Zeitreise zu den verpassten Chancen

Shiori Ôtas Version eines magischen Orts bedient einmal mehr den Wunsch nach reversibler Vergangenheit und positiver Zukunft

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass man aktuell auf dem Buchmarkt zahlreiche Titel vorfindet, die die Begegnung von Protagonisten mit speziellen Orten beschreiben, an denen sie wertvolle Einsichten für eine Rejustierung ihres Lebens gewinnen, ist auffällig. Die Bände sind nicht selten Übersetzungen aus dem Japanischen, und bei den schicksalhaften Lokalitäten handelt es sich um Bibliotheken, Buchhandlungen, Antiquariate oder eben um versteckte Restaurants, Cafés und andere kleine Läden. Begegnungen mit diesen beschaulichen Enklaven der Selbstfindung und des Trosts (Stichwort iyashi) fallen im jeweiligen Erzählrahmen eher realistisch aus oder sind ganz durch fantastische Momente geprägt. In der Werbeprosa ist meist die Rede von Texten voller Weisheit und Herzenswärme, die Leser und Leserinnen in eine Sphäre jenseits des kräftezehrenden Alltags zu entführen vermögen – dorthin, wo man noch auf Menschlichkeit, Mitgefühl und Hoffnung trifft.

Die bibliotherapeutische Rückzugswelle mag in Japan mit Satoshi Yagisawas 2010 publiziertem Roman Die Tage in der Buchhandlung Morisaki (dt. 2023) und Toshikazu Kawaguchis im Jahr 2015 veröffentlichtem Werk Bevor der Kaffee kalt wird eingesetzt haben; die deutsche Übersetzung des ersten Bands der Serie erschien 2022 in der Knaur-Reihe „Leben“. Shiori Ôtas Das kleine Café der zweiten Chancen (2024; jap. Majo no iru kôhiten to 4-pun 33-byô no taimu toraberu, 2023), auf Amazon den thematischen Kategorien Metaphysical and Visionary Fiction sowie Family Life Fiction zugeordnet, wurde ebenfalls bei Droemer Knaur verlegt.

Ôtas Heißgetränkoase „Tacet“

Schauplatz der Handlung im Café der zweiten Chancen ist eine Kaffee- und Teestube in Nordjapan. Von der Erzählerin Himari werden von der „ersten“ bis zur „vierten Tasse“ vier Sequenzen berichtet, in denen – dem populären Genre Beratungsroman gemäß – verschiedene Menschen unterschiedlicher Altersgruppen bei einer Tasse heißen Kaffees zu einem entscheidenden Augenblick ihrer Vergangenheit zurückkehren. Die knapp über viereinhalb Minuten langen magischen Momente sind offenbar das Werk der Barista Hayari. Solange der Kaffee seine Hitze speichert, haben die Kunden Gelegenheit, die Dinge zum Günstigeren zu wenden und eine bessere Zukunft zu gestalten.

Himari selbst ist eine Schülerin mit erschüttertem Selbstvertrauen: Sie muss einen Unfall, die Scheidung der Eltern und den Umzug ihrer kleinen Familie verarbeiten, während sie sich dem Erwartungsdruck der egoistischen, fordernden Mutter ausgesetzt sieht. Schließlich erfährt sie, dass sie über ähnliche Fähigkeiten wie Hayari verfügt, deren Lehrling sie als Zeithüterin (Michael Ende war hier Vorbild) sozusagen wird, wenn sie an der Seite der Inhaberin des Tacet u. a. die Fälle des Herrn Kobayashi und der übellaunigen Yukie begleitet. Kobayashi empfindet Reue im Hinblick auf seine gestorbene Frau, der er seine Gefühle nie richtig mitteilen konnte. Yukie zeigt sich verbittert, weil sie, wie sie denkt, das Schicksal um das ihr zustehende Glück betrogen hat.

Magische Orte, reihenweise

Angesichts einer derartigen Fülle von einschlägigen Texten auf dem Buchmarkt, die alle nach dem gleichen Strickmuster unter den Labels Magischer Roman, Mental Health, Achtsamkeit, Healing Novel, Lebensphilosophie und Selbstliebe zusammengestellt sind, fragt man sich, wie lange sich dieser Trend noch halten wird. Bislang scheint die Vorliebe für Angebote aus den Zauberräumen der Kreativindustrie ungebrochen. Die schöne Vorstellung, durch einen von einem ebenso hilfreichen wie kompetenten Team organisierten Zeitsprung die Vergangenheit umzuwandeln und eine deutlich hellere Zukunft herbeizuführen, entspricht offensichtlich dem dringenden Bedürfnis des frühen 21. Jahrhunderts: Man lässt die eigene Wirklichkeit nur allzu gerne hinter sich, um sich der Illusion geschenkter Chancen hinzugeben.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Shiori Ôta: Das kleine Café der zweiten Chancen. Roman.
Aus dem Japanischen von Anemone Bauer.
Droemersche Verlagsanstalt, München 2024.
240 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783426561676

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