Inselträume im Südmeer

Zweifach gespiegelt von Julia Meier in ihrer Studie zum Roman „Die Inseln im Südmeere“ von Adam Oehlenschläger im Vergleich mit der „Insel Felsenburg“ von Johann Gottfried Schnabel

Von Ulrich KlappsteinRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Klappstein

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Adam Gottlob Oehlenschläger (1779–1850) war von 1810 an bis zu seinem Tod Professor für Ästhetik an der Universität Kopenhagen. Er gilt als dänischer Nationaldichter, Theoretiker und Hauptvertreter der „dänischen Romantik“ und verfasste außer seinen zweibändigen Poetischen Schriften (1805) unter anderem Trauerspiele, Gedichte, Erzählungen und vor allem den Roman Die Inseln im Südmeere (Originaltitel: Øen i Sydhavet), der nach der dänischen Ausgabe von 1824/1825 in vier Teilen bei Cotta in Stuttgart und Tübingen bereits im Jahr 1826 erscheinen konnte. Die Bogenbezeichnung bei Cotta lautete „Oehlenschlägers Insel Felsenburg“ und Oehlenschläger selbst hat seinen Roman in einer Vorbemerkung als Bearbeitung von Johann Gottfried Schnabels Roman Insel Felsenburg angepriesen. Oehlenschlägers Roman kam zwei Jahre vor Ludwig Tiecks Bearbeitung von Schnabels Großroman (1828) heraus. Während jedoch Tieck unter dem neuen Titel Insel Felsenburg vor allem eine sprachliche Modernisierung der wohl bedeutendsten deutschen Robinsonade anstrebte, die von 1731 an ebenfalls in vier Teilen erschienen war, hat Oehlenschläger das alte Buch nach eigenem Bekunden erneuert, indem er „einige Hauptzüge des alten Romans ‚Felsenburg‘ zum Stoffe gegenwärtiger Dichtung nahm“, wie er in seinem Vorwort bekannte. „Dieser Roman kann also nur insofern eine Bearbeitung des alten heißen, wie man ein historisches Schauspiel eine Bearbeitung der Geschichte nennt“, aber „in keinem Werke habe ich mehr selbst erfunden, obschon, wie gesagt, einige schöne, mit Kreide flüchtig hingeworfene Skizzenzüge dem alten Buche entlehnt sind“.

Die Neuerscheinung wurde von dem einflussreichen Schriftsteller und Kunstkritiker Karl August Böttiger (1760–1835) unter dem Titel Geschichtliche Romane im „Literatur-Blatt auf das Jahr 1826“ ausführlich rezensiert, einer Literaturbeilage der Zeitschrift „Morgenblatt für gebildete Stände“, die ebenfalls in der Cotta’schen Buchhandlung erschien. Der Roman Oehlenschlägers habe beim damaligen Lesepublikum bereits große Erfolge gefeiert, wie sein Vorbild Schnabels Insel Felsenburg. „Aber welche Gallerie der Charaktere und Situationen weiß dieser welt- und geschichtkundige Dichter in die alte Fabel der Insel Felsenburg einzureihen!“ Oehlenschläger habe nicht nur Charakterbilder bekannter „Heroen“ (Gustav Adolf, Christian IV., Zar Peter den Großen, Leibniz) gezeichnet, sondern auch vermocht, die historischen Episoden „mit einer Wahrscheinlichkeit auszumalen, die durchaus mit den gelungensten in Walter Scott’s Romanen wetteifert.“ Obwohl er dem Roman auch „Unwahrscheinlichkeiten und schwache Seiten“ attestiert, lobt Böttiger ausdrücklich Oehlenschlägers Montage von Novellenzyklen, die „nirgends, wie in so vielen unserer jetzigen, doch gepriesenen Romane, ein bloßer Nothbehelf zur Verlängerung des Buchs“ seien: 

Alles greift wohlberechnet und künstlerisch ineinander. Ende gut, alles gut! Ist das Schlußkapitel überschrieben, und in der Tat rücken und begegnen sich Anfang und Ende in dieser gelungensten aller Robinsonaden so rührend, so befriedigend, daß wie in einem großen Musikstück keine Dissonanz unaufgelöst geblieben ist.

Diese frühe Einschätzung Böttigers diente Julia Meier in der nun unter dem Titel Inselromane im Tübinger Narr/Francke-Verlag erschienenen Studie als Ausgangspunkt. Auch sie zieht Schnabels Insel Felsenburg, die Oehlenschläger als Prätext diente, vergleichend heran, als – wie sie schreibt – „geeignetes Gefäß für Kunstreflexionen“. Wie Böttiger betont auch sie (im Anschluss an die theoretischen Konzepte von Michail M. Bachtin und Julia Kristeva) die Vielstimmigkeit und Dialogizität des Romans des Dänen. Zu ihrem analytischen Instrumentarium gehört auch das von Gérard Genette breit gefächerte Beschreibungssystem des „Palimpsests“, mit dem er Kristevas Intertextualitäts-Ansatz erweitert hat. Auf dieser Basis hat nun Meier – „im Dialog mit Schnabels Insel Felsenburg“ – untersucht, inwieweit sich „die Präsenz anderer Texte in Oehlenschlägers Roman […] als gleichrangige ‚Stimmen‘“ manifestiert. Sie greift auch auf die dänische Fassung des Romans zurück, da schon „die Übersetzung als solche ihrem Wesen nach ein intertextuelles Phänomen“ sei. Hierbei erinnert sie an Novalis und dessen Kategorisierung des „verändernden Übersetzens“ als eigenständige Nachdichtung. Auch Oehlenschläger war als sein eigener Übersetzer ein „höchster poetischer Geist“ (Novalis) und könne somit als „Dichter des Dichters“ gelten.

Nachdem sie Die wunderliche Fata, so der verkürzte Originaltitel von Schnabels Roman (im Folgenden mit der Sigle WF bezeichnet) mit Die Inseln im Südmeere (im Weiteren: IS) in Grundzügen inhaltlich vorgestellt und verglichen hat, würdigt sie die polyphone Textgestalt des Romans und bezeichnet Oehlenschläger als „Grenzgänger zwischen zwei Kulturen“. Meier geht nicht nur auf die thematischen und stilistischen Unterschiede von Prätext und Neuschöpfung ein, sondern auch auf die inhärenten Sprachreflexionen beider Dichtungen: 

Die Sprachreflexionen der Figuren zeigen entscheidende Unterschiede […] Während die Kinder von Albert und Concordia in Schnabels Roman noch ganz unproblematisch zweisprachig aufwachsen, wird dies in den IS durch eingehende Überlegungen Concordias verhindert oder zumindest in Frage gestellt. Besonders bemerkenswert ist, dass diese reflektierte Haltung der Frau zugeschrieben wird. Dadurch werden dem gängigen ‚Oehlenschlägerschen Frauenbild‘ neue Facetten hinzugefügt.

Meier demonstriert dabei eine gelungene Integration von eigenem close reading und der Referierung der Ergebnisse der (in diesem Falle: dänischen) Oehlenschläger-Forschung; nebenbei lässt sie als weiteren methodisch-theoretischen Zugang Erkenntnisse der aktuellen Gender Studies einfließen, um die in der Einleitung aufgeworfene Hypothese zu bestätigen, dass „Weiblichkeit in den IS einen anderen Stellenwert habe als in Schnabels WF“.

Im nächsten Kapitel geht Meier weiteren Spuren der Prätexte – also der WF sowie der eigenen dänischen Textfassung –im Paratext der IS nach: Titel und Vorreden, Textanfänge, die Träume der Hauptfigur Albert werden absatz- und sogar zeilenweise vergleichend analysiert, so dass auch Leserinnen und Leser, die beide Prätexte nicht vor Augen haben, einen plastischen Eindruck der jeweiligen Textbeziehungen erhalten, die sich in den verschiedenen textuellen Realisierungen der IS aufzeigen lassen. Hier also kann Meier schon die im Untertitel eingeforderte Dialogizität und die Modernität von Oehlenschlägers Roman treffend nachweisen.

Die nachfolgenden Kapitel behandeln exemplarisch verschiedene Aspekte der Figurendarstellung, ausgehend von den unterschiedlich gestalteten Cyrillo de Valaro-Biografien in den beiden Romanen. Meier kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Nachdichter zwar eng an den Prätext der WF anlehnt, sich bei der Gestaltung der Vita Cyrillos aber weit von der Vorlage entfernt, da „als treibendes Element die Ausrichtung aller Handlungskomponenten auf eine Beziehung zu Literatur und Kunst“ erscheine. Insofern sei deutlich, dass Oehlenschläger sich – anders als Schnabel – bereits auf einen erweiterten literarischen, kunst- und kulturgeschichtlichen Kanon stützen kann, der sich besonders in der Cyrillo-Episode im 18. Kapitel des dritten Teils der IS als Mikrotext im Makrotext spiegele. Bei Schnabel diente die „Lebens-Beschreibung des Don Cyrillo de Valaro“ dazu, die Vorgeschichte der Felsenburg-Bewohner erzählerisch nachzutragen und war lediglich als Anhang dem ersten Band beigefügt; bei Oehlenschläger wird dessen Vita dagegen in den Haupttext verschoben.

Anschließend geht Meier noch einmal auf die „männlichen“ und „weiblichen“ Stimmen im Roman ein und illustriert gekonnt, wie das Szenario „männlicher Vorherrschaft“ bei Oehlenschläger umgefärbt und so relativiert wird. Hier gelingt es ihr, die Sichtweise der bisherigen Forschung auf Oehlenschlägers Frauenfiguren und deren Beurteilung als „bloss sinnlich verführerisch“ als zu pauschal und vordergründig zu entlarven.

Nach einem vergleichenden Blick auf die Schauplätze der Romanhandlungen, insbesondere auf die Kirchenarchitekturen bei Schnabel und Oehlenschläger, geht Meier abschließend auf die in die IS eingewobenen Schauspiele – Die Flucht aus dem Kloster und Die Wäringer in Konstantinopel – ein, denn die Textsorten Theater und Schauspiel nehmen bei ihm einen breiten Raum ein. Oehlenschläger konnte sich somit mit dem Rückgriff auf vorherige eigene Werke nicht nur als Theater-Dichter profilieren, sondern zeigt sich auch als Kenner anderer Kunstgattungen: Lieder und Kirchenlieder werden zitiert, eigene Gedichte sind zahlreich in fast alle Romankapitel verwoben, hier analog zur Arien-Struktur bei Schnabel; weiterhin bezeugen die vorkommenden Bildbeschreibungen eine frühe „Intertextualität“ im Sinne Kristevas. 

Das serielle Erzählen, die bewundernden Seitenblicke des Figurenpersonals auf die Dramaturgie Shakespeares, die offensichtlichen, damals „modischen“ Seitenhiebe auf das Theater der französischen Klassik und die vielen, auf das Interesse des Lesepublikums abzielenden „Cliffhanger“ der Kleinstkapitel sowie deren manchmal geheimnisvoll wirkende Titeleien; auch die stetigen Erzählunterbrechungen wie in Tausendundeine Nacht, schließlich die an Boccaccios Decamerone angelehnte Episodenhaftigkeit bezeugen die Modernität dieses Romans aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. All diese mikrostrukturellen Details brechen die Makrostruktur des frühbürgerlichen Prätextes der WF auf und befördern den sich anbahnenden Dialog mit den Erwartungen des bürgerlichen Lesepublikums. Dieses Faktum wird freilich in Meiers Studie nur noch teilweise behandelt, genauso wie weitere Desiderata und Untersuchungsfelder in ihrer Schlussbemerkung nur noch angedeutet werden: eine mögliche Untersuchung der Kontextbeziehungen aus kulturgeschichtlicher Perspektive, weitere chronotopische Analysen, die das Zusammenspiel der unterschiedlichen Zeitebenen erweisen würden, oder auch Studien über die (romantische) Ironie im Roman Oehlenschlägers. 

Aber auch so bleibt aus Sicht des heutigen Rezensenten festzuhalten, dass Julia Meiers Studie in bestem Sinne geeignet ist aufzuzeigen, mit welchen erzählerischen Mitteln Oehlenschläger schon zu seiner Zeit neuartige Verfahren der Romanpoetik fruchtbar gemacht hat, als deren Messlatte sogar heutige, aktuelle Ansätze der Literaturwissenschaften herangezogen werden können. Fast überflüssig zu erwähnen, dass Meier die Primärliteratur – die Werke Adam Oehlenschlägers und Johann Gottfried Schnabels – vollständig im Anhang aufführt, ihre sonstigen Textquellen (von Hans Christian Andersen bis Ludwig Tieck) ebenfalls einschließt und aus einem gut dokumentierten Fundus älterer, aber auch aktueller Sekundärliteratur schöpfen kann. Ergänzt wird die Studie durch ein ausführliches Personenregister sowie ein Verzeichnis der hilfreich eingefügten Abbildungen.

Julia Meier hat in Zürich, Kopenhagen und Basel Skandinavistik und Germanistik studiert. Das vorliegende Buch ist die überarbeitete Fassung ihrer Dissertation, die sie im Sommer 2020 an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel eingereicht hat.

Zum Schluss noch eine Anmerkung: Der Schriftsteller Arno Schmidt (1914–1979) hat sich in seiner langen Lesebiografie nachhaltig mit dem Werk Schnabels beschäftigt. Als Ergebnis forderte er die Verlagslandschaft auf, die Insel Felsenburg für die zeitgenössische Leserschaft neu herauszugeben. Diesem Wunsch hat der Verlag Zweitausendeins in seiner Reihe Haidnische Altertümer im Jahr 1997 wenn auch spät entsprochen. Die Forschungen zur Insel Felsenburg wurden letztlich durch das Insistieren Schmidts nicht unbeträchtlich beflügelt. 

Oehlenschlägers Die Inseln im Südmeere ist zwar als Text im Internet einsehbar, liegt leider als Buch nur noch antiquarisch in der ansprechend gestalteten Ausgabe aus dem Jahre 1911 des Stuttgarter Holbein-Verlags (mit einer Einleitung von Richard M. Meyer) vor. Wie Julia Meier angemerkt hat, handelt es sich dabei um eine zwar geringfügig, aber dennoch gekürzte Ausgabe, die übrigens auch Arno Schmidt schon im Jahre 1945 vorlag. Es bleibt zu hoffen, dass es auch eine brauchbare, kommentierte Neuausgabe des Oehlenschlägerschen Werks geben wird, um diesen lesenswerten Autor dem erneuten Vergessen zu entreißen.

Titelbild

Julia Meier: Inselromane. Adam Oehlenschlägers Roman Die Inseln im Südmeere.
Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2022.
272 Seiten , 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783772087608

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