Degeneration und Décadence

Thomas Manns Weg zum "Zauberberg"

Von Walter Müller-SeidelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Müller-Seidel

Am 8. November 1913 schreibt Thomas Mann – er ist inzwischen achtunddreißig Jahre alt – an seinen Bruder Heinrich aus seinem Landhaus in Bad Tölz einen erstaunlichen Brief. Er erkundigt sich nach dessen Roman Der Untertan und spricht dann von sich selbst, nicht sehr ermutigend. Es heißt hier:

Ich bin oft recht gemütskrank und zerquält. Der Sorgen sind zu viele: die bürgerlich-menschlichen und die geistigen [...], die immer drohende Erschöpfung, Skrupel, Müdigkeit, Zweifel, eine Wundheit und Schwäche, daß mich jeder Angriff bis auf den Grund erschüttert; dazu die Unfähigkeit, mich geistig und politisch eigentlich zu orientieren, wie Du es gekonnt hast; eine wachsende Sympathie mit dem Tode, mir tief eingeboren: mein ganzes Interesse galt immer dem Verfall, und das ist es wohl eigentlich, was mich hindert, mich für Fortschritt zu interessieren.[1]