Hartmut Rosshoffs Blick zurück

Ergänzende Bemerkungen

Von Ulrich HarschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Harsch

Augsburg, 12. Juni 2018

Liebe Frau Koloch,

der Beitrag von Hartmut Rosshoff hat mich sehr beeindruckt und zu den folgenden Zeilen veranlasst. Aber auch das stetige Fortschreiten Ihres wichtigen Projekts ist ja ein schöner Erfolg.

Hartmut kam in Berlin relativ spät zur »alternative« und ich war seinerzeit schon in München. So vermute ich, dass wir uns wohl nicht persönlich kennenlernten. Aber ich erinnere mich, dass Hildegard Brenner mir sehr erfreut über ihn berichtete und in ihm wohl so etwas wie einen Hoffnungsträger der jungen Generation sah. Hat er noch Kontakt zu ihr?

In seinem Beitrag und in seiner Sicht der Dinge sehe ich viel Gemeinsames, wenn auch aus anderer Perspektive. Dazu gehört kurioserweise die Bibliothek im Amerika-Haus an der Hardenbergstraße unweit des Bahnhofs Zoo; auch für mich zu Beginn der 60er-Jahre ein wichtiger Ankerpunkt.

Ich will im Folgenden Hartmuts Bemerkungen zu der im Rückblick ungeheuer lebendigen Berliner Szene aus meinem Erleben erweitern und im Anschluss daran auch noch auf das Münchner Umfeld eingehen, in dem ich ab 1965 zuhause war und in dem zeitgleich auch Marie Luise Gansberg und Paul-Gerhard Völker lebten.

Wir waren nach dem Krieg ausgehungert nach all dem Neuen, was in den Nazijahren außerhalb Deutschlands passiert war und von dem einen Eltern und Lehrer ‒ auch nach dem Krieg ‒ fernzuhalten versuchten. Ich denke, der Hauptgrund für unser damaliges Engagement war gerade dieses problematische Verhältnis zu unseren Eltern.

Wir Vorkriegskinder wurden in der Schule noch im Geiste der NS-Zeit erzogen. Die Bösen waren die, die Bomben abgeworfen und unsere tapferen Soldaten bekriegt hatten, so haben wir Kinder das gesehen. Auch nach dem Krieg waren ja oft noch die gleichen Lehrer tätig. Das spiegelte sich im Unterricht: Rilke und Bergengruen ja, Kafka oder Brecht Fehlanzeige.

Erst sehr viel später haben einige unserer Generation die Eltern unter Gewissensbissen zur Rede gestellt und gefragt: Warum habt ihr immer wieder Hitler gewählt und ihn umjubelt? Für uns selbst wurde das zum schrecklichen Zwiespalt: Unsere geliebten Eltern, Vorbild und Wertmaßstab, haben sich meist anstandslos dem Regime unterworfen. Auch mein Vater war Lehrer und da schien es unumgänglich und wie ein auferlegter Zwang, sich dem Regime zu beugen. Es wäre interessant zu wissen, inwieweit der Großonkel von Gansberg als Lehrer auch davon betroffen war und ob es in Marie-Luises Verhältnis zu ihm in dieser Hinsicht vielleicht doch auch Fragen oder gar Auseinandersetzungen gab.

Doch zurück zum Berlin der 60er-Jahre.

Ich war im Frühjahr 1961 nach West-Berlin gekommen und hatte ein Studium an der Hochschule der bildenden Künste am Steinplatz begonnen, wo man seinerzeit auf dem Flur noch dem alten Karl Schmidt-Rottluff, einem der führenden expressionistischen Maler, begegnen konnte.

Aus meiner Stuttgarter Studienzeit war mir neben dem rebellischen Max Bense, Philosophieprofessor an der TH und Mentor der Hochschule für Gestaltung in Ulm, auch schon der SDS bekannt. In diesen bin ich dann in Berlin eingetreten; zu diesem Zeitpunkt hatte ihn ja gerade die SPD verstoßen. So stand ich 1961 ziemlich ängstlich zum ersten Mal mit einer kleinen Gruppe auf dem Ku’damm, mit umgehängtem Sandwich gegen Kennedys Invasion in Kuba. Bereits ein Jahr später war ich mit einer SDS-Delegation auf Einladung des tschechoslowakischen Jugendverbandes CSM in Prag. Dort hatten wir mit den einigermaßen überraschten Funktionären heftige Auseinandersetzungen über die Politik der Sowjetunion und den Mauerbau. Der „Prager Frühling“ war noch fern und über der Stadt thronte Stalin als Kolossalstatue.

Parallel zu der von Hartmut erwähnten Veranstaltungsreihe „Literatur im technischen Zeitalter“ von Walter Höllerer in der stets überfüllten Berliner Kongresshalle organisierte Prof. Stuckenschmidt von der TU die Reihe „Musik im technischen Zeitalter“, mit Nono, Cage, Ligeti, Stockhausen, Xenakis als Teilnehmern. Und dann die Filmbühne am Steinplatz, wo man u. a. die deutschen Stummfilme der 20er-Jahre, die frühen Sowjetfilme und die des italienischen Neorealismus sehen konnte.

Besonders gut erinnere ich mich an die Berliner Filmfestspiele des Jahres 1962, bei denen John Hustons berühmter Freud-Film uraufgeführt wurde. Der stilbildende Filmregisseur erläuterte sein neuestes Werk eingehend in einer vom SDS organisierten Veranstaltung an der FU. Neben Walter Benjamin, den Vertretern der Frankfurter Schule (Adorno, Horkheimer) und Herbert Marcuse war auch Sigmund Freud in diesen Jahren in West und Ost eine eher unerwünschte Person.

Ein wichtiger Bezugspunkt in politischer Hinsicht war das Otto-Suhr-Institut an der FU mit Ossip K. Flechtheim, Johannes Agnoli, Ekkehart Krippendorff und Hans-Joachim Lieber, der 1962 mit seiner Marx-Ausgabe die Marx’schen Frühschriften wieder allgemein verfügbar machte. In der DDR waren sie sozusagen materia non grata, für die unorthodoxe Linke dagegen eine unglaubliche Entdeckung, die man sich fast gierig einverleibte und diskutierte. In der Folgezeit wurden auch andere wichtige und von der Orthodoxie unterdrückte marxistische Texte (die Vertreter der Frankfurter Schule, Rosa Luxemburg, Lukács, Reich, Korsch, Bloch) meist als Raubdrucke zugänglich gemacht.

Man hatte auch Kontakte in die DDR: der Lyrikabend vom 11. Dezember 1962 mit Sarah Kirsch, Wolf Biermann u. a. (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Lyrikabend_am_11._Dezember_1962) oder am Theater am Schiffbauerdamm Helene Weigel als Mutter Courage. Für diese Zeit zu erwähnen wäre neben der »alternative« auch die Zeitschrift »Das Argument«, die bis heute von Wolfgang Fritz Haug und Frigga Haug herausgegeben wird.

Vielleicht drückt diese Jahre am besten der Text eines Plakates aus, das ich 1962 für den SDS-Bundesvorstand gestaltete: „Information, Analyse, Kritik. Neue Wege. SDS Sozialistischer Deutscher Studentenbund“. (Leider wurden damals – wie die Abbildung zeigt – in der Setzerei die Holzlettern der 2. und 3. Zeile vertauscht.)

 

Im Frühjahr 1965 wechselte ich nach München über, wo ich als Editorial Designer bei einer eher rechtsgerichteten Münchner Illustrierten und als Betriebsrat tätig war. Die »alternative« betreute ich grafisch aber weiter. Allerdings hatte ich nun nur noch mit Hildegard Brenner Kontakt sowie mit Hans-Peter Gente (Merve-Verlag), der zeitweise der Redaktion angehörte. Marie Luise Gansberg und Paul-Gerhard Völker waren mir aus dem SDS bekannt, jedoch hatte ich keine engere Beziehung zu ihnen.

Ich selbst war in München in einer rätesozialistischen Gruppierung aktiv, der unter anderem Dieter Kunzelmann, der Soziologe Jürgen Hofmann und der Historiker Lutz Ziegenbalg angehörten. Sie war von zwei Gewerkschaftern gegründet worden: Rudolf Gramke und Hans-Werner Saß. Angesichts des Vietnamkriegs und der Niederschlagung von Aufstandsbewegungen in den ehemaligen Kolonien beschäftigten wir uns in zunehmendem Maße mit der Frage, wie die Linke in den „Metropolen“ die unterdrückten Völker in Asien, Afrika und Lateinamerika unterstützen sollte. In diesem Zusammenhang ist das von mir gestaltete untenstehende Plakat entstanden. Es wurde in der Nacht des 4. Februar 1966 in München und Berlin geklebt. Dabei sind in Berlin vier Mitglieder des SDS verhaftet worden.

Mit den Vorgängen an der Münchner LMU war ich nur indirekt konfrontiert, aber es gab dort wichtige Bezugspersonen, etwa den Ökonomen Elmar Altvater, den Zeitungswissenschaftler Peter Glotz und den Soziologen Horst Holzer. So war z. B. die Vortragsreihe des SDS im Wintersemester 1966/67 im berühmten Hörsaal 147 ein Höhepunkt, an den ich mich noch relativ gut erinnern kann. Die Veranstaltungsreihe war von dem Altphilologen Rudolf Führer organisiert worden.

Was Hartmut über die Dominanz der DDR-orientierten Linken in Marburg berichtet, galt in gleichem Maße auch für München, mit dem Unterschied, dass es unter den Münchner Professoren keinen Marxisten gab, während an der Universität Marburg Wolfgang Abendroth lehrte. Wo Gansberg und Völker um 1968 politisch standen, erinnere ich nicht mehr genau. Völker würde ich eher in der orthodoxen Richtung verorten, da er dem Kreis um die Zeitschrift »Kürbiskern« mit dem Slawisten Friedrich Hitzer nahestand. Wie das Verhältnis von Gansberg speziell zu dieser Gruppe war, weiß ich leider nicht. Die Veranstaltungsreihe des SDS von 1966 zeigt ja noch die damalige Gemeinsamkeit zwischen den Orthodoxen und der Neuen Linken. Dies änderte sich erst mit dem Rauswurf Yaak Kasunkes als Chefredakteur des Kürbiskerns (vgl. z. B. den Spiegelartikel http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45922047.html) im Zusammenhang mit dem Einmarsch der Sowjettruppen in Prag 1968. Soweit ich sehe (Wikipedia), ist Yaak Kasunke noch unter den Lebenden und ich denke, er könnte für Sie interessant sein.

Kennzeichnend für München waren einige liberale Professoren, die ihre schützende Hand über das aufkeimende linke Pflänzchen hielten. Schon sehr früh der Philosoph Ernesto Grassi, der seinem Assistenten Günther Hillmann die Treue hielt, als dieser wegen seiner lang zurückliegenden Mitgliedschaft in der verbotenen FDJ zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt wurde (https://www.zeit.de/1964/21/wie-das-gesetz-es-befahl). Er war später Herausgeber einer Ausgabe der Marx’schen Frühschriften und anderer marxistischer Texte im Rowohlt-Verlag. Weiter wären noch zu nennen: die Ökonomen Erich Preiser und Eberhard Fels und der Soziologe Karl Martin Bolte, der sich sehr für den wegen einer Demonstration gegen die Militärdiktatur in Griechenland angeklagten Thomas Schmitz-Bender eingesetzt hatte.

Noch ein paar allgemeine Bemerkungen zu 1968. In diesem Jahr war meiner Ansicht nach die Bewegung bereits im Niedergang. Ich denke, die großen Zeiten waren die Jahre davor, als man sich intensiv mit den Marx’schen Frühschriften und dem Kommunistischen Manifest auseinandersetzte. Eine lebendige Diskussions- und Theoriekultur, das Prinzip Hoffnung. Marx’ erstaunliche Vorhersagen zur heutigen Globalisierung konnte man zu damaliger Zeit allenfalls erahnen. Diese Theoriekultur wurde dann mehr und mehr verdrängt durch die Bewegungen aus den USA, Hippies, Black Panther u. Ä. Auch die Massendemonstrationen haben die theoretische Durchdringung des Kapitalismus eher behindert. Auf dem Vietnamkongress 1966 in Frankfurt etwa wurden die Redebeiträge von Rudi Dutschke und Dieter Kunzelmann (beide damals Mitglieder der Viva-Maria-Gruppe) im Beisein Herbert Marcuses noch als phrasenhaft und unreflektiert ausgebuht. Doch das hatte sich dann bis 1968 rasant geändert. Zwar waren die Demonstrationen massenhaft, aber bei der Mehrheit war der Antrieb oft nur ein unbestimmtes Protestbedürfnis, ohne einen reflektierten Hintergrund. Mit der Kommune- und Hippie-Bewegung kam der kleinbürgerliche Rückzug in die Selbstverwirklichung. Die Medien nahmen sich der Sache auf ihre Weise an und die Zerstreuung begann: K-Gruppen, Kommunarden, Karrieristen. Radikalenerlass, Notstandsgesetze und Gerichtsprozesse hatten bei vielen zur Folge: Resignation und Rückzug, Isolation, Depressionen und Suizide. Ich kenne viele Schicksale, die denen von Gansberg sehr ähnlich sind. Aber trotz alledem, vielleicht haben unsere Funken, die eine Zeit lang glühten und dann erloschen sind, doch etwas bewirkt … und zu meinem Trost taucht Hartmut ja den Ertrag jener Jahre in sehr viel helleres Licht.

Seinen Abgesang aufs Jiddische will ich so nicht ganz teilen. Da sehe ich noch ein Leuchten und habe deshalb in meiner virtuellen Bibliothek eine jiddische Abteilung eingerichtet (http://www.hs-augsburg.de/~harsch/iiddica/Khronologye/y_khrono.html).

Ich bin gespannt auf den 15., wenn Ihre Seite freigeschaltet wird. Weiter viel Erfolg für Ihr Projekt und herzliche Grüße

Ulrich Harsch