Porträt: Nora Iuga

Sexagenara și tânărul (2000) – Die Sechzigjährige und der junge Mann (2010)

Von Nicoleta EnciuRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nicoleta Enciu

Nora Iuga (1931 in Bukarest als Eleonora Almosnino geboren) ist eine rumänische Dichterin und Übersetzerin, die sich in ihrer Heimat nicht nur einen Namen als beste literarische Übersetzerin aus dem Deutschen gemacht hat, sondern vor allem als Grande Dame der rumänischen Poesie. Ihren ersten Roman Sexagenara și tânărul veröffentlichte die aus einer Künstlerfamilie stammende Schriftstellerin 2000 im Alter von 69 Jahren. Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung auf Rumänisch erschien Die Sechzigjährige und der junge Mann in der Übersetzung von Eva Ruth Wemme bei Matthes & Seitz im Rahmen des DAAD-Künstlerprogrammes. Anna, eine gestandene Schriftstellerin – eindeutig als Nora Iugas Alter Ego erkennbar – lässt in einem Quasi-Monolog ihr Leben, ihre Lieben, Freundschaften und sozialpolitische Ereignisse Revue passieren. Mal abwesend, mal interessiert hört ihr ein (imaginierter?) junger Mann zu. 

In Die Sechzigjährige und der junge Mann lassen sich zwei grundlegende Ebenen feststellen. Eine Aussage von Terry, Annas Jugendfreundin, ist in diesem Kontext besonders aufschlussreich: Auf die Frage, was sie am meisten auf der Welt liebe, gibt sie prompt eine Antwort: „Liebe machen und Schreiben!“ So betrifft die erste Ebene – die erotische – vor allem die Beziehung zwischen den beiden titelgebenden Figuren. Die Gegenüberstellung der unterschiedlichen Lebenszeiten macht den provokativen Titel Die Sechzigjährige und der junge Mann aus. Dieser erweist sich jedoch als irreführend, denn die Liebesgeschichte findet nicht manifest statt, sie vollzieht sich bloß in der Welt der Phantasie, als Fiktion. Dennoch ist eine Annäherung durch Worte und Geständnisse durchaus möglich: „Wenn wir redeten, hatten unsere Worte dasselbe Alter, sie liebten sich.“

Der junge Mann – nie bei seinem Namen genannt – ist ein angehender Schriftsteller, der die „Grande Dame“ besucht. Ist der junge Mann ein Verehrer? Sieht er durch die Beziehung zu der berühmten Schriftstellerin die Möglichkeit einer Förderung? Oder ist sein Beweggrund das allgemeine Interesse daran, wie sich die Genese der Poesie bzw. der Prosa vollzieht? Auf diese berechtigten Fragen gibt der Roman keine Antwort. Der junge Mann sitzt der sechzigjährigen Frau gegenüber und folgt dem Impuls der Erzählerin, die kunstvoll Erinnerungen aus ihrem Privatleben mit Details aus dem Literaturbetrieb ihres Heimatlandes sowie mit politischen Elementen verbindet. „Der grüne Blick“ des schweigenden jungen Mannes bringt die alternde Schriftstellerin zu offenen, ehrlichen und ungezwungenen Geständnissen. Doch scheinbar gibt sie mehr von sich preis, als sie wünscht. Immer wieder wird ihr das Peinliche an ihrer eigenen werbenden koketten und spielerischen Art schmerzvoll bewusst, so dass sie mit Selbstvorwürfen und Unsicherheiten zu kämpfen hat: „Ich warte, ohne genau zu wissen auf was, ich fühle, es ist eine unmögliche Sache, fast eine Monstrosität, vor der ich mich in Wirklichkeit ängstige. Ich komme mir lächerlich vor.“

Oft unterbricht die Erzählerin den Strom ihrer Erinnerungen und hält inne in dem Versuch, die Reaktion ihres Gegenübers zu durchblicken. „Der grüne Blick“ hört ihr jedoch schweigend zu, mal interessiert, mal gleichgültig: „wie ein Pistaziensorbet“, „wie ein sicheres Versprechen“, er „streichelt“ und er „peitscht“, er macht ihr „Hoffnungen“ und „spielt Versteck“ – doch wieviel davon ist Wirklichkeit und wieviel Einbildung? Obwohl der junge Mann während des ganzen Abends schweigt, handelt es sich um keinen Monolog, sondern um einen sogenannten Quasimonolog: Durch Blicke wird kommuniziert, es kommt zum Ausdruck, wofür ansonsten keine geeignete Sprache zu finden ist. Der Blick schafft eine gefährliche Nähe zwischen der erzählenden Protagonistin und ihrem jungen Zuhörer, er kann aber zugleich Abstand bedeuten. Die Augenkommunikation bestimmt den Gang des Erzählten: Anna revidiert eigene Äußerungen, auf die mit desinteressiertem Blick reagiert wird, oder, umgekehrt, führt ihre Geständnisse fort, wenn sie auf den neugierigen Blick ihres Zuhörers stößt. Die Sechzigjährige initiiert zwar den Blickkontakt, geleitet wird die Choreographie des Blickgeschehens aber von dem jungen Mann. Im Kontext ihrer Kommunikation treten sowohl Anna als auch ihr schweigender Zuhörer nicht nur in ihren gesellschaftlichen Rollen auf: als „Grande Dame“ der Poesie bzw. als angehender Schriftsteller, sondern vor allem als Frau und Mann. Der Blickkontakt ist im Grunde genommen die sublimierte Form des in der realen Welt unmöglichen Verhältnisses, denn das Einzige, was noch möglich bleibt, wird durch die pointierte Formulierung „mit den Augen Liebe machen“ zum Ausdruck gebracht. 

Die Anwesenheit des jungen Mannes ist als primäre Bedingung zum Anleiten des Erinnerungsstroms und dementsprechend des Erzählens aufzufassen. Die Protagonistin erzählt über ihr Leben und philosophiert über Themen wie künstlerische Schöpfung, Instinkt, Freiheit und selbstverständlich Liebe, nicht nur, um die Zuneigung ihres Zuhörers zu gewinnen, sondern auch, um sich ihrer Existenz zu vergewissern. Auf dieser Ebene entwickelt sich ein deutliches Machtverhältnis zwischen den beiden. Die stille Präsenz des jungen Mannes ist in einem gewissen Sinne überlebensnotwendig für die alternde Frau, denn Identität existiert nur durch das Verhältnis zum Anderen, zum zuhörenden Gegenüber. Die Anwesenheit des jungen Mannes ist das Einzige, was die sechzigjährige Protagonistin im Hier und Jetzt verankert, der einzige Bezug zu ihrer Jugend: „Du hörst mir so interessiert zu, es ist, als schenktest du mir deine Jugend.“ Das Erzählen, das mehr ein „Sich Erzählen“, ein „Sich Offenbaren“ ist, kann als Fluchtversuch vor dem näher rückenden Tod und der zwangsläufigen Akzeptanz des körperlichen Verfalls verstanden werden. Nicht zufällig wird erwähnt, dass es Herbst ist, eine „Jahreszeit der Fäulnis“. „Ich merke, wie sich der Tod in mir regt, ich will sprechen, will Lärm machen, will ihn vertreiben.“ Der junge Mann hat selbst als Fiktion die Übermacht über die erzählende Protagonistin, die ihn erschaffen hat. Sein Schweigen deutet einerseits darauf hin, dass er durchaus als reine Einbildung aufzufassen sei. Vielmehr aber ist seine Wortlosigkeit ein Zeichen des ungleichen Verhältnisses zwischen den beiden Figuren und zwischen der Jugend und dem Alter allgemein. Die Jugend verhält sich dem Alter gegenüber gleichgültig und überheblich.

Die Erzählerin stellt fest, dass Erotik und Sexualität einen maßgeblichen Einfluss auf ihr Leben hatten und noch immer ihre unterbewusste Handlungsmotivation darstellen. Die Erotik wirkt als treibende Kraft, die die Aufeinanderfolge des Erzählten zu bestimmen scheint. Sie ist der rote Faden, der nicht nur den ganzen Roman durchläuft, sondern auch das Gesamtwerk der Schriftstellerin. In der Ceausescu-Ära wurde diese Konstante ihres Schaffens als „Morbider Erotismus“ angeprangert, woraufhin sie acht Jahre lang keine Zeile mehr veröffentlichen durfte. Die erotische Thematik entfaltet sich übrigens nicht nur durch das durchaus deutlich thematisierte Begehren. Der Roman ist durchdrungen von einer erotischen Note, die mit dem Begriff der Poesie selbst gleichzusetzen ist. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Nora Iuga zu den Vertretern der sogenannten Quasiliteratur gezählt wird. Mit diesem Begriff wird eine lyrische Prosa gemeint, deren Ziel vor allem die Grenzauflösung zwischen den herkömmlichen Gattungen ist. In Die Sechzigjährige und der junge Mann sind die lyrischen Anfänge der Autorin deutlich erkennbar. In einer für das Verständnis des Textes zentralen metaliterarischen Ausschweifung wird auf die Unterscheidung zwischen den beiden Schreib- und Seinsformen eingegangen: Die Poesie wird dabei mit dem Instinkt, die Prosa mit dem Intellekt in Verbindung gebracht. Der Instinkt sei auch das, was im Vergleich zum Verstand fortwährt und dementsprechend im Alter bestehen bleibt. 

Die Erzählerin bringt die Jugend nicht mit einem gewissen Alter in Verbindung. Die tatsächlich letzte Lebensetappe beginnt dementsprechend nicht mit einem konkret festgelegten Alter, sondern mit dem Verfall in einen Lebenüberdruss, wie am Beispiel der alten Mutter der Erzählerin ersichtlich wird. Es lässt sich darauf schließen, dass das Leib-Seele Problem – das Missverhältnis zwischen dem übersprudelnd vitalen und lebensgierigen Bewusstsein und dem doch alternden Körper – ein wichtiges Thema für das Gesamtschaffen der Lyrikerin und Schriftstellerin Nora Iuga darstellt.

Durch die allgemeine erotisch anmutende Atmosphäre des Romans entsteht die Verbindung zwischen der ersten (erotischen) Ebene und der zweiten, die das Schreiben betrifft. Die Erzählerin thematisiert den Schreibprozess als integrativen Teil ihres Lebens, intrinsisch verbunden mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Werdegang nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Frau. An der Schnittstelle zwischen den beiden Ebenen ist die Freundschaft zwischen Anna und Tereza Kövary (Terry) angesiedelt. Die Freundschaft zwischen den beiden recht unterschiedlichen Frauen, die vor allem durch ihre Liebe zur Literatur verbunden sind, entsteht während des gemeinsamen Studiums der Germanistik. Bald zeigen sich Unterschiede, die schließlich zu einer Entfremdung führen. Terry schreibt Prosa, Anna schreibt Lyrik. Die gewinnorientierte Terry fügt sich bereitwillig dem System, um Karriere zu machen, und hat Erfolg im In- und Ausland. Während der Weg von Terry stets nach oben führt, wird Anna mit acht Jahren Publikationsverbot bestraft und mehrmals entlassen. Der Durchbruch lässt lange auf sich warten – sie kann und will sich nicht anpassen. Trotz der immerwährend unterschwelligen Rivalität und der Perioden der Distanzierung bleibt diese komplizierte Freundschaft ein Leben lang bestehen.

Anhand der Entwicklung dieser Beziehung zwischen den beiden Schriftstellerinnen, die jeweils unterschiedliche Wege gehen, lässt sich die Geschichte der rumänischen Literatur in den Jahren vor dem Ende der Diktatur ablesen. Das Panorama der rumänischen Literaturszene, die in diesem autobiographisch fundierten Roman entsteht, verknüpft Privates und Öffentliches und ermöglicht somit einen Blick hinter die Kulissen des rumänischen Literaturbetriebes jener Zeit. Man erfährt Details über die Arbeitsbedingungen bei den deutschsprachigen Zeitungen Neuer Weg sowie Volk und Kultur. Die Übersetzungstätigkeit der Autorin wird ebenfalls thematisiert: Nora Iuga hat Die Blechtrommel von Günter Grass übersetzt sowie Autorinnen wie Elfriede Jelinek, Ernst Jünger, Oskar Pastior, Paul Celan, Herta Müller und andere ins Rumänische übertragen. 2007 hat Nora Iuga den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland bekommen. Der Preis wurde von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. In der Begründung wird erwähnt, dass sie 

seit den achtziger Jahren zahlreiche Werke der deutschen Romantik und Gegenwartsliteratur vorbildlich übertragen und damit ins Bewusstsein der rumänischen Öffentlichkeit gerückt hat. [Die Akademie] ehrt die bedeutende Vermittlerin deutscher Kultur in Rumänien, einem Land, das sich allzu lange gegenüber der deutschen Kultur und seiner deutschsprachigen Minderheit abweisend verhalten hat.

Nicht unbeachtet bleibt in dem Roman die siebenbürgische Literatur: Autoren wie Franz Hodjak, Gerhard Csejka und Rolf Rossert werden porträtiert. Wie bereits zu sehen ist, werden die meisten Schriftstellerkollegen deutlich mit Namen erwähnt, in wenigen Fällen ist die Identität der dargestellten Schriftsteller nicht eindeutig. So ist auch die für den Text zentrale Figur von Tereza Kövary keiner real existierenden Person zuzuordnen. Die Erzählerin verweist darauf, dass es in Wirklichkeit eine Identität zwischen den beiden Figuren gäbe: Anna und Terry. Sie seien lediglich die unterschiedlichen Facetten derselben Person, die ein Janusgesicht trägt. So wird der interne Konflikt der Erzählerin – der Offenbarungswunsch einerseits und der Wunsch, sich als positive Figur zu inszenieren andererseits – nach außen übertragen. Diese Unvereinbarkeit von konträren Eigenschaften bildet dementsprechend den Konflikt bzw. die Spannung des ansonsten handlungsarmen Romans. Durch die Erschaffung der Figur Terry, die mit vorwiegend verwerflichen Eigenschaften (wie z.B. Skrupellosigkeit) versehen wird, gelingt es der Autorin, eine Art bedingte und dementsprechend nur vorgetäuschte Ehrlichkeit und Authentizität beizubehalten. Sie tastet sich vorsichtig an heikle Themen heran, die den Literaturbetrieb in der Ceausescu-Ära prägten, ohne sich dabei der offensichtlichen Gefahr auszusetzen, das Gesicht zu verlieren.   

Vielleicht gibt es uns eigentlich nur als zwei Hälften eines gemeinsamen Ganzen. Vielleicht rede ich eigentlich von mir, wenn ich von ihr rede, ich verpasse ihr mein verdorbenes Gesicht, um die ganze Wahrheit über mich sagen zu können, ohne mich bloßzustellen. Ich will, dass man das weiß, und gleichzeitig, dass es unerkannt bleibt. 

Des Weiteren streitet die Erzählerin die vermutete Identität zwischen sich und der Hauptfigur Anna ab und positioniert sich als Übermacht, die alle Figuren des Romans geschaffen hat bzw. sich mit jeder einzelnen Figur (einschließlich mit der männlichen Figur, dem Zuhörer) identifiziert. Dadurch leugnet die Erzählerin auch gleichzeitig jeglichen Bezug zwischen den von ihr erschaffenen Figuren und realen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Im Nachtrag distanziert sich die Erzählerin nochmals von dem bislang Dargestellten und betont wiederum die Trennlinie zwischen Fiktion und Wirklichkeit: „in dem augenblick, in dem man seine liebe in text verwandelt, verblasst die gelebte wirklichkeit […]“. In diesem Kontext sei erwähnt, dass Iuga zu den Oneiristen gezählt wird. Der Begriff „Oneirismus“ (aus dem Griechischen „oneiros“, „Traum“) betrifft Texte, in der die reale und die imaginäre Welt ineinanderfließen und nicht mehr eindeutig getrennt werden können. Betrachtet man den Roman in diesem Lichte, so wird die Frage danach, ob die männliche Figur Phantasieprodukt Annas oder in der Welt der Fiktion real existierende Figur ist, völlig belanglos. 

Was an der Schnittstelle zwischen Poesie und Prosa, Körperlichem und Seelischem, Privatem und Öffentlichem entsteht, ist ein Roman von außergewöhnlicher Originalität, der das Leben und die Liebe sowie die Erotik des Schreibens feiert. So wie es Anna formuliert: „Eine Liebeserklärung nach allen Regeln der Kunst.“

 

 

Literatur/Quellen: 

Iuga, Nora: Sexagenara și tânărul. Iași: Polirom, 2012. 

Iuga, Nora: Die Sechzigjährige und der junge Mann (übersetzt von Eva Ruth Wemme). Berlin: Matthes & Seitz, 2010.

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Friedrich-Gundolf-Preis 2007: URL: https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/friedrich-gundolf-preis/nora-iuga/urkundentext.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen