Eine ungewünschte Prophezeiung

Amélie Nothomb geht in „Töte mich“ der tragikomischen Seite des Schicksals nach

Von Nathalie Zoe ScheilRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nathalie Zoe Scheil

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Graf Neville ahnt nichts Böses, als eines kühlen Septembermorgens sein Telefon klingelt. Doch unglücklicherweise ist es die Wahrsagerin des Dorfes, die anruft, weil sie seine Tochter unterkühlt im Wald gefunden hat. Der belgische Graf, angemessen erschüttert, holt die 17-jährige Tochter mit dem eigenwilligen Namen Sérieuse („die Ernsthafte“) ab und will nur schnell zurück nach Hause. Dies gelingt ihm aber nicht, ohne dass die Wahrsagerin ihm vorher nicht noch unaufgefordert eine Prophezeiung zwischen die Füße werfen würde: Bei seiner nächsten Feierlichkeit, der legendären Garden Party auf Familienschloss Le Pluvier, werde er einen seiner Gäste töten.

Während Graf Neville nach anfänglichem Unglauben rasch dazu übergeht, eine Liste möglicher Opfer zu erstellen – denn, wenn er schon jemanden töten muss, könne es zumindest derjenige seiner Gäste sein, den er am wenigsten leiden kann –, plant Tochter Sérieuse, ihn aus seinem Dilemma zu erlösen. Die Jugendliche, die seit einem Trauma Jahre zuvor keinerlei Empfindungen mehr verspürt, weiß das ideale Opfer, an dem der Graf sein Schicksal erfüllen könnte. Eines Abends kommt sie in sein Büro, um ihm etwas zu unterbreiten, was Bitte und Befehl gleichermaßen ist: „Töte mich!“

Amélie Nothomb kennt aus biographischen Gründen das Milieu sehr gut, von welchem der Roman erzählt. Als Tochter eines Diplomaten und Spross einer Familie, welche selbst Teil des belgischen Adels ist, porträtiert sie laut eigener Aussage im Grafen Neville vornehmlich ihren eigenen Vater. Darüber hinaus ist sie selbst von der Existenz des Schicksals überzeugt und sieht es als Berufskrankheit von Autoren an, sich über selbiges zu stellen. Seit 2015 Mitglied der Académie royale de langue et de littérature françaises de Belgique, gilt sie als eine der meistgelesenen und produktivsten AutorInnen französischer Sprache der Gegenwart, mit mindestens einer Veröffentlichung im Jahr. Töte mich ist dabei bereits ihr 24. Roman und teilt mit manchen Vorgängern eine rasante Dialogführung und konsequenten Spannungsaufbau.

Dabei ist dieser konzise Roman, der eigentlich schon eher eine Novelle ist, gar nicht so brutal, wie der Titel glauben macht. Tatsächlich rührt der Eindruck hauptsächlich von der deutschen Übersetzung her, da der Originaltitel Le crime du comte Neville („Das Verbrechen des Grafen Neville“) einen deutlichen Bezug setzt zu einer Novelle Oscar Wildes namens Lord Arthur Savile’s Crime. Diesen Querverweis muss der Leser auch nicht erst selbst entdecken, denn Graf Neville weist höchstpersönlich darauf hin. Im Laufe der Geschichte liest er die Novelle sogar, ohne jedoch dem Leser zu verraten, wie diese ausgeht, so wie auch an dieser Stelle nicht gesagt sein soll, welches Ende es mit dem Grafen und seiner todessehnsüchtigen Tochter nehmen mag.

Der Originaltitel stellt aber nur die Spitze eines Eisbergs an literarischen Anspielungen und Bezügen auf den humanistischen Wissenskanon dar. So ist Graf Neville Vater dreier Kinder, deren ältere beide Oreste und Électre heißen. Dass die Jüngste nicht folgerichtig Iphigénie, sondern Sérieuse heißt, liegt an Graf Nevilles Haltung, nach der er Elternmord wohl tolerieren kann, Kindsmord allerdings nicht. Von Bibelzitaten über griechische Tragödien zu Arthur Rimbaud wird eine gewaltige Bandbreite an Referenztexten einbezogen, die die Geschichte nährt und den Leser so manches mal zu Recherchen antreibt, von was nun wieder die Rede ist. 

Eigen ist dem Roman auch ein Tonfall der Selbstverständlichkeit, mit der Graf Neville die skurrilsten Überlegungen anstellt, so etwa über den gesellschaftlichen Fauxpas, einen Gast planvoll zu ermorden – wohingegen ein Mord im Affekt durchaus tolerierbar sei und in den besten Familien vorkomme. Dabei gelingt es Nothomb, derartige Reflexionen mit einer solchen Nonchalance zu präsentieren, dass die Zwickmühlen Nevilles weniger tragisch denn zum Schmunzeln sind. Etwa wenn der Graf, der keinerlei moralisches Problem mit dem Mord an sich hat, sich entsetzt vor der Vorstellung des damit einhergehenden Verstoßes gegen die Etikette, welche ihm über alles andere heilig ist. Kindsmord dagegen scheint abartig, aber immerhin kein Verstoß gegen die gute Sitte. Lieber abartig als unhöflich.

Ebenso kapriziös wie Nevilles Bewusstseinsströme nimmt die Handlung ihren hurtigen Gang über knapp 100 Seiten bis zum pompösen Finale, dessen abruptes Ende den Leser verblüfft und mit so manchem Fragezeichen zurücklässt, aber auch dem positiven Gefühl, soeben einen Einblick in den Adel eines gar nicht so fernen Landes gewonnen zu haben – und der Erleichterung, sich im eigenen Leben nicht mit derart ungelegenen Weissagungen befassen zu müssen.

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2020 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2020 erscheinen.

Titelbild

Amelie Nothomb: Töte mich. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große.
Diogenes Verlag, Zürich 2017.
111 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783257069891

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