Dichtung als Therapie?

Die Gedichte „An die Deutschen“ von Juliette Pary kommen mit fast achtzig Jahren Verspätung bei Adressaten an, die es heute nicht mehr gibt

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Mörder sind unter uns hieß ein Film von Wolfgang Staudte, der 1946 in die deutschen Kinos kam. Im gleichen Jahr erschien in Paris ein schmaler Gedichtband, adressiert an das Volk der Mörder und auf deutscher Sprache – damit die Gedichte von denen verstanden werden, die darin gemeint sind und direkt angesprochen werden. Hier wie dort eine Abrechnung mit den Mördern. Heute sind diese Mörder und ihre Helfer nicht mehr unter uns. Geblieben ist allerdings das, was die Verbrechen damals und noch jedes vorangegangene Pogrom in einer langen europäischen Geschichte antrieb – der Antisemitismus, der Judenhass.

Es wäre falsch, einen solchen Gedichtband gewissermaßen als historisch ‚erledigt‘ beiseite zu schieben. Genau so, wie es falsch wäre, von einer Geschichte auszugehen, die, feinsäuberlich verpackt, nichts mehr mit unserer Gegenwart zu tun hat. Sie ist eben keine separate Welt, die den Anschluss zum Heute verloren hat. Die Akte ‚Antisemitismus‘ ist nach wie vor genauso offen, wie die darin versammelten Fragen offengeblieben sind. Weshalb zutrifft, was Michel-Rolph Trouillot in Geschichte verschweigen mit Blick auf den Rassismus so formuliert: „Wir wissen auch, dass die Gegenwart selbst nicht klarer ist als die Vergangenheit.“

Nun haben die Gedichte für sich selbst eine Geschichte, wie die späte Entdeckung zeigt – und mit dieser stellt sich die nicht unberechtigte Frage: Wer war Juliette Pary? Dass diese Frage heute gestellt werden kann, ist Andreas F. Kelletat zu verdanken, dem literarischen Spurensucher und Herausgeber des kleinen Bandes. Und auch der ambitionierte persona verlag darf nicht unerwähnt bleiben: Mit der Veröffentlichung folgen Verlag wie Herausgeber dem Wunsch der Autorin, die Gedichte mögen bei den Adressierten ankommen – auch wenn es heute nur noch die Nachgeborenen sein können. Ein sehr hilfreiches Nachwort des Herausgebers vermittelt übrigens Wesentliches über die Lebensgeschichte der Autorin: unter anderem auch über ihre intensive Beziehung zur deutschen Literatur und die in den Gedichten nicht zu überhörenden Heine-Echos.

Der Name Juliette Pary ist das Pseudonym der 1903 in Odessa geborenen Schriftstellerin Julia Gourfinkel, die seit 1925 in Paris lebte und arbeitete und im Alter von nur 47 Jahren im schweizerischen Vevey 1950 verstarb. Der Gedichtband wiederum erschien 1946 unter einem weiteren Pseudonym, nämlich unter dem Namen Julia Renner. Die multilinguale Autorin arbeitete als Übersetzerin und schrieb Romane (auf Französisch). Einer davon, so wird kolportiert, soll dem Filmregisseur Ernst Lubitsch Anregungen für seinen Film „Ninotschka“ mit Greta Garbo in der Hauptrolle geliefert haben. Ihre Emigration kommentierte die Autorin so: „Hätte ich damals wenigstens einen Bolschewiken kennengelernt, der mir die Großartigkeit der Revolution erklärt hätte, wäre ich in Russland geblieben […]. Ich wäre eine Dichterin im Kielwasser von Majakowski geworden.“

Gourfinkel arbeitete schließlich für die gleiche zionistische Organisation Jugend-Aliyah, in der sich auch Hannah Arendt während ihrer Zeit als Emigrantin in Paris engagierte, um Kinder und Jugendliche zu retten und sie nach Palästina zu bringen. Im Sommer 1944 drangen Informationen über die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ in die Öffentlichkeit – womit sich ein Abgrund öffnete, den Hannah Arendt „die Fabrikation der Leichen“ nannte.

In einem Gedicht heißt es, Gourfinkel hätte lieber auf Russisch oder Französisch geschrieben, aber sich für Deutsch entschieden, um die Täter direkt anzusprechen. „ICH BIN eine rächend Judenstimme, / Die aus Euerem Mord erstehet. / Und ich spreche zu Euch in Eurem Deutsch, / Damit ihr mich gut verstehet.“

Die Sprache ist aus der Wut und dem Entsetzen entstanden, sie ist in ihren Beschreibungen und im Tonfall umweglos drastisch. Zugleich ist der Autorin der Widerspruch zwischen dem Medium der Lyrik und der im Grunde unsagbaren Wirklichkeit bewusst: „Mir wachsen Flügel weiß und weit – / Doch die Füße stecken im Dreck.“ Und als würde ihre Verehrung für die Literatur der Klassik gleichsam mitschreiben: „Aus der tiefsten Seelentief – / Und es wurde aus Finsternissen / Neugeboren Geistes-Licht!“ Das Entsetzen, die innere Zerrissenheit, auch als verlorene Illusionen, bringen bei Pary einen seltsam heroischen Ton hervor:„EURE SPRACHE, Mörder-Horden, / Ist mir liebste Sprache heut. / Jede andre ist fremd geworden; / Ich lebe und dichte deutsch.“

Auch gibt es irritierende Begegnungen in den Gedichten – hier tritt Heinrich Heine auf, dort der Revolutionär Saint-Just, ausgerechnet in einem mit Das Glück überschriebenen Gedicht – als ob er nicht zusammen mit Robespierre für die Parole ‚La Terreur à l’ordre du jour‘ stünde. An anderer Stelle spielt der Psychoanalytiker C. G. Jung eine Rolle.

Mehrere Stellen implizieren den Gedichten selbst in gewisser Weise eine psychoanalytische Komponente: „Hätt ich nicht die Dichtungs-Gabe, / Dann wäre ich jetzt verrückt. / Doch ich habe sie, und weil ich sie habe, / Fürcht ich nicht die Menschen-Stück.“, „Über mir walte / Ewiger Braus! / Die mich erwählet, / Bleibet im Zelt: / Dichtung und Seele, / Leben und Welt!“ oder „Zu krank ist mein Wesen … Doch hebt sich zur Wehr / Die Dichtung, und lässt sich nicht morden.“.

Der Zufall wollte es, dass kürzlich andere Gedichte einer auf Deutsch schreibenden Jüdin aufgetaucht sind. Sie stammen von Leokadia Justman, die 1944 in einem Innsbrucker Gestapo-Gefängnis schrieb. Justmann kam aus Polen. Ihr gelang die Flucht nach Innsbruck, wo sie zunächst zusammen mit ihrem Vater mit falschen Papieren leben konnte. Als die beiden enttarnt wurden, wurde der Vater in ein KZ verschleppt und erschlagen, während Leokadia Justman in jenes Gefängnis kam. Nach einem Bombenangriff gelang ihr die Flucht aus dem Gefängnis, wenig später emigrierte sie in die USA. Erhalten geblieben sind neben ihren autobiografischen Aufzeichnungen eben auch die erwähnten Gedichte. An der Universität Innsbruck gibt es zur Lebensgeschichte von Leokadia Justman ein Forschungsprojekt. Eines der Gedichte ist überschrieben mit Warum?:

Warum des Lebens Quelle / Erfüllt ist durch Gift der Wut, / Warum die irdische Hölle / Badet und schwimmt in Blut? // Warum ist das menschliche Wesen / Billiger heute als Brot? / Warum triumphieren die Bösen / Im Tanze mit Pest und Not?

Titelbild

Juliette Pary: An die Deutschen. Gedichte.
Persona Verlag, Mannheim 2025.
96 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783924652470

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