Gesellschaft und Geselligkeit

Lena Müller legt mit „Club der Verschwenderinnen“ eine unaufgeregte Gegenwartsbetrachtung vor

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Immer schon sind Motti so etwas wie Leitmotive für die Texte, vor denen sie platziert sind. Natürlich auch hier wieder. Wie das Zitat aus Ursula K. Le Guins Die linke Hand der Dunkelheit (1969):

Zu lernen, welche Fragen unbeantwortbar sind, und sie nicht zu beantworten: Diese Fähigkeit braucht man in Zeiten von Druck und Dunkelheit am nötigsten.

Ja, es handelt sich um solche „Zeiten von Druck und Dunkelheit“, nämlich um das Hier und Jetzt, das im Mittelpunkt des zweiten Romans von Lena Müller (*1982) steht. Protagonistin dieses schmalen Romans ist die als Übersetzerin arbeitende Eli, die irgendwo in Berlin mit ihrem Söhnchen Esra wohnt und am Ende des ersten von drei in etwa gleich langen Teilen freundlich, aber mehr oder weniger deutlich die Kündigung durch ihren Hausverlag erhält. KI sei Dank! Unten auf der Straße in ihrem Kiez unterhält die über 60-jährige Gunda eine Kneipe, in die es Eli immer wieder zieht und wo sie einige von Gundas gleichaltrigen Freundinnen kennenlernt. Gunda stammt aus der DDR, war ihr Leben lang unangepasst, aufmüpfig, gleichwohl immer sozialistisch gesinnt („Ich bin bis zum Schluss in der Partei geblieben“, sagt sie einmal, against all odds) und wehrt sich auch heute noch gegen alle Formen der Ungerechtigkeit und vor allem gegen rechte Gesinnungen, die im dritten Teil des Textes kurz in einer Episode geschildert werden. Gunda hat nämlich Eli und Esra zu einem Landaufenthalt bei ihrer Freundin Claude, einer, wie es zum Schluss der Erzählung einmal heißt, in Maßen erfolgreichen Künstlerin, eingeladen, die Gunda seit der Zeit unmittelbar nach der Wende kennt und sich mit ihr und anderen Freundinnen engagiert. Bei einem Dorfeinkauf stoßen Gunda und Eli auf drei pöbelnde Naziburschen, woraufhin Gunda Flagge zeigt, aber von den Burschen heftig attackiert wird. Die beiden Frauen fliehen zurück – danach ständig von der Furcht und Angst vor weiteren Übergriffen umgetrieben. Claude ergreift dann die Initiative und mobilisiert Bürger im Dorf:

„Es waren einige Leute da“, sagt Claude, „die die Angriffe nicht dulden werden. Es war ein Anfang, würde ich sagen.“

Ob tatsächlich Ruhe einkehren wird im beschaulich-behaglichen Dorfleben, erfahren wir nicht, nur von einem Waldspaziergang der Frauen (mit Pilzfunden) ist am Ende die Rede. Ein Ausweg? Eine Idylle? – Nein, denn auch die Wälder – hier stellvertretend für die ganze Natur – sind, wie die Erzählerin einmal andeutet, bedroht und massiv gefährdet, ebenso wie die demokratische Gesellschaft. Hier und heute, aber beileibe nicht nur hierzulande.

Das Beeindruckende an Lena Müllers Roman ist der Blick fürs vermeintlich Unauffällige, fürs Unspektakuläre, wiewohl sich darin oft genug die Maläse unserer Gegenwart zeigt – einer Gegenwart, die nicht zuletzt davon geprägt ist, dass Vereinzelung und damit einhergehende Einsamkeit das Subjekt bestimmen. Doch dass zugleich auch wieder der Wunsch nach Gemeinschaft (zu Recht!) die Menschen umtreibt – sei’s auf perfide und pervers rassistische Weise oder sei’s, wie im Falle Gundas und ihrer Freundinnen, auf solidarische und humanistische Art. Nach dem Angriff auf Gunda sitzen die drei Frauen am Tisch vor der Laube, und Claude sinniert: Was sie daran befremde, sei „das Gesellige daran: Die Gemeinschaft des Angriffs. Dieses Wir von hier, dieses Wir am Tresen, das den Angriff schon in sich zu tragen scheint. Die Gemeinschaft, die sich zusammenfindet in der Gewalt.“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Lena Müller: Club der Verschwenderinnen. Roman.
Edition Nautilus, Hamburg 2026.
136 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783960545026

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