Das Wichtigste auf Erden

„Aschmedai’s Sonette an den Menschen“ von Rosa Mayreder sind in einer bibliophilen Neuausgabe erschienen

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In der Wiener Dr.-Eberle Gasse residiert ein kleiner, aber feiner Verlag „für bibliophile Menschen“ namens edition libica. Seit rund fünf Jahren produziert er wunderschöne Ausgaben nicht unbedeutender, aber vergessener Bücher österreichischer AutorInnen. Darunter auch Werke der einen oder anderen Feministin des Alpenlandes wie etwa Marianne Hainisch, der Gründerin des noch heute bestehenden Bundes Österreichischer Frauenvereine. Von ihr gab der Verlag 2016 den erstmals 1913 erschienenen Essay Die Mutter heraus. Da ist es fast schon selbst verständlich, dass auch die Grande Dame des österreichischen Feminismus, Rosa Mayreder, nicht fehlen darf. 1902 war auch sie eine der Mitbegründerinnen des genannten Bundes. Ihre Fabeleien über Göttliche und menschliche Dinge brachte die edition libica bereits 2013 neu heraus. Nun hat der Verlag ein weites Buch Mayreders folgen lassen: Aschmedai’s Sonette an den Menschen. Es handelt sich um eine mit 18 „launigen Allegorien“ illustrierte „Vorzugsausgabe zu Mayreders 160. Geburtstag“, deren einmalige Auflagenhöhe aus ebenso vielen nummerierten Exemplaren besteht.

Wie bereits  im Falle der Fabeleien firmiert wiederum Simone Stefanie Klein als Herausgeberin. Sie hat nicht nur die Allegorien aus „mythischen Figuren, Photos und grafischen Elementen“ collagiert, sondern auch ein philosophisch belesenes Nachwort verfasst, das als „Laudatio“ auftritt, die Lilith „auf den Scharfsinn ihres Gefährten Aschmedai“ hält.

Mayreder ließ Aschmedai auch schon in früheren Texten auftreten. Wie die Herausgeberin mitteilt, erstmals in dem Mysterium Anda Renata. Es erschien 1934, ist also ebenfalls dem Spätwerk der Autorin zuzurechnen. Bei den vorliegenden Sonetten wiederum handelt es sich um Mayreders letzte Publikation. Sie erschien 1937, ein Jahr vor ihrem Tod, in geringer Auflage als Privatdruck.

Anders als in der jüdisch-christlichen Mythologie ist Mayreders Aschmedai keiner jener Dämonen, „die sich an der Sünde weiden“, sondern einer, der sich „zwischen Mensch und Gott“ herumtreibt und von keiner Feindschaft zwischen sich und dem Weltenschöpfer wissen will. Denn so, wie ein Subjekt und dessen Identität erst in Abgrenzung zu anderem entsteht, wird „nichts […] erkennbar ohne Gegensatz“ und Gott „wär´ der Welt nicht Herr, müsst er den Teufel missen“.

Doch handelt es sich bei Mayreders Aschmedai nicht um den gleichnamigen Dämon der jüdisch-christlichen Religionen. Vielmehr ist er im philosophischen Verständnis eines platonischen Daimons aufzufassen. Als solcher wirft er einen recht pessimistischen Blick auf das „leidige“ Menschengeschlecht, dessen „erbärmliches Gezänk“ und von diesem als „Ehrensache“ verstandenes Morden er geißelt. Er kann also durchaus verstehen, dass Gott „am Menschen vieles nicht vertragen“ kann. Den allerdings wurmt vor allem, dass sein Geschöpf statt vor ihm „auf Knien auf der faulen Haut“ liegt. Darum gilt es einen, besser gesagt den neuen Menschen mitsamt einer idealen Welt zu schaffen. Bei dem Unternehmen, dies zu bewerkstelligen, stümpert Gott von einem Versuch zum nächsten. Das ficht ihn jedoch wenig an, da ihm die Ewigkeit nichts gilt und somit ein Ende der Versuchsreihe nicht abzusehen ist. Der neue Mensch will jedoch einfach nicht gelingen. „Fürwahr, der liebe Gott ist zum erbarmen!“, befindet der titelstiftende Dämon daher.

Bei allem Pessimismus ist Aschmedais Blick auf Gott und den Menschen stets voller beide ironisierendem Humor, der jedoch niemals boshaft wird. Die Herausgeberin zitiert entsprechend aus Mayreders Tagebuch: „aus der Resignation über das Vergebliche“ sei in den Sonetten „statt pathetischer Verzweiflung der Humor geworden, mit dem sich Aschmedai ‚zwischen Gott und Mensch‘ herumtreibt“.

Wie Klein erläutert, lässt Mayreder ihren Aschmedai in den Sonetten als „weisen Narr“ auftreten, „der sich im Grunde einer poetischen Betrachtung der Frage ‚Was ist der Mensch?‘ hingibt“ und dabei in „philosophischer Verwandtschaft“ zum Eros der platonischen Diotima steht.

„Quasi vorbereitend zu den Sonetten“ hat Mayreder der Herausgeberin zufolge in ihrer philosophischen Schrift Der letzte Gott wenige Jahre zuvor dargelegt, „wie das altbekannte Problem der Theodizee  auf philosophischer Ebene zu lösen wäre“. Wie sich versteht, geht es in den Sonetten denn auch eher philosophisch als theologisch zu. Verhandelt werden etwa ethische Fragen wie diejenige nach dem Verhältnis von Determinismus und Willensfreiheit oder dem von Eros und Liebe. Wie der platonische Aristophanes die missgünstigen Götter den kugelgestaltigen Menschen in zwei zerschlagen lässt, so ist es bei Mayreders Aschmedai der monotheistische Gott höchstselbst – was sich allerdings schnell als „schlechter Scherz“ erweist. Und das nicht nur für das aus dem Paradies vertriebene Paar, sondern auch für dessen Schöpfer. Erst Cupido mag den folgenden Unbilden immerhin zeitweilige Abhilfe schaffen. Zuletzt klärt Aschmedai die Menschen über das Wichtigste auf Erden, oder vielleicht besser gesagt in Himmel und Hölle, auf.

Darüber, was es damit auf sich hat, klärt wiederum die Herausgeberin in ihrem Nachwort auf. Als zentrales Thema der Sonette wie auch von Mayreders gesamtem literarischen Schaffen, ja ihres Lebens überhaupt macht Klein die „dynamische Gleichgewichtslage polarer Gegensätze“ aus und kann sich dabei auf einen von Mayreders Aphorismen aus dem 1935 erschienen Band Gaben des Erlebens berufen. Zumindest auf die vorliegenden Sonette trifft dieser Befund zweifellos zu, in denen sich Mayreder – in gewisser Weise zugleich ihrer Zeit voraus, tief verwurzelt in der philosophischen Tradition eines Heraklit, Nikolaus Cusanus und Jacob Böhme stehend – gegen den hierarchischen Dualismus wendet.

Die Neuausgabe von Mayreders Sonetten-Band ist nicht nur für bibliophile Menschen ein Grund zur Freude. Sie ist auch für die Mayreder-Forschung von Interesse, waren die Sonette doch bislang nicht ohne Weiteres zugänglich.

Titelbild

Rosa Mayreder: Aschmedai’s Sonette an den Menschen.
edition libica – Kulturkreis, Wien 2018.
80 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783903137219

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