Literatur und Leben
Mit „Nullsumme“ legt Joyce Carol Oates zwölf Stories zwischen Gegenwartsdiagnose und Dystopie vor
Von Werner Jung
Diese zwölf neuen „Stories“ von Joyce Carol Oates, Texte zwischen sieben und 68 Seiten Länge, sind ganz gegenwärtig, d. h. beschäftigen sich mit der US-amerikanischen Gesellschaft dieser Tage wie auch – in den dystopisch angelegten Erzählungen – mit dem Zustand der Menschheit insgesamt. Dabei spannt die Erzählerin Oates einen Bogen, der von universitären Karrieregeschichten und dem krachenden Scheitern „in academicis“ über Probleme von Mutterschaft und ihren Kehrseiten, Überforderungen einerseits, Ängsten andererseits, schließlich über sexuelle Übergriffe und deren Verschweigen durch Polizei und Behörden bis zu in die Zukunft ausgreifenden Dystopien mit – am Ende in der letzten Erzählung – der pointierten Verabschiedung der menschlichen Existenz schlechthin, einem Verschwinden hinter den sogenannten KI-Bürgern, reicht:
Die natürliche Fortpflanzung von Homo sapiens endete 2072 mit der Großen Katastrophe, als hirnzersetzende Amöben, für deren Gedeih die hohen Temperaturen der Erderwärmung förderlich waren, ihre DNA so zu modifizieren vermochten, dass sie Antibiotika trotzten, mit verheerenden Folgen für die Spezies; der starke Rückgang der Geburtenrate konnte trotz heroischer Anstrengungen zu ihrer Umkehrung nie wieder ausgeglichen werden.
In der längsten Story des Bandes, die einem Kurzroman gleichkommt, erzählt Oates die Geschichte eines Schriftstellers, Lehrers und Selbstmordkandidaten, der lebenslang mit sich hadert – soll er sich, und wie dann genau, umbringen? –, vor dem Hintergrund der tragischen Erkenntnis, dass das größte Problem des Lebens darin besteht, dass man – Schopenhauer lässt grüßen – leben muss. Endlich dann doch der (freilich gescheiterte) Versuch der Selbsttötung und die späte und letzte Einsicht, dem Leben „nie gewachsen“ zu sein:
Dem echten Leben. Der Welt, nicht Worten. Der Welt – Nicht einer Geschichte. Nicht einer Seite in einem Buch. Nicht einer von ihm erzählten Geschichte Leben. In dem er ist. In, nicht außerhalb, nicht darüber. Nicht höher. In dem er atmet. – Das ist es. Das ist es. – Das ist es?
Oates‘ Stories, die – sucht man deutsche Bezeichnungen dafür – zwischen Erzählung und der stärker auf Plot und Pointe hin gebauten Kurzgeschichte oszillieren, sind zugleich immer auch Statements, Einmischungen und Erkundungen auf aktuellen politischen wie sozialen Feldern, allerdings ohne dass sich die Autorin, was die Bedeutung ihrer Texte umso mehr verstärkt, zu kruden Erklärungen und Interpretationen hinreißen lässt.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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