Bitter ernst und wundervoll leicht

Eva Menasses Roman „Alleinruhelage“ präsentiert eine authentische Lebens-Zwischenbilanz

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Haus, du bist Zeuge von allem gewesen, aber nun verkaufe ich dich“, heißt es im neuen Roman von Eva Menasse, in dessen Zentrum ein Wochenendhaus in Vorpommern (nahe der polnischen Grenze) steht. Es ist ein Haus in Alleinlage – in der Nähe einer Datschensiedlung aus DDR-Zeiten. “Vogelsang“ heißt das Dorf, ein älterer Ex-Stasi-Mann hieß die Ich-Erzählerin einst willkommen, die restlichen Nachbarn waren rigoros abweisend.

„Ich wollte keinen historischen Roman schreiben, sondern eine paradigmatische Menschheitsgeschichte, wie sie eben immer wieder passiert“, hatte die Schriftstellerin Eva Menasse über ihren opulenten Erfolgsroman Dunkelblum (2021) erklärt, der sich über 120.000-mal verkauft hat. Die 56-jährige Menasse, Halbschwester des Schriftstellers Robert Menasse und Ex-Ehefrau des Erfolgsautors Michael Kumpfmüller, hatte 2005 mit ihrem opulenten und verdientermaßen hochgelobten Debütwerk Vienna gleich für reichlich Furore gesorgt.

Die Ich-Erzählerin des neuen Romans, die ihrer geistigen Schöpferin nicht unähnlich ist, erzählt vom Älterwerden, von einem komplizierten Reifeprozess mit allerlei familiären Turbulenzen (drei Kinder stammen aus unterschiedlichen Beziehungen) und von einer Patchworkfamilie, die von den übrigen Datschenbewohnern argwöhnisch beäugt wird. Es geht um Trennungen, um neues Verlieben – um ein Leben mit vielen Kurven.

Die Autorin Eva Menasse weiß, wovon sie schreibt. Sie hat selbst eine ehemalige Gaststätte in einer Wald- und Seenlandschaft in Vorpommern nahe der polnischen Grenze erworben, um gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern dem Wohnort Berlin entfliehen zu können. Es sollte ein Idyll in „Alleinruhelage“ sein. Aber sowohl in der Realität als auch im Roman stellt sich dies als Trugschluss heraus.

Am Anfang wird das Haus verkauft, der Rest erschließt sich retrospektiv als eine Art Zwischenbilanz einer Frau in den sogenannten besten Jahren. Ein Haus mit Seezugang und unendlich langen Spaziergangrouten. „Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh“, heißt es im Roman.

Eva Menasse beschreibt eine Patchwork-Ehe mit Kindererziehung abseits von Berlin. Irgendwann geht es nur noch darum, das lang geliebte Wochenenddomizil – „die bleiche Leiche unserer großen Liebe“ – wieder loszuwerden. Das turbulente Ende des Wochenendhauses – diese aufregende 20-jährige „Immobiliengeschichte“ – steht auch für gescheiterte Lebensentwürfe: Beziehungen sind zerbrochen, die Kinder sind längst erwachsen, der anliegende kleine See ist verschlammt und hat auch seine besten Zeiten hinter sich.

Eva Menasse hat ein lebenskluges Erinnerungs- und Reflexionsbuch vorgelegt – voller eigener Erinnerungen und Verweise auf die DDR-Vergangenheit. Diese assoziative Erzählung impliziert reichlich Konfliktpotenzial zwischen Ost und West. Das Wochedendhaus mit all seinen schönen und bitteren Erinnerungen fungiert auch als Metapher für die emotionalen Achterbahnfahrten eines ganz normalen Menschenlebens.

Eva Menasse changiert zwischen Wehmut und Wut, diese Unentschiedenheit in der Gefühlswelt zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman. Das geschieht manchmal ausschweifend mit großen assoziativen Volten in den Rückblenden. Über die Verfehlungen bei der deutschen Wiedervereinigung sinniert sie genauso wie über Garten- und Reparatur-Arbeiten und über pubertierende Kinder. Da gibt es das herzzerreißend komisch (aber liebevoll) gezeichnete kettenrauchende Alleskönner-Handwerkerpaar Alla („Baufrau aus Moldawien“) und Bolek, die zupacken gelernt haben und immer positiv geblieben sind. „Geht nicht, gibt’s nicht“ ist ihr Lebensmotto.

Es gibt aber auch mysteriöse Beobachtungen in der Datschensiedlung. Da existiert ein stacheldrahtumzäunter Bungalow im Wald, der auf einem Grundstück liegt, das als militärischer Sicherheitsbereich markiert und von Wachhunden beschützt ist.
„Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich mehr nie wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht“, heißt es im Buch.

Alleinruhelage präsentiert uns eine kritische Lebens-Zwischenbilanz einer Frau in den so genannten besten Jahren mit vielen ungewollten Abzweigungen in der Vita, die das Leben aber erst wirklich aufregend machen. All dies ist manchmal bitterernst und manchmal wundervoll leicht und humorvoll erzählt. So wie es in unser aller Leben zugeht – zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.

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Eva Menasse: Alleinruhelage. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026.
213 Seiten , 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783462002621

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