Oberschicht und Oberfläche

In Anthony Powells „Eine Frage der Erziehung“ geht die Welt nobel zugrunde

Von Wieland SchwanebeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Wieland Schwanebeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für das Wort „Geheimtipp“ sollte im Zusammenhang mit Anthony Powell allmählich eine Sperrklausel verhängt werden – als Geheimtipp hat man ihn, dessen zwölfbändiger Romanzyklus Ein Tanz zur Musik der Zeit seit 2015 in Deutschland sukzessive wieder aufgelegt wird, in so gut wie allen Feuilletons hartnäckig deklariert. Er mag es hierzulande nie in die vorderste Reihe der bekanntesten britischen Gegenwartsautoren geschafft haben – Powell starb 2000, kurz vor Anbruch einer Dekade weit modernerer und zudem imperialismuskritischer britischer Literatur-Nobelpreisträger wie V. S. Naipaul, Harold Pinter und Doris Lessing –, aber zumindest dürfte ihn inzwischen niemand mehr mit seinem eine Generation jüngeren Namensvetter verwechseln, dem Oscar-gekrönten Kostümdesigner Anthony Powell. Freilich haben beide ein ähnliches Geschäft betrieben und eine obsolete gesellschaftliche Schicht noch einmal in launige Schnurren beziehungsweise erlesene Gewänder gekleidet (Powell der Jüngere etwa mit seinen Arbeiten für die Agatha-Christie-Verfilmung Tod auf dem Nil), und wer sich heute auf den Schriftsteller Powell einlässt, muss auch hinnehmen, dass hier zwar mit reichlich Ironie, aber letztlich unverbrüchlicher Treue und Nostalgie einem gesellschaftlichen Ideal gehuldigt wird, das etwa im Werk des aktuellen Nobelpreisträgers Kazuo Ishiguro (Was vom Tage übrigblieb, 1989) aus gutem Grund nur noch im tragischen Abgesang auflebt.

Powell ist ein feiner Stilist mit wachem Verstand und großer Befähigung zur gewitzten, teils auch zu Herzen gehenden Karikatur – im Laufe des zwischen 1951 und 1975 erschienenen, ein halbes Jahrhundert im Leben des Protagonisten und Erzählers Nick Jenkins umfassenden Tanzes zur Musik der Zeit entsteht so eine imposante menschliche Komödie, die im ersten Band noch den Charakter vereinzelt herausgegriffener Schnappschüsse aus dem Familienalbum trägt. Ob man dem Zyklus über Eine Frage der Erziehung hinaus die Treue hält, entscheidet sich dabei weniger am Talent Powells als Erzähler und Unterhalter (dieses ist unbestritten), sondern darum, ob man sich die vom Autor konsequent durchgehaltene Erzählstimme des versnobten Eliteschul-Absolventen gefallen lässt, die zu gleichen Teilen nach Latein-Aufsatz, Einstecktüchlein und Konversationslexikon schmeckt. Kommentiert Nick Jenkins die ausgefallene Kleidung seines Mitschülers Widmerpool, dann klingt das so: „Ich habe den Eindruck, dass die ursprüngliche Abweichung vom Normalen bei diesem Mantel nur gering war und ihren Grund hatte in der Existenz oder dem Fehlen eines Gürtels im Rücken“, und die unterschiedlichen Lebensentwürfe seiner Freude Stringham und Templer inspirieren ihn zu der verklausulierten Einschätzung: „Zugleich machten diese beiden Methoden aber auch Änderungen einer Werteskala notwendig, die langsam in Bezug auf meine eigenen Grundsätze des Verhaltens in mir feste Formen anzunehmen begann.“ Ähnlich polarisierend dürfte die nimmermüde Bildungshuberei auf den Leser wirken, die noch die kleinste Beobachtung mit Fußnoten aus der kunsthistorischen Enzyklopädie anreichert. Die Beschreibung eines Freundes lässt Jenkins eine „Version von Veroneses Alexander“ heraufbeschwören, „der nach der Schlacht von Issus die Kinder des Darius empfängt“, und angesichts eines melancholisch stimmenden, wolkenverhangenen Horizonts schwadroniert Jenkins vom „Meerespalast für eine Variante einer jener Einschiffungsszenen von Claude Lorraine“ – wer kennt sie nicht?

So völlig ernst dürfte Powell das selbst nicht meinen, und seine konsequente Verwendung der Jenkins-Erzählerstimme ist natürlich von den Gesetzen der Perspektivität und Rollenprosa gedeckt, aber sie wächst sich über die volle Distanz des Romans gelegentlich zu einer veritablen Nervensäge aus. Wenn ein halbseniles, von John Gielgud oder Ralph Richardson gespieltes Faktotum des imperialen Hochadels in einem angestaubten Mitrate-Krimi so daherredet, mag man das mit einem Schmunzeln quittieren, aber über 250 Seiten nötigt Jenkins dem Publikum einige Kondition ab. Ab und zu wird man mit erzählerischen Kabinettstücken entlohnt. Powell schreibt eine wunderbare Tennisszene, die in eine Eskalation zwischen zwei nur scheinbar gleichmütigen Skandinaviern mündet, und da sitzt dann auch einmal Jenkinsʼ charakteristische Form des Understatement als Pointe: „Ich stimmte mit Widmerpool darin überein, dass er, in seiner Annahme, die Hysterie bilde keinen Teil des skandinavischen Temperaments, seine Meinung – um einen seiner Lieblingsausdrücke zu gebrauchen – auf unzureichende Daten gestützt hatte.“ Wenn Jenkins an einer anderen Stelle lernen muss, britische Reserviertheit zu wahren und dabei über die notwendige „Wahl zwischen Würde und unbefriedigter Neugier“ sinniert, hat das ebenso viel zu Herzen gehenden Witz wie der dem Vater von Templer in den Mund gelegte Satz, Universitäten seien eine bloße Verschwendung von Geld und Zeit, während „ein Büro der richtige Ort sei, um die Realitäten des Lebens kennenzulernen“. Es sind derlei mild kritische, letztlich aber meist affirmative Charakterskizzen und Anekdoten, die Powell am besten beherrscht, ohne dass er seinen um die eigene Bedeutung ringenden Hochwohlgeborenen jemals wirklich etwas Böses will, und wer bei aller Anglophilie ein wenig mehr kritische Schärfe wünscht, sollte zu Evelyn Waugh greifen, der ebenfalls von der oberflächenfixierten Welt der Oberschicht angezogen war, aber ohne dabei selbst oberflächlich zu werden.

Heinz Feldmann, der den kompletten Romanzyklus von Powell bereits in den 1980er Jahren ins Deutsche übertragen und ihn nun im Zuge seiner Wiederauflage behutsam überarbeitet hat, ist um seine Mammutaufgabe wahrlich nicht zu beneiden. Sein erhellendes Nachwort enthält einige Anmerkungen dazu, wie er sich ganz in den Dienst von Powells Tonfall stellt, in erster Linie die äußerst formalisierte, latinisierte Syntax der Vorlage zu treffen beabsichtigt und dabei mit Bedacht auch „Schwächen und Sprödigkeiten“ wahrt. Allerdings ist es gelegentlich ein wenig zu viel des Guten. Feldmanns Absage an jegliche Kontraktion (also konsequent „in dem“ und „von dem“ statt „im“ und „vom“) mag ebenso noch angehen wie der dem Englischen nachempfundene, wenn auch im Deutschen antiquiert anmutende vorangestellte Genitiv („meines Onkels Darstellung“), seine sehr am Englischen orientierte, im Deutschen eher ausbremsend wirkende Form der Kommasetzung („Sein Vater war, natürlich, nach Kenia abgeschoben worden“) oder die satzmittige Positionierung von Verben, die sich eigentlich nach dem Satzende sehnen, aber muss Widmerpool wirklich „in einer Umwelt von Paketen“ stehen? Muss Stringham behaupten, der Schulmeister Le Bas habe in der ganzen Stadt „Rechnungen gemacht“ (statt „Schulden“)? Muss man dem deutschen Publikum die sehr am englischen Idiom klebende Formulierung vom „Mann Freitag“ zumuten, weil Robinson Crusoes Gefährte im angloamerikanischen Sprachraum als „Man Friday“ bekannt ist? Feldmanns Übertragung macht einen Bückling vor der Vorlage, wie ihn sich Powells pedantischer Erzähler von den Domestiken erwartet, die noch ihren Platz kennen, und unter diesem Gesichtspunkt nimmt sie sich sehr adäquat aus.

Titelbild

Anthony Powell: Eine Frage der Erziehung. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Heinz Feldmann.
dtv Verlag, München 2017.
255 Seiten, 10,90 EUR.
ISBN-13: 9783423145947

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