Kulturvermittlung mit der Fotokamera

Isolde Ohlbaum veröffentlicht mit dem schönen, kleinen Fotoband „,Anderswo atmet man, hier lebt man‘“ ihre bebilderte Dankesrede zur Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

Von Thomas MerklingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Merklinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Früher habe ihre Mutter aus Illustrierten immer die Fotos genau jener Stadt ausgeschnitten, die Isolde Ohlbaum später selbst fotografisch festhalten wird: Paris. 1968 geht sie als Au-pair in die französische Hauptstadt und bleibt dem Nachbarland seither eng verbunden. Erstmals ist sie im Urlaub mit der fremden Sprache in Berührung gekommen und ihrem Klang verfallen, ohne noch ein Wort verstanden zu haben. Um das zu ändern, lernt Ohlbaum in Abendkursen Französisch und versenkt sich in die Kultur des anderen Landes. Dazu gehören neben Chansons natürlich auch Filme und Bücher. Und hier tut sich in Frankreich viel: Im Kino findet sich die Nouvelle Vague, die klassische Sichtgewohnheiten und Erzählstrukturen aufbricht und veränderte Lebenswelten zeigt. Auch literarisch offenbart sich das Neue, etwa im Nouveau Roman oder im Theater des Absurden. Ob Ohlbaum schon damals einige der Autorinnen und Autoren gelesen hat, die sie später fotografieren wird, bleibt offen. Aus jener Lektürezeit stellt sie mit L’Écume des jours von Boris Vian und Zazie dans le métro von Raymond Queneau zwei Werke heraus, die sich zu Kultbüchern entwickelt haben. Von ihren Autoren finden sich keine Porträtbilder Ohlbaums.

Auch aufgrund der muffigen Strukturen in der jungen BRD erschien Frankreich – und natürlich insbesondere Paris – als ein Ort der Liberalität, Intellektualität und Hochkultur. Daneben vollzieht sich auch eine politische Annäherung, die mit der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags 1963 einen Höhepunkt erfährt. Nach einer im Zweiten Weltkrieg kulminierenden Geschichte der „Erbfeindschaft“ ergibt sich nun ein neues Kapitel in den Beziehungen der beiden Länder. Bei diesem Projekt der Völkerverständigung spielt auch der Kunsthistoriker Wilhelm Hausenstein eine Rolle, der von Konrad Adenauer als erster Generalkonsul nach Paris geschickt wurde, um die Beziehung der beiden Staaten zu verbessern. An ihn erinnert die von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste seit 1986 verliehene Wilhelm-Hausenstein-Ehrung für Kulturvermittlung. Im Oktober 2022 ist diese Ehrung dann der im selben Jahr als Ehrenmitglied der Akademie aufgenommenen Fotografin Isolde Ohlbaum zuteil geworden.

Ihre Dankesrede ist zusammen mit Fotografien aus ihrer Zeit in Paris sowie Porträtaufnahmen französischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller in dem kleinen Bildband abgedruckt, der nicht bloß die persönliche Beziehung zu Frankreich anschaulich werden lässt, sondern auch einen Eindruck bietet, weshalb ihr die Ehrung zugesprochen wurde. Mit einem Paris-Zitat von Julian Green überschrieben, fängt das Fotobuch „Anderswo atmet man, hier lebt man.“ Über meine Pariser Zeit, Wilhelm Hausenstein, Joseph Breitbach und französische Literatur. Erinnerungen und Photos die Liebe zu dem Nachbarland in Bild und Text ein. Ob nun als Hommage oder Gewohnheit: Noch Ohlbaums durchgängige Schreibung ihres Handwerks mit ‚ph‘ weist eine Übereinstimmung mit der französischen Sprache auf. Die Idiosynkrasie wird konsequent beibehalten, so dass sich gar doppelte Schreibweisen im Innenteil und auf den Buchdeckeln ergeben, wenn ‚Photos‘ und ‚Photographien‘ den verlagsseitigen ‚Fotos‘ und der ‚Fotografin‘ entgegenstehen.

Den Anfang des Bandes bilden eine Reihe von Stadtimpressionen von Paris, die wohl der Au-pair-Zeit entstammen und ein pulsierendes Lebensgefühl der Metropole zeigen, wie es in unzähligen Kunstwerken unterschiedlicher Zeiten gefeiert worden ist. Es sind kleine Szenen vom Ufer der Seine oder aus dem Jardin des Tuileries, die eine entspannte Freizeitatmosphäre einfangen: ein rauchender Angler an der Uferpromenade, Boule spielende Männer im Park, ein Junge, der sich in angespannter Begeisterung neben seiner Mutter darauf vorbereitet, Segelboote im Grand Bassin Rond fahren zu lassen. Auf den meisten Bildern sieht man Menschen; nur einige wenige zeigen allein Gebäude oder Parkansichten. Ohlbaum nennt in ihrer Rede Robert Doisneau, der sie damals als Fotograf beeindruckt hat, und man darf vielleicht vermuten, dass die eigenen Fotos diese Vorbilder im Hinterkopf haben. Ohne gestellt zu wirken, passen sie einen perfekten Augenblick ab, der zugleich den angedeuteten Mythos Paris in einem größeren Rahmen aufscheinen lässt.

Zentrales Motiv ist schon hier die Kunst. Es wird gezeichnet und gemalt, die Literatur tritt in Form einer Buchhandlung sowie der Auslagen der Bouquinistes an der Seine in Erscheinung und mit dem Porträt eines Scherenschnittkünstlers scheint ein Vorverweis auf das zukünftige Betätigungsfeld Ohlbaums auf. Bekannt wurde die Münchner Fotografin für ihre Bilder von Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Es gibt kaum eine relevante deutschsprachige Literaturgröße, die sie nicht abgelichtet hat – und das oftmals bei mehreren Gelegenheiten. Hinzu kommen Porträts von Literaturschaffenden aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland, darunter auch so große Namen wie Jorge Luis Borges. Fast jeder, der sich für Literatur und die Personen dahinter interessiert, dürfte schon einmal einer Porträtaufnahme von Ohlbaum begegnet sein. In besonderer Weise ist aber sicherlich die Welt der französischen Literatur von biographischer Bedeutung.

Als ersten Autoren französischer Sprache hat Ohlbaum 1974 den exilrumänischen Dramatiker Eugène Ionesco abgelichtet. Im Bildband folgen Nathalie Sarraute, Julien Green und Claude Simon. München bot mit der Autorenbuchhandlung und anderen kulturellen Anlaufpunkten wie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste eine gute Basis, um Literaturschaffende vor die Linse zu bekommen. Aber auch andernorts fotografiert Ohlbaum. In Paris trifft sie Marguerite Duras, Yves Bonnefoy und wohl auch Alain Robbe-Grillet. Den Lyriker Philippe Jaccottet hat sie unter anderem auf Schloss Duino fotografiert. Für alle angeführten Persönlichkeiten der französischen Literatur hält die Fotografin im Bildband einige persönliche Erinnerungen parat, die ihre Porträtaufnahmen begleiten.

Der deutsch-französische Autor Joseph Breitbach, mit dem Buch und Rede schließen, erhält schon dadurch eine Sonderstellung, dass er im Titel auftaucht. Als verbindende literarische Figur hat er sich um verbesserte Beziehungen zwischen den beiden Nachbarländern verdient gemacht. Breitbach hat seine deutsche Staatsbürgerschaft 1937 abgelegt, um stattdessen die französische zu erhalten, was nach 1945 auch geschah. Er schrieb dann einige Jahre unter Pseudonym für die ZEIT, gelangte an der Börse zu einem Vermögen und lebte schließlich in München und Paris. Durch die örtliche, aber wohl auch eine geistige Nähe ergibt sich eine Beziehung zu Ohlbaum, die 1978 Bilder von ihm schießt, dann über die Jahre häufiger bei ihm zu Gast ist. Mit Breitbach schließt sich zudem ein weiterer Kreis: Als Wilhelm Hausenstein von Konrad Adenauer zunächst als Generalkonsul und später als Botschafter in Frankreich eingesetzt wurde, war Joseph Breitbach bereits vor Ort und hat den Start dort wohl unterstützt.

Wenn man die verbindende Macht der Kunst anführt, wird die Fotografie manchmal neben Malerei, Film, Musik und Literatur ein wenig übersehen. Zu Unrecht allerdings, wie dieser Bildband von Isolde Ohlbaum zeigt. Denn natürlich sind es auch die unbewegten Bilder, die einem Leben und Kultur anderer Länder näherbringen. Das gilt nicht nur für Reisefotos in Zeitschriften, sondern auch für die kunstvollen Stadteindrücke von Paris und die Porträtaufnahmen aus der französischen Literaturwelt. Wilhelm Hausensteins eigener Frankreich-Bezug steht als eine wichtige Gemeinsamkeit bei der Rede Ohlbaums im Vordergrund, auch wenn beide nicht darauf beschränkt werden können. Dennoch verbindet er Namensgeber und Preisträgerin, so dass diese Fokussierung gelungen ist. Die gewählten Bilder vermitteln ein Gefühl von der Freiheit in Paris und mit den Porträtaufnahmen stellt Ohlbaum zugleich einen thematischen Ausschnitt ihrer eigenen Kunst vor. Selten war eine Dankesrede sehenswerter.

Kein Bild

Isolde Ohlbaum: ‚Anderswo atmet man, hier lebt man‘. über meine Pariser Zeit, Wilhelm Hausenstein, Joseph Breitbach und französische Literatur / Erinnerungen und Photos.
Edition Isele, Eggingen 2025.
72 Seiten , 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783861426790

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