insgesamt elf Autorinnen und Autoren zu verdanken, die jeweils einen, gelegentlich auch zwei dieser kurzen Texte übertragen haben und einem modernen Publikum vorstellen. Sie sind allesamt Mitglieder von BREVITAS, einer Gesellschaft zur Erforschung vormoderner Kleinepik, befassen sich seit Jahren mit derlei lehrhaft intendierten Kurztexten und sind somit in ihrer Expertise über alle Zweifel erhaben.
Die Art der Vorstellung ist äußerst ansprechend. Da – so wird es im Geleitwort erwähnt – alle Beteiligten ihre jeweilige Lieblingsgeschichte(n) vorstellen und diese Sympathien zu den jeweiligen Texten auch klar erkennbar sind, ergibt sich die Vorstellung einer vertrauten Runde, in der die Beteiligten einander (und den indirekt beteiligten Publikumskreis) auf kurzweilige, aber auch erbauliche Weise zu unterhalten suchen – Ähnlichkeiten zum Dekameron sind hier wohl nicht vollkommen zufällig. Das Lesen, Wundern, Kopfschütteln, Staunen und dann auch Erkennen geht dabei so unvermittelt vonstatten, dass das ehrenwerte Axiom per aspera ad astra auf nachgerade sträfliche Weise vernachlässigt wird.
Und dennoch erschließt sich nicht alles von selbst – es liegen schließlich nicht nur Jahrhunderte, sondern auch von vielen anderen Parametern geprägte Zeitläufte zwischen Entstehung und gegenwärtiger Rezeption. Dementsprechend haben die Vermittlerinnen und Vermittler jedem der vorgestellten Geschichten erläuternde Gedanken hintangestellt, anhand derer sich die eine oder andere Unklarheit auflösen lässt. Denn neben der teils sehr sachten, mitunter aber auch robusten Umgestaltung des mittelalterlichen Textmaterials ist es erklärtes – und erreichtes – Ziel, auch diejenigen Feinheiten und teils nahezu unsichtbaren Fäden in den mittelalterlichen Textgeweben zu vermitteln, die für gegenwärtige Leserinnen und Leser schwer oder womöglich gar nicht zu erkennen sind.
Welche Lehren es genau sind, die in den Erzählungen stecken und zu Nutz und Frommen vermittelt werden sollen, ist eben nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, oft sind die Lehren eher indirekt zu bemerken, mitunter sogar nur über den Abgleich mit seinerzeit populären Sprichwörtern oder dergleichen zu erschließen. Um insbesondere für derlei Zweifelsfälle eine optisch äußerst ansprechende Hilfestellung zu leisten, hat in der vorliegenden Ausgabe der Regensburger Schriftkünstler Johann Georg Maierhofer die zu gewinnende Erkenntnis den jeweiligen Erzählungen in Form eines kalligraphisch ansprechenden Mottos vorangestellt. Allein das ist schon mehr als einen Blick wert.
Diese Sentenzen sind gewissermaßen die Leitsterne, anhand derer die Orientierung in der folgenden Geschichte erleichtert wird, was seinen ganz eigenen Reiz hat. Dabei ist die Quintessenz oft wesentlich weniger komplex als die sie vermittelnde Geschichte selbst; es sind zumeist einfache (oder vielleicht doch eher einfach erscheinende?) Antworten religiöser, moralischer Art auf die Frage nach einem guten, und das heißt in diesem Zusammenhang auch: gottgefälligen Leben. Sie nehmen gewissermaßen das vorweg, was die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ‚ihrer‘ jeweiligen Geschichte in „anekdotischen Streiflichtern“ unter anderem nachstellen und somit neben den interessanten Fragen der jeweiligen individuellen Motivation zur Auswahl des jeweiligen Textes auch dessen geistes- und kulturgeschichtlichen und somit letztlich wissenschaftlichen Gehalt beleuchten.
All das hat seinen besonderen Reiz und bietet in der Tat abstruse Konstellationen, aus denen sich Staunen und schließlich auch Erkennen ergeben mögen, denn wenn am Ende einer reichlich frivolen und aus rigoros orthodoxer Warte womöglich zumindest dezent blasphemisch anmutenden Geschichte der Heiland selbst seinem empörten Apostel Petrus entgegnet: „[I]ch würde lieber noch einmal sterben, als dass ich einen Sünder im Stich ließe“, mag das zwar wie aus einer Parallelwelt wirken, ist aber über die Zeiten hinweg gesehen doch auch tröstlich.
Um dieses Zitat aus der Geschichte vom Blinden im Zusammenhang zu lesen und sich auch auf die anderen Texte einlassen zu können, empfiehlt es sich, den Erwerb dieses Buches nicht nur in Erwägung zu ziehen. Die Originaltexte sowie ein Verweis auf weitere Informationen zu ihnen sind in alphabetischer Aufreihung im Anhang ausgewiesen, und mit der Bereitstellung eines entsprechenden QR-Codes werden auch ganz Eilige schnell weiterkommen. Der ansprechend, aber nicht protzig gestaltete Band ist nachgerade das perfekte Geschenk – für sich und andere!
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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