Schwefelwasser und Stolperfalle

Die schwerkranke Abi Palmer schildert Behandlungen und außerkörperliche Erfahrungen in einem Budapester „Sanatorium“

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein ungewöhnliches Stipendium bekommt die britische Autorin Abi Palmer im Jahre 2017 vom britischen „Arts Council“. Die von Geburt an schwerbehinderte junge Frau – unter anderem an entzündlicher Arthritis, Bindegewebsstörung und Morbus Crohn leidend – soll sich einer vierwöchigen Behandlung in einem luxuriösen Thermalbad in Budapest unterziehen und über ihre dortigen Erfahrungen und Erlebnisse schreiben.

Aus dem Schreiben wird erst einmal nichts. Abi Palmer kann keinen Stift halten – Körper und Geist sind durch Krankheiten, Heilwasser, Übungen und Massagen übermäßig beansprucht. So entstehen zunächst Videotagebücher. Später gehen deren Inhalte in ein Buch ein, das neben der Therapie in Budapest auch die anschließende „Selbstbehandlung“ in London sowie Jugenderinnerungen und außerkörperliche Erfahrungen schildert.

Die Hydrotherapie erzeugt bei der Patientin trotz teils forscher Therapeutinnen und stinkenden Schwefelwassers einen traumhaften Zustand zwischen schmerzvoller Schwerkraftwelt und Angst vor dem Vergehen im Äther. Die chronisch Kranke muss es lernen, auf den immer wieder neue Regeln aufstellenden eigenen Körper zu hören, statt auf die Ratschläge von Leuten, die sie nur danach beurteilen, wie gut sie laufen kann.

Abi Palmer berichtet auch von außerkörperlichen Erfahrungen, die sie erstmals mit 15 Jahren erlebte, als sie am Tag nach ihrer Entjungferung knapp einen Meter über ihrem eigenen Körper schwebte. Auch das Schweben im Wasser eröffnet ihr eine Welt erleichterter Bewegung, aus der sie jedoch „immer wieder an einen wasserlosen Ort zurückkehren muss.“ Mehrfach kommt es zu mystischen Annäherungen an die Heilige Teresa von Ávila, „die immerfort zum Himmel geschwebt wäre, hätten sich nicht Nonnen auf ihren Bauch gesetzt.“ Dazu passen schlichte Zeichnungen im Buch, die eine Frau in Yogapositionen zeigen.

Aus alledem ist eine faszinierende Lektüre entstanden. Das ist weniger der nichtlinearen Erzählweise als dem trotz der ernsten Thematik oft spielerischen Ton und dem Kontrast zwischen poetischer Überhöhung und drastischer Selbstdarstellung zu verdanken. Unverblümt schreibt die Autorin über ihre Sexualität. Sie ist „queer“, verfasst aber nach eigenem Bekunden ein bisexuelles Buch. Ihr männlicher Partner stammt aus Ostdeutschland und erhält das Pseudonym Hans, weil er, ständiger Observation zu DDR-Zeiten überdrüssig, nicht auch noch zwischen Buchdeckeln beobachtet werden will.

In den gespenstisch langen Korridoren des Budapester Luxushotels, in dem Abi Palmer zwischen den Behandlungen wohnt, begegnet sie nicht nur realen Kurgästen, die knapp, aber prall geschildert werden, sondern auch Schattengestalten aus früherer Zeit, als dort ein Lazarett untergebracht war. Isoliert und ohne Fluchtmöglichkeit, empfindet sie laut einem Interview die Annäherungsversuche eines Musikers im Speisesaal als Vergewaltigung und bezeichnet sie als Schlüsselszene des Buchs.

Zurück in ihrer engen Londoner Wohnung will sie mit Hydrotherapie in Eigenregie von den Schmerzmitteln loskommen. Sie kauft für 80 Pfund Sterling eine aufblasbare blaue Wanne, die zum Sinnbild der Behinderung wird: eine mitten im Raum stehende, die Luft verlierende und überlaufende Stolperfalle. Die Wanne kann sie sich leisten, eine Therapie in London nicht.
Das von Isolation handelnde Buch und seine Online-Präsentation im Jahre 2020 passten gut in die Zeit der coronabedingten Kontaktbeschränkungen. Ein Platz auf der Shortlist für den „Barbellion Prize“, der die literarische Darstellung von chronischer Krankheit und Behinderung würdigt, sorgte für öffentliche Aufmerksamkeit.

Bei der Übersetzung ins Deutsche ist ein Idealfall eingetreten. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerinnen Astrid Köhler und Henrike Schmidt sind mit dem Thema „Europäische Kurorte“ bestens vertraut. Sie haben das Buch ins Deutsche übertragen und mit einem kenntnisreichen und einfühlsamen Nachwort versehen, aus dem hier die erhellenden Begriffe „Anthropologie vom Beckenrand“, „autobiographischer Essay“ und „Schwebezustände“ zitiert seien.

Dieses Nachwort macht deutlich, wie die mustergültige Übersetzung gelang, die von den beiden Nachschöpferinnen bezüglich des wiederholten „Zurück auf Anfang“ im Text zu Recht als „minimalinvasiv“ bezeichnet wird. Im Wissen, dass „Weltliteratur“ ohne Übersetzungen undenkbar wäre, liest man mit Interesse, wie überlegt mit dem häufig vorkommenden englischen Begriff „to float“ („schweben“, aber auch „entspannt im Wasser liegen oder treiben“) und mit dem potentiellen Konflikt zwischen sprachlicher Stigmatisierung behinderter Menschen und dem Schönreden der Behinderung umgegangen wird. Von der streitbaren Sprache der Autorin wurden keine Abstriche gemacht, was uneingeschränkt zu begrüßen ist.

Abi Palmers Buchdebüt Sanatorium klingt lange nach als couragierter und gelungener Versuch, das Ringen einer schwerkranken Frau um Besserung ihres Zustands und ihre niemals weinerliche Achtsamkeit für den eigenen Körper auf hohem literarischem Niveau zu gestalten. Respektvoll nimmt man zur Kenntnis, wie die Autorin fernab von Wohlbefinden ihren klaren Blick auf das eigene Ich und die Umgebung richtet, was durch außerkörperliche Erfahrungen nicht konterkariert, sondern bereichert wird.

Titelbild

Abi Palmer: Sanatorium.
Aus dem britischen Englisch von Astrid Köhler und Henrike Schmidt.
INK Press, Zürich 2022.
224 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783906811178

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