Weltekel und Hedonismus
Thorsten Nagelschmidt erzählt von einer Flucht vor Weihnachten
Von Werner Jung
Der neue Text des aus Rheine stammenden Musikers und Schriftstellers Thorsten Nagelschmidt, sein insgesamt siebtes Buch, trägt den Untertitel „Roman“ und ist so etwas wie ein Bekenntnisbuch, eine Art Konfession des – nach Selbstauskünften – Weihnachtshassers Nagelschmidt, also ein autofiktionaler Text, der eine „Flucht vor Weihnachten“ und zugleich eine „Flucht vor der Depression“ erzählt.
Nagelschmidt hat sich nämlich dazu entschlossen, die Zeit vom 14.12. bis zum 26.12.2024 auf Gran Canaria, in einem Hotel in Maspalomas zu verbringen – um einerseits dem ‚deutschen Weihnachten‘ zu entgehen, das durchaus lustvoll seine Freundin Helena mit und bei ihrer Familie verbringt, wie aus Anrufen Nagelschmidts bei der zu Hause Gebliebenen zu erfahren ist, und andererseits einer Aufgabe nachzugehen, der sich der Autor verschrieben hat: sich alle 86 Folgen der US-amerikanischen Serie über eine Mafia-Familie, „The Sopranos“, reinzuziehen. Aus Frust oder aus Lust? Jedenfalls, um sich ebenso die Zeit zu vertreiben wie – möglicherweise – in der Auseinandersetzung mit dieser Fernseh-Geschichte die anhaltende eigene Schreibblockade aufzulösen.
Herausgekommen bei diesem Experiment – dieser, wenn man so will, Schreibversuchsanordnung – ist ein Text, der sich, zwischen Witz und Lakonie oszillierend, an der eigenen Biographie mit den Stationen Familie und Elternhaus, Schul- und (nicht vorhandenen) Studienerfahrungen, Gründung der Post-Punk-Formation „Muff Potter“ und Entwicklung zum freien Schriftsteller bis hin zum aktuellen Ferienaufenthalt auf Gran Canaria abarbeitet. Und ein Text, der in seiner launigen Erzählhaltung noch kundige Reflexionen samt zugehörigen Zitaten über das speziell deutsche Weihnachtsfest unterzubringen versteht, hübsche Beobachtungen und zugehörige Sottisen über Pauschaltouristen loswird und schließlich noch eine Art ‚Selberlebensbeschreibung‘ (Jean Paul) liefert über einen im Jahr 1976 in der westfälischen Provinz Geborenen, dessen Denk- resp. Gefühlsgemengelage, wie es wiederholt heißt, ebenso vom Weltekel wie vom Hedonismus geprägt ist: „Meine Freunde und ich suchten und zelebrierten die Intensität, die Höhen ebenso wie die Tiefen, dabei kultivierten wir einen feinen Weltekel, der Hedonismus und Lebensfreude nicht ausschloss.“
Zugleich spinnt Nagelschmidt noch vereinzelte poetologische Selbstreflexionen in seinen Roman hinein und schreibt über periodische Ängste, mit dem Verlust seiner Produktivität auch die materiellen Grundlagen seiner Existenz einzubüßen: „Niemand gibt mir eine Garantie auf künftige Einnahmen, ich bin immer nur so gut wie meine letzte Idee, und die Aussicht, eines Tages aufzuwachen und vor den Trümmern meines bisherigen Lebens zu stehen, ist alles andere als abwegig.“ Als Leser gewinnt man zum Schluss den Eindruck, dass sich der Autor aus dem Loch der Depression, in dem er sich befunden haben muss, mit seinem neuen Text wieder herausgewunden und wieder dazu gefunden hat, was ihm als Ziel- und Fluchtpunkt des Schreibens vorschwebt:
Schreiben, das ist ein permanentes Treffen von Entscheidungen. Immer gibt es tausend Wege und Möglichkeiten, eine Geschichte anzugehen. Man wägt ab, probiert dieses oder jenes und bahnt sich seinen Weg durch das Dickicht, jedenfalls ist das meine Herangehensweise. Ein großes Trial-and-Error auf unbekanntem Terrain, für das man starke Nerven braucht und einen langen Atem. Wenn es gut läuft, kommt man früher oder später in diesen Flow, in dem das eigene Tun nicht mehr grundsätzlich angezweifelt wird und wahre Magie entstehen kann.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
|
||















