Angetrieben vom Geschichtsbedürfnis im Raum des Schweigens

In „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ lässt Yulia Marfutova auf irritierende und wortgewandte Weise die Mäuse erzählen

Von Lena Sophie VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lena Sophie Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In Marfutovas Text übernehmen die Mäuse die Erzählstimme. Sie erzählen drei Töchtern die Geschichte ihrer Mutter Marina, die in den 1980er Jahren in der UdSSR aufgewachsen ist. Marina selbst schweigt über diese Zeit. Eine seltsame Herkunftserzählung entfaltet sich, in der die Mäuse als Zeugen der Erlebnisse auftreten. 

Wir halten uns schon an die historischen Fakten, schieben die Mäuse an dieser Stelle sicherheitshalber dazwischen. Wir verbürgen uns dafür, dass da so und nicht anders die Worte gewählt worden sind. Ungefähr so und nicht anders und basta – wir zitieren schließlich in der Übersetzung! 

Der Text beginnt mit den Träumen der Großmutter Nina, in denen immer wieder Ausschnitte eines Koffers auftauchen. Nina lebt mit ihrer Tochter Marina in den 1980er Jahren in Moskau. Marina geht zur Schule oder besucht ihre Freundin Vera, mit ihrer Mutter redet sie kaum. Als Vera und Marina einen Brief des ausgewanderten Grischa entdecken, wird das Interesse an einem Leben außerhalb Moskaus geweckt. Beide schreiben den Brief um, bis er ihren Sehnsuchtsvorstellungen entspricht. Nachdem dieser Brief durch das Auftreten von Anton, für den sich Vera romantisch interessiert, in den Hintergrund rückt, taucht er in weiteren Versionen in der Bibliothek, in der Marina aushilft, wieder auf. Dort entdeckt sie aber nicht nur die Briefe wieder, sondern findet in den Büchern auch Einladungen zu Sitzungen des zionistischen Vereins Sochnut. Sie wird zur begeisterten Sochnut-Marina und ihr konkreter Auswanderungswunsch bricht in der Pause des Theaterstücks Drei Schwestern gegenüber ihrer Mutter aus ihr heraus. Für Nina wird deutlich, was der Koffer in ihren Träumen bedeutet. Eines Nachmittags bietet Anton Marina ein Ausreisevisum an. Diese klitzekleine Chance, höchstens so groß wie ein spatzengroßer Vogel, ergreift sie. 

Das Verhältnis zwischen Mutter Nina und ihrer Tochter ist geprägt von Schweigen. Die Mäuse beschreiben zum einen die Unsicherheiten der Mutter, zum anderen die Gedanken der Tochter. Nina ist Ingenieurin in der UdSSR. Der Vater hat die Familie verlassen, er nimmt in Marinas Leben keine aktive Rolle ein, auch sein Wohnort ist unbekannt. Das Gehen des Vaters ist für Nina unfassbar und so bleiben auch seine Beweggründe im Dunkeln. Der Text legt den Fokus auf weibliche Figuren und verfolgt den Generationenverlauf in der Geschichte von Mutter-Tochter-Verhältnissen. Das Verhältnis zwischen Nina und Marina ist von Reibung geprägt, die durch die Entscheidungen der Mutter und den kindlichen Trotz entsteht. In Marinas Gedanken formt sich eine Abwehrhaltung gegenüber ihrer Mutter: 

Und wo wir schon bei den unerträglichen Dingen des Lebens sind: dass ihr Name mit dem der Mutter einen Reim bildet, ist für Marina der Liebe deutlich zu viel. 

Lernen, lernen und nochmals lernen. Das ist Ninas Lieblingszitat, und so ernst und so mahnend, wie Nina es immer sagt, war Marina lange nicht klar, dass es eigentlich ein Witz ist. 

Es ist unmöglich, eine vernünftige Unterhaltung mit Nina zu führen. Zum einen, weil sie nie zuhört. Zum anderen, weil sie so tut, als hätte sie das Zuhören nicht nötig, weil ihr die Träume schon alles verraten, was es auf Erden zu wissen gibt (…) 

Nina beschäftigt sich über ihre Träume hinaus mit dem Lesen von Teeblättern und versucht so, ihrer Tochter nah zu bleiben – diese wertet aber sowohl die Träume als auch die Teeblätter der Mutter ab. Dabei zeigt der Text auf erzählerischer Ebene, dass die Zukunft in der UdSSR für beide genauso unsicher ist wie die Suche nach Antworten in Träumen oder Teeblättern. Das Wabern zwischen Nähe und Distanz im Mutter-Tochter-Verhältnis lässt sich über den Text hinaus spüren: die Figuren bleiben fremd, wenn auch durch ihre Eigenheiten zugleich sympathisch. 

In den 80er Jahren formiert sich in der Sowjetunion die antisemitische Gruppierung Pamjat und die Angst vor Pogromen ist gegenwärtig. Um ihre jüdische Herkunft unsichtbar zu machen, hat sich Nina einen abweichenden Namen gegeben. Teile der Familie haben die Shoah und den Holodomor überlebt. Erzählt wird in der Familie nur über diese Wenigen, nicht aber über die Toten – wodurch auch die Mäuse aufgrund der fehlenden Quellen das Schweigen nicht auflösen können. 

(…) was die eine Generation beschweigt, wird der nächsten als dröhnende Stille vererbt. 

Die Vergangenheit ist ein siebenköpfiges Monstrum, sagen oder zitieren die Mäuse eine alte Weisheit frei, und sie ist nicht einmal vergangen, weshalb es ehrlicher ist, von ihr im Präsens zu reden. 

Die Interaktion mit den Mäusen durchzieht den gesamten Text und unterbricht dabei immer wieder die Binnenerzählung über Marinas Leben in den 1980er Jahren in Moskau. Beständig wird wiederholt, dass die Kinder, 17, 16 und zehn Jahre alt, die Zuhörenden sind. Die Töchter stellen Nachfragen, verziehen ihre Gesichter oder ihnen schläft ein Körperteil ein. Seltsam muten diese Unterbrechungen im Erzählfluss an. Gleichzeitig kehrt in den Brüchen der Geschichte die Frage nach der Glaubwürdigkeit zurück. Die Leser*innen werden damit aufgefordert, das Szenario aus der Distanz zu betrachten. Kann den Mäusen getraut werden? 

Sagen wir, sagen die Mäuse, denn die wollen damals dabei gewesen sein, obwohl doch allen bekannt ist, dass die Mäuse erst später einzogen, später, das heißt: sobald die Nachbarskatze gestorben war, aber was sind schon Details? 

Trotz ihrer unglaubwürdigen Erzählposition entsteht im Verlauf der Erzählung ein Sog, den die Kinder treffend beschreiben: “Wir bleiben hartnäckig. Solche vernünftigen Worte fruchten bei uns nicht; zu sehr sind wir angetrieben von einem irgendwo im Bauch sitzenden Geschichtenbedürfnis.” 

Die Mäuse erlangen jedoch Glaubwürdigkeit, indem sie ihre Zeugenfunktion beteuern und sich auf historische Fakten berufen. Sie erzählen von einem Archiv, über das sie verfügen, in dem sie dokumentieren, ablegen und festhalten. 

Zurück bleiben alle mit der Erkenntnis, dass sich eine Erzählung von der Realität unterscheidet; und sich trotz historischer Dokumente keine vollständige Geschichte erzählen lässt. Diese besondere Art der Metakommentare in der Rahmenerzählung konfrontiert durch die Annahme, dass es keine kohärente Erzählung über Herkunft geben kann. 

Und so bleiben trotz des Mäusearchivs Leerstellen und das Schweigen bestehen. In den Erinnerungen an die Erlebnisse der Mutter oder Großmutter scheinen keine Antworten auf die Fragen der Kinder zu liegen. Vielmehr führt das Erzählen zu Brüchen in der Wahrnehmung der Mutter und die gewünschte Heilung in der Familie bleibt aus. Die Bewegung zwischen Nähe und Distanz zwischen den Generationen schreibt sich fort. 

Marfutovas Text ist als die Mahnung zu verstehen, dass jede Herkunftsgeschichte lediglich ein Versuch ist, die Zeugnisse zusammenzutragen. Die Autorin verwehrt ihren Leser*innen eine Geschichte von Heilung. Durch ihre irritierenden Interventionen im Text weist sie vielmehr auf die zerstörten Archive, die Brüche in den Familien und die weiterhin offenen Fragen hin.

Titelbild

Yulia Marfutova: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
140 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007690

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