Einer, der mit Dichtung den Menschen bessern wollte

Mit seinem Buch „Die schlaffen Völker mit Göttersprüchen entzünden“ versucht uns Kurt Oesterle den großen Hölderlin wieder nahezubringen

Von Günter RinkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Rinke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Absicht, die Kurt Oesterle mit seinem kleinen Buch über Friedrich Hölderlin verfolgt, erschließt sich aus seiner harschen Kritik an der germanistischen Fachwissenschaft. Sie habe längst „aufgehört, über den akademischen Bannkreis hinaus zu wirken“. Es fehle der aktuellen Hölderlin-Forschung an Offenheit und Dialogbereitschaft. Und einer Allgemeinverständlichkeit, wie Oesterle sie beispielsweise Werner Kirchner attestiert, der interessanterweise in seinem Hauptberuf Gymnasiallehrer war. Von der staubtrockenen Forschung distanziert sich Oesterle, der sich nicht scheut, die Ich-Form zu verwenden und seine Begeisterung für Hölderlins Dichtungen persönlich auszudrücken, um uns möglichst damit anzustecken. 

Sein Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten, weitaus umfangreichsten, aus 33 überwiegend kurzen Kapiteln bestehenden Abschnitt erhalten wir Informationen über Hölderlins Persönlichkeit, seine gesellschaftliche Stellung und die an ihn gestellten Ansprüche, denen er nicht gerecht werden konnte und wollte. Des Weiteren enthält der erste Teil eine Art Werkbiographie, die den Wandel in Hölderlins Weltbild darstellt, gespiegelt in Gedichten, dem Roman Hyperion sowie dem Dramenfragment Der Tod des Empedokles. Es folgen Anmerkungen zur „Weltrezeption“ Hölderlins sowie Zeugnisse produktiver Aneignung, etwa von Günter Eich, Peter Weiss, Paul Celan und Gottfried Benn. Eines der längeren Kapitel in diesem Teil beschäftigt sich mit Hölderlins zweiter Lebenshälfte, den 36 Jahren, die er bei der Familie Zimmer im Tübinger Turm verbrachte. War der Dichter geistig umnachtet, oder hatte er sich in eine Art inneres Asyl begeben? Oesterle enthält sich weitgehend eigener Spekulationen zu dieser Frage, zitiert aber interessante Stimmen dazu wie diejenige von Walter Muschg, der Kontinuitäten zwischen dem frühen und dem späten Hölderlin aufspürt. 

Der zweite Teil, auf dunklem Papier vom Übrigen abgesetzt, umfasst eine Auswahl von sechs Gedichten Hölderlins aus verschiedenen Schaffensphasen, von der Jugend bis ins Alter. Als ein Hauptthema, das den Dichter lebenslang beschäftigte, ist die Natur erkennbar. Unter anderem findet man hier das zu Recht berühmte späte Gedicht Hälfte des Lebens mit seiner unvergleichlichen Schlusswendung: „Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.“ Über diese lyrischen Kostproben hinaus enthält der Haupttext in Form von Zitaten und thematischen Verweisen viele Leseanregungen, die den Einstieg in Hölderlins Werk ermöglichen. 

Eine Überraschung hält der Autor im dritten, mit dem Namen „Waiblinger“ überschriebenen Teil bereit. Ausführlich beschäftigt er sich mit Hölderlins jugendlichem, leider sehr jung verstorbenem Freund Wilhelm Waiblinger, selbst ein Schreibender, der den Dichter eine Zeitlang regelmäßig in seinem Turm besuchen und auf Spaziergängen begleiten durfte. Waiblinger verfasste dann, als er selbst schon nach Rom ausgewandert war, in Erinnerung an die Tübinger Zeit seinen Essay Friedrich Hölderlins Leben, Dichtung und Wahnsinn (1828/29), der als Auftakt der Hölderlin-Biographik gilt. Oesterle beweist überzeugend den Wert dieser Quelle, der wegen darin enthaltener Spekulationen und Erinnerungsfehler oft angezweifelt wurde. 

Obwohl Quellenkritik angebracht ist, bleibt es, da ist Oesterle zuzustimmen, ein sympathischer und bis heute lesenswerter Text, und zwar vor allem aus zwei Gründen: In gewissem Sinne war Waiblinger seinem Dichterfreund Hölderlin ein Geistes- und Mentalitätsverwandter. Er war ein Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft, unwillig, sich deren Normen anzupassen und die Laufbahn einzuschlagen, die für ihn vorgesehen war. Zum zweiten fand er intuitiv einen Weg, mit Hölderlin umzugehen und sein Vertrauen zu gewinnen, sodass dieser sich zeitweise öffnete. Es war eine Art der Begegnung, „die auf Güte, entspannten Umgang und gemeinsame kulturelle Aktivitäten setzte und der antipsychiatrischen Bewegung der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in großer zeitlicher Ferne vorauslief“. Allerdings dauerte diese Phase, von der Hermann Hesse in seiner Erzählung Im Presselschen Gartenhaus (1913) einen lebendigen Eindruck vermittelt, nicht lang, da es Waiblinger in Deutschland nicht hielt. 

Oesterle sieht sehr wohl, dass Hölderlins Werk „komplex und kompliziert“ ist, und er versucht, es für heutige Leserinnen und Leser zugänglich zu machen, indem er es mit Blick auf wesentliche Themen und Tendenzen und in seiner zeitlichen Entwicklung erschließt. Nach seiner Darstellung sind die wichtigsten Themen und miteinander verbundenen Leitbegriffe: Freiheit, Natur und Wanderung. Wenn Hölderlin die individuelle Freiheit gegenüber normiertem Verhalten hochschätzt, wenn er „die Trennung des Menschen von seiner natürlichen Umgebung rückgängig machen will“, ist er durchaus aktuell. Das Wandern allerdings ist wohl nicht mit heutiger Reiselust zu vergleichen. Es sei vielmehr als eine „Spielart utopischen Wünschens“ aufzufassen, nicht als reales Schweifen ins Weite, da ja der Dichter in seinem wirklichen Leben nicht sehr weit herumgekommen ist. Fast mutet es wie eine Ironie des Schicksals an, dass seine größte Wanderung, die nach Bordeaux, seinem Zusammenbruch vorausging. 

Mit seinem Freund Hegel teilte Hölderlin viele Ideen, allerdings wich bei ihm der Glaube an eine „Globalisierung der Vernunft“ und an den Fortschritt in der Menschheitsgeschichte bald der Skepsis. Es bleibt der Eindruck, dass sich der Dichter mit seinen entgrenzenden Ideen in einem idealischen Raum bewegte, da er von der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit immer wieder enttäuscht wurde. Und dass es ihm zunehmend schwerfiel, diese Spannung auszuhalten, was durchaus möglich gewesen wäre, wenn er akzeptiert hätte, was er hellsichtig formulierte: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Dem entgegen steht der resignative Ausruf: „[U]nd wozu Dichter in dürftiger Zeit.“ Darin verbirgt sich die Frage nach den Möglichkeiten der Literatur, die Welt zu verbessern, die immer wieder gestellt und oft negativ beantwortet worden ist. 

Die Räume, auf die Hölderlin seine Hoffnungen richtete, waren nach Oesterle in zeitlicher Abfolge erst ein mythisiertes Griechenland, das für Unschuld, Freundschaft, Nähe zum Göttlichen steht, dann Frankreich, dessen Revolution aber bald zur Enttäuschung wurde, weil sie in Gewaltexzesse ausartete, und schließlich das im Hyperion noch gescholtene Deutschland. Dabei ist es fraglich, ob von einer „vaterländischen Umkehr“ Hölderlins gesprochen werden kann, auch wenn er „vaterländische Gesänge“ dichtete. Vielmehr steht ‚Deutschland‘ als Chiffre für ein philosophisch begründetes Programm zur „Erziehung des Menschengeschlechts“ (Lessing), wie es seit der Aufklärung auch von anderen Denkern (Schiller, Kant, Pestalozzi) vertreten wurde. Hölderlins Bild von Deutschland bleibe verschwommen, so Oesterle. Hinsichtlich der Mission, die er seinem Vaterland zuschreibe, wirke er unentschlossen. Hinzuzufügen ist, dass sich die Motive und Gestalten aus dem alten Griechenland auch in den späten Gedichten finden lassen, und sei es in Form eines Sehnsuchtsrufs nach den „entflohene[n] Götter[n].“ Die Vision, dass die götterferne Zeit enden, es zu einer „Wiederverheiligung des Lebens“ kommen und eine Wiederkehr des goldenen Zeitalters auf einer anderen, bestenfalls höheren Entwicklungsstufe möglich werde, blieb erhalten. 

Sympathisch wirkt, dass Oesterle sich nicht scheut, oft Fragezeichen zu setzen, dass er also nicht den Anspruch erhebt, unbezweifelbare Deutungen zu liefern. Wie steht es nun wirklich mit Hölderlins Verhältnis zum Christentum und, ganz konkret, zu Christus? Unbezweifelbar ist die Ablehnung einer in Orthodoxie und Dogmatismus erstarrten religiösen Praxis. Problematisch bleibt dagegen der Einfluss des Pietismus, den Oesterle vielleicht doch zu positiv bewertet, wenn er schreibt: „Hölderlin verdankt dieser oft verleumdeten radikal-religiösen Bewegung übrigens viel […]“ Später, als Hölderlin mit der Todesnachricht seiner großen Liebe und Muse Susette Gontard konfrontiert war, gibt es Anzeichen dafür, dass er den Weg zu Christus suchte, um seine Trauer zu bewältigen. Dafür sprach auch, dass der Antikenkult inzwischen ritualisiert, musealisiert und sogar zu Staatszwecken instrumentalisiert war, sodass Hölderlin, wie Oesterle meint, den antiken Göttern Christus beigesellte, um seine gefährdeten Ideale zu retten. Das Resümee des Autors hierzu lautet: 

Einst hat er die vitalen Griechengötter herbeigerufen, um einem vertrockneten Christentum neues Leben einzuhauchen – jetzt ruft er Christus zu Hilfe, um die antikisierende Gegenwartskultur nicht vollends zu Eis erstarren zu lassen. 

Sein Vorhaben, uns den schwierigen Hölderlin wieder näherzubringen, ist Oesterle gelungen, mit Einschränkungen auch die Absicht, Antworten des Dichters auf heutige Fragen darzulegen. Allerdings werden diejenigen Literaturbeflissenen, die sich nach der Lektüre dieses Einführungsbuchs erwartungsvoll den Gedichten Hölderlins oder dem Roman Hyperion zuwenden, vor mancher schwer zu überwindenden Hürde stehen. Vielleicht hätte sich Oesterle, der immerhin den „Pausen, Zäsuren, Unterbrechungen“ einige Bemerkungen widmet, noch intensiver mit der Sprache des Dichters beschäftigen müssen, die einerseits durch überraschende sprachliche Bilder und Wortneuschöpfungen bezaubert, andererseits durch einen Satzbau befremdet, der den Lesenden wegen gehäufter Abweichungen vom Gewohnten, verschärft durch zuweilen über Strophengrenzen hinweg gesetzte Zeilensprünge, einige Mühe abverlangt. Hinzu kommen die zahlreichen mythologischen Anspielungen, für die dann doch die vom Autor geschmähte Fachwissenschaft wieder zu ihrem Recht kommt – kann sie doch einen Anmerkungsapparat zur Verfügung stellen, der für all diejenigen, die sich in der griechischen Götterwelt nicht völlig sicher bewegen, sehr nützlich sein dürfte.

Titelbild

Kurt Oesterle: Die schlaffen Völker mit Göttersprüchen entzünden. Leben und Nachleben Friedrich Hölderlins sowie einige Antworten, die er auf heutige Fragen zu geben hat.
Gans Verlag, Berlin 2026.
180 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783946392712

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