Dichtung und Medizin in Goethes Denken

Über Wilhelm Meister und seine Ausbildung zum Wundarzt

Von Walter Müller-SeidelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Müller-Seidel

Bildung ist ohne Frage ein Schlüsselbegriff der Kultur um 1800, die wir als Weimarer Klassik bezeichnen. Es handelt sich um einen überaus folgenreichen Begriff, der in seiner Bedeutung über den Bereich der ,,schönen Künste“ weit hinausführt und die Wissenschaftsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts maßgeblich beeinflußt hat. Die Erneuerung der Universität, die mit der Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 eingeleitet wird, ist ohne die Bildungsidee der deutschen Klassik nicht zu denken. Bildung und das, was damit bezeichnet wird, erscheinen in dieser Kultur um 1800 noch unverstellt und unverfälscht, noch frei von jeder Instrumentalisierung, wie sie uns im späteren neunzehnten Jahrhundert begegnet – in einer Entwicklung, die den entschiedenen Widerspruch Nietzsches herausfordern wird. Bildung wird in der Kultur um 1800 noch nicht mit Erfolg, Gewinn oder Besitz in Verbindung gebracht; sie ist eine Idee, die nach dichterischer Darstellung verlangt, und als diese ist sie in den Roman der Klassik eingegangen, den wir als Bildungsroman bezeichnen. Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre[1] ist zum exemplarischen Text einer Gattung geworden, die sehr stark auf den Roman des neunzehnten Jahrhunderts gewirkt hat. So auch hat es Wilhelm Dilthey in seinem berühmten Buch Das Erlebnis und die Dichtung dargestellt. In dem Essay desselben Buches über Hölderlin hat er das Exemplarische dieser Bildungsgeschichten aufgezeigt: