Arztbilder im Wandel

Zum literarischen Werk Schnitzlers

Von Walter Müller-SeidelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Müller-Seidel

Vorgetragen am 3. November 1995

Der Zusammenhang der Dreyfus-Affäre im Paris des ausgehenden Jahrhunderts mit der Konstituierung der literarischen Moderne ist noch wenig erforscht. Die dieser Moderne eigentümliche Rechts­ und Justizkritik beginnt hier. Sie ist im literarischen Werk Heinrich Manns deutlich ausgeprägt, und als er 1915, mitten im Krieg gegen Frankreich, seinen Essay über Zola veröffentlicht, ist es weniger der fortschrittsbewußte Romancier oder der Theoretiker des „roman experimental“, sondern der Verfasser der Streitschrift „J‘accuse“, den er feiert.[1] Aber der feiernde Ton täuscht nicht darüber hinweg, daß ihm eine Empörung zugrunde liegt. Sie gilt den Verbrechen gegen Recht und Gesetz im Zusammenhang mit Fragen des Judentums und des Antisemitismus; in keiner europäischen Hauptstadt außer Paris fand der Streit um den französischen Hauptmann Dreyfus eine so leidenschaftliche Anteilnahme wie in Wien, der Hauptstadt der Donaumonarchie. Dafür sorgten Zeitungen wie die „Neue Freie Presse“, und der bis dahin wenig bekannte Theodor Herzl, der Verfasser der Broschüre „Der Judenstaat“, war in Paris einer ihrer Korrespondenten gewesen. Im Hinblick auf die erregte Anteilnahme, mit der man in Wien die Geschehnisse in Frankreich verfolgte, ist es sicher berechtigt, mit Egon Schwarz von Österreich als einem „Paradigma für gesamteuropäische Entwicklung“ zu sprechen, von einem „Kampfplatz sozialer Mächte, in deren Zusammenprall sich die Zukunft abzeichnet“.[2]In der Entwicklung der literarischen Moderne ist vor allem die von Zola ausgehende Justizkritik prägend geworden. Der Anwalt einer solchen Kritik in Wien heißt Karl Kraus. In demselben Jahr 1899, in dem der von Darwins Lehren herkommende Arzt und Biologe Ernst Haeckel die Lösbarkeit aller Welträtsel verkündet, beginnt das von ihm begründete Organ „Die Fackel“ zu erscheinen – in dem gleichen Jahr, in dem auch das zweibändige Werk „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ erscheint, das den damals in Wien lebenden Houston Stewart Chamberlain zum Verfasser hat, einen dezidierten Antisemiten, dem Karl Kraus – und das ist merkwürdig genug – gelegentlich Zutritt zu seiner Zeitschrift gewährt.[3] Sie selbst, gemeint ist die „Fackel“, steht nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit den Vorgängen in Frankreich. Gegenüber Dreyfus und dem gegen ihn angestrengten Prozeß verhält sich Kraus zurückhaltend: Er nimmt nicht Partei für die Dreyfusards, ohne deshalb mit den Anklägern eines Sinnes zu sein.[4] Daß aber die neuartige Justizkritik durch die eklatanten Rechtsverletzungen im Prozeß gegen Dreyfus indirekt auch Karl Kraus beeinflußt hat, ist dennoch anzunehmen. Doch geht seine umfassende Kulturkritik in Satire und Polemik über den Rechtsfall Dreyfus weit hinaus.[5] Nicht weniger ist die tradierte Moral, vor allem die Sexualmoral, ein Gegenstand seiner Rechts- und Justizkritik. Erhöhtes Interesse an allgemeiner Medizin, Psychiatrie wie forensischer Psychiatrie ist damit verbunden. Auch am literarischen Werk von Karl Kraus erweist sich, wie Medizin und Strafrecht als die aus moderner Literatur nicht wegzudenkenden Kontextbereiche aufeinander bezogen sind. Hier deutlicher als andernorts zeigt sich, ob man es mit Elementen humanen oder auch inhumanen Denkens zu tun hat.




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Der Beitrag gehört zu
Walter Müller-Seidel: Literatur und Medizin in Deutschland (2018)