Nachruf auf Volker Hage (1949 – 2026)

Von Jörn MünknerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörn Münkner

Die Meldung, dass Volker Hage gestorben ist, ging schnell durch die Medien. Bei der Berichterstattung mit dabei war der Spiegel, für den Volker Hage von 1992 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2014 als Literaturkritiker und Kulturredakteur arbeitete. Davor war er sechs Jahre lang als Literaturredakteur bei der Zeit. Sein beruflicher Einstieg fand bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung statt, wohin ihn Marcel Reich-Ranicki 1975 geholt hatte. Volker Hage ist am 29. April 2026 in seiner Geburts- und Heimatstadt Hamburg gestorben, er ist 76 Jahre alt geworden. 

Dem literaturjournalistisch interessierten Publikum wird Volker Hage vor allem als Autorenbiograph bekannt sein: Sein Metier waren die Macher hinter den Büchern, er hat viele Autoren selbst getroffen oder mit ihnen per Telefon, Brief und Fax kommuniziert. Mit den Kenntnissen aus erster Hand sind mehrere Schriftstellerporträtbücher entstanden, so zu Max Frisch, Walter Kempowski, Philip Roth und John Updike. Daneben hat Hage zahlreiche Aufsätze verfasst, etwa zu den Schwergewichten der klassischen Moderne Marcel Proust, Thomas Mann, Franz Kafka und Samuel Beckett, ferner zu Wolfgang Koeppen, James Salter, Martin Walser, Imre Kertész, Dieter Forte und anderen mehr. Und Schriftstellerinnen? Ja, die gibt es auch. Christa Wolf und Joyce Carol Oates haben ebenfalls Auftritte in Hages biographischem Œuvre.  

Bei den ‚Hausbesuchen‘ ging es Hage darum, zu ergründen, wie die Befragten leben und ticken, welche persönlichen Hintergründe für das jeweilige literarische Schaffen also mitzudenken sind. Aber an Schriftstellern und Schriftstellerinnen interessieren auch die privaten Meinungen und Marotten. Denn kennt man die, lässt sich der Literaturbetrieb besser einordnen. Schließlich traut man berühmten Autoren und Autorinnen zu, näher als die Normalsterblichen am Puls der Zeit zu sein und den Zauber des Lebens trefflicher zu benennen. Volker Hages Schriftstellerporträts sind gut lesbare Charakterstudien und Menschenbilder mit poetischem Anspruch und großer Spannkraft. Die Kombinationen aus Bericht, Beschreibung und Erzählung sind weder betulich noch boulevardesk und die Texte warten immer mit einem Zugang auf, der einen Wesenskern der befragten Person freilegt. Dieter Forte hat den Schriftstellerbefrager Hage für dessen behutsame Genauigkeit und Empfindsamkeit gewürdigt, mit der er einen Autor und sein Thema beschreibt und wie er die Literatur der Öffentlichkeit vorstellt. (Dieter Forte in Volker Hage: Schriftstellerporträts, Göttingen: Wallstein Verlag 2019) Kollegen haben das Urteil geteilt und bestätigt. Stets habe sich Hage seinen Interviewpartnern respektvoll genähert. Sein Ton und seine Wesensart seien beinahe sanft, seine Befragetechnik nie indiskret gewesen. 

Hage hat noch mehr geleistet. Ende der 1990er Jahre war er es, der im Zuge der Wiederentdeckung von Gert Ledigs Roman Vergeltung (Erstveröffentlichung 1956) als erster im Feuilleton auf den Titel und den Autor aufmerksam machte. Überzeugend interpretierte er im Spiegel den narrativen Aufbau und den ästhetischen Anspruch des Werks, Autor und Buch erfüllten eine „schonungslose Chronistenpflicht“. Hage ist es damit mitzuverdanken, dass Ledigs literarischer Bewältigung des Luftkriegs über Deutschland nach 1945 die späte Anerkennung zuteilwurde.

Menschenfreundlichkeit und die Ernsthaftigkeit für Literatur haben Volker Hage das Zutrauen seiner Befragten gesichert. Hinzu kam, dass er das Geschäft des Romanciers aus eigener Erfahrung kannte. Womit noch eine Leistung von ihm in den Blick rückt, nämlich die eigene Schriftstellerei. Sein womöglich letzter literarischer Titel ist Eine Nacht in New York. Aus den letzten Tagen des analogen Zeitalters. In fünf Kurzgeschichten tritt darin ein Mann auf, der nicht derselbe ist, aber der gleiche zu sein scheint. Sein Name und sein Alter ändern sich im Verlauf der Geschichten, aber eine durchgängige Thematik sowie die Erzählhaltung suggerieren eine kohärente Identität. Der Mann denkt über sein Leben, die Liebe und seine Beziehungen zu Frauen nach; und darüber, wie sich diese Themen in glaubhafte Geschichten verwandeln lassen. Zudem agiert der Mann in Umgebungen, in denen Bücher und das Schreiben von Texten eine große Rolle spielen – das Geschichtenschreiben und die Liebe als dominantes Anliegen.

Eine Nacht in New York ist einerseits die vorliegende Sammlung der fünf Kurzgeschichten, die auf Leser warten. Sie erzählen von Lebensansprüchen, Partnerschaft und Liebesmüh, von bürgerlichem Wohlstand und dem Altwerden. Es geht indirekt und direkt um die allmähliche Verabschiedung aus der vita activa. Anderseits thematisieren sich die Texte selbst, kontinuierlich wird reflektiert, dass jemand die Geschichten erlebt oder erfunden hat, dass sie gemacht und konstruiert sind. Der nachlassenden vita activa wird eine vita contemplativa entgegengestellt, die die Suche nach gültigen Erzählstoffen, die Arbeit des Erzählens und das Schreiben von Texten meint. Diese Überzeugung ist eng mit dem Charakter und beruflichen Tun des Protagonisten verknüpft. Gleichzeitig wirkt sie wie das Bemühen, für die Vergänglichkeit des tätigen Lebens eine sinnvolle Alternative zu formulieren. Eine Nacht in New York als Bestandsaufnahme weißer männlicher bürgerlicher Befindlichkeit überzeugt deshalb als Thesenbuch mit einem empirisch vorstellbaren Protagonisten, der zwischen Wirklichkeit und Fiktion oszilliert. Die mit Lebenswirklichkeit angefüllten Geschichten bekommen eine exemplarische Qualität, während der Protagonist – lustbetont und liebesbemüht, krisenerfahren und sanft, elegisch aber unpathetisch und versessen auf Geschichten und Bücher – den boulevardesk Neugierigen mutmaßen lässt, wie viel wohl vom realen Literaturprofi und Menschen Volker Hage in ihm steckt. 

Martin Doerry hat seinen Nachruf auf Volker Hage im Spiegel mit „Held seiner eigenen Bücherwelt“ überschrieben.  Recht hat er, wenn man Eine Nacht in New York als Hages Alters- und Abschiedsbuch liest, in dem er sich selbst spiegelt und summarische Lebensschau hält. Hages Protagonist vollzieht nach, wie er selbst und die Menschen und Dinge um ihn herum wurden, wie und wer sie sind – eine feinelegische, leise und unaufdringliche Selbstvergewisserung vor dem eigenen Entschwinden.