Mensch – Natur – Einklang?

Solvejg Nitzke wendet das Begriffspaar „Widerständigkeit“ und „Eigenzeit“ auf Christoph Ransmayrs Schreiben an

Von Markus Oliver SpitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Oliver Spitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Solvejg Nitzke nähert sich mit Widerständige Naturen Christoph Ransmayr von einem originellen Standpunkt aus, indem sie im Rückgriff auf Johann Wolfgang Goethe und Henry David Thoreau im weitesten Sinn den Topos der „Durchdringung der Natur durch den Menschen“ behandelt. Nitzke versteht ihren Text zwar explizit nicht als systematische Untersuchung, sondern als literarisch-philosophischen „Versuch“, dieser ist – so viel sei vorweggenommen – jedoch in weiten Teilen gelungen. Die Verfasserin gelangt zu stimmigen Einsichten im Hinblick auf die Entwicklung eines „Gegenentwurfs zur beschleunigten Moderne“, wie er sich wiederholt auch bei Ransmayr findet.

Mit dessen Œuvre weist Goethes Wandrers Nachtlied. Ein gleiches zwar auf den ersten Blick, wie Nitzke selbst konzediert, wenige Schnittstellen auf. Auf den zweiten hingegen lässt sich konstatieren, dass die Thematik des „Ausstiegs aus dem Fluss der Moderne“, die in der Abkoppelung von „Produktivität und Nützlichkeit“ resultiert, durchaus in Bezug zu Ransmayr gesetzt werden kann. Das ganzheitliche Naturverständnis ist seit Goethes Epoche zwar zunehmend verloren gegangen, aber die „Idee“ bleibt und ermöglicht die Schaffung von Räumen für „Widerständigkeit“ gegen die „moderne Zeitdisziplin“.

Thoreaus Walden; or, Life in the Woods wird primär dazu herangezogen, dem Warten des lyrischen Du bei Goethe die Erwartung gegenüberzustellen, die Thoreau im Hinblick auf das Leben in ursprünglicher, unkultivierter Natur hegt, nämlich dass dieses ihm in versorgerischer Hinsicht Autarkie und in sozialer Hinsicht Eigenständigkeit verschaffe oder, in Nitzkes Worten, dass in einer derartigen „Verbindung von Mensch und Natur […] der Mensch mit sich selbst wieder eins sein“ könne. Anfechtbar bleibt in diesem Zusammenhang zwar nicht die Etablierung eines distinktiven Unterschieds zwischen dem Zivilisations- und Kulturmenschen einerseits und dem „Naturwesen“ andererseits, wohl aber die daraus gezogene Schlussfolgerung, das lasse als Akteur allein „den weißen, heterosexuellen Mann übrig“, denn hier verengt Nitzke unnötigerweise den Begriff des „aufgeklärten, selbstermächtigten Subjekts“.

Naturgemäß stellen sich bei der Betrachtung dieser beiden kanonischen Texte keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse ein, sie fungieren aber als Ausgangspunkt wie auch Überleitung zu den folgenden Ausführungen zur „Eigenzeit“. Diesen Terminus entlehnt Nitzke von Helga Nowotny und fasst ihn als dem „Alltag abgerungenen Zeitbesitz“ auf, um ihn sodann allerdings zu „ästhetischer Eigenzeit“ mit Widerständigkeits-Potenzial auszubauen, das Gedicht und Erzählung innewohne.

Zahlreiche Figuren Ransmayrs sind in der Tat als Wanderer auf der Suche nach „Einklang mit sich selbst“ klassifizierbar, die als individuelle Option jedoch entweder gar nicht erst gegeben ist oder trotz aller unternommenen Anstrengungen scheitert, da diese „und mit ihnen die modernen Menschen ihre Fähigkeit, im Moment und in bzw. mit der Natur zu ‚ruhen‘, […] bereits unwiederbringlich verloren haben“. Bekanntlich dient bereits der Proband einzig und allein dazu, die Zukunft ohne Menschen experimentell vorwegzunehmen, Josef Mazzini verschwindet im ewigen Eis, Cotta bleibt letztlich nur das Echo eines Namens und Ambras, der sich bei der Betrachtung seiner Edelsteine gleichsam aus der Zeit nimmt, stürzt gemeinsam mit Bering in Brasilien, der vermeintlichen Alternative zum Heimatort Moor, in den Tod. Einzig Lily darf ihre Reise fortsetzen. Diese Anmerkungen sollen andeuten, dass Nitzke in vorliegendem Rahmen das Potenzial ihres Ansatzes beileibe noch nicht vollständig ausgeschöpft hat. Bei der bereits angedachten, systematisierenden Ausarbeitung des Themas sollten daher Strahlender Untergang, Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Die letzte Welt und Morbus Kitahara sowie nicht zuletzt auf die Reportagen, in denen deren zentrale Motive oftmals bereits angelegt sind, berücksichtigt werden. Darüber hinaus wäre es denkbar, die Frage nach der Authentizität der Naturerfahrung im Hinblick auf die Möglichkeit von Erfahrung(sgewinn) generell zu erweitern, um letztlich zu einer offenen „Poetik der Eigenzeiten“ zu gelangen.

Die Protagonisten im Fliegenden Berg, Pad und Liam, streben an, den letzten auf der Weltkarte noch verbleibenden „weißen Flecken“ zu finden. Liams Tod, aber auch das Vergehen der Schmetterlinge deutet Nitzke als gegen die „anthropozentrische Selbst-Positionierung“ gerichtet. Mensch und Tier vergehen, der Berg bleibt, so wie die Idee seiner Bezwingung ein Phantasma bleibt. Für Atlas eines ängstlichen Mannes gilt das Gleiche: Die Natur als Ganzes, so merkt die Autorin zurecht an, bleibt durch den Menschen letztlich „unberührbar“, gegenüber ihrer Resilienz – verbildlicht in der überfahrenen, aber dennoch weiterkriechenden Anakonda – wirkt der Mensch nichtig und klein. Eine Welt ohne Menschen ist einzig aus menschlicher Sicht eine Katastrophe, die Natur selbst bliebe vom Verschwinden des „aufgerichteten, wässrigen Wesens“ (Strahlender Untergang) unbeeindruckt.

Das ist kein Befund, der dem modernen Menschen mit seinem oftmals offensiv vertretenen Allmachtsanspruch gefallen dürfte. Exemplarisch für eine derartige Figur steht in Cox oder Der Lauf der Zeit Kaiser Qiánlóng, denn dieser leistet zwar ebenfalls Widerstand gegen die oben angesprochene Zeitdisziplin, verwendet die Uhr gleichzeitig jedoch als Machtsymbol, mit dessen Hilfe er seine Untertanen diszipliniert und letztlich sogar anstrebt, seinen Entwurf der Eigenzeit als universell gültig zu verabsolutieren. Wenn besagte Widerständigkeit allerdings nicht in Hybris mündet und auch keine bloße Attitüde bleibt, dann winkt unter Umständen die „Freiheit, eben nicht immer schon zu wissen, welcher Natur man begegnen wird“.

Kein Bild

Solvejg Nitzke: Widerständige Naturen. Christoph Ransmayrs Poetik der Eigenzeiten.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2018.
98 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256645

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch