3. Außer Kratzer nichts gewesen

Die Archäologen der Universität Marburg, die sofort eingeschaltet wurden, standen vor einem Dilemma. Die entdeckten Funde bestanden fast ausschließlich aus drei Komponenten: Glasscherben, Bruchstücken von Metall und bräunlichen Keramikplatten. Bei näherer chemischer Analyse stellte sich heraus, dass das Metall zum größten Teil Eisen war und die Keramikplatten enthielten Silikon und eine bisher unbekanntes chemisches Element. Und was für das Weitere sehr wichtig ist:Das Eisen war stark magnetisiert. Verwunderlich an diesen Funden war, dass ähnliche in der Gegend nie gemacht wurden, obwohl Ausgrabungen wie die mit der Entdeckung des Mikve Bades stattgefunden hatten. Es gab nur eine mögliche Erklärung für diese Merkwürdigkeit: Die jetzigen Ausgrabungen waren um wenigstens zehn Meter tiefer als die bisherigen in der Gegend; nicht umsonst hatte man das Grundstück als „Loch“ getauft. Diese Hypothese erwies sich tatsächlich nach einigen Wochen als richtig: Es gab in der Nähe des Loches eine Parkanlage, in der man auf einer kleinen Fläche Ausgrabungen bis zu der kritischen Tiefe machen konnte – in unmittelbarer Nähe des Loches war das nicht möglich, denn ringsherum waren bereits bebaute Parzellen und die Straße – und man fand da wirklich dieselben merkwürdigen Glasscherben, Metall- und Keramik-Bruchstücke.

„Mich wundern nach wie vor die Glasscherben. Wenn nicht diese, gäbe es eine einfache Erklärung für diese Funde“, meinte Professor Hübner, der Leiter der Archäologiegruppe, die sich mit den Ausgrabungen befasste, als ein Fernsehreporter ihn interviewte.

„Die wäre?“

„Es könnte sich vielleicht um einen Meteoriten handeln, der vor so langer, langer Zeit hier eingeschlagen ist, dass keine Aufzeichnungen davon Zeit existieren,. Die Größe mit einem Durchmesser von wenigstens dreihundert Metern – das ist der Abstand zwischen dem ursprünglichen Loch und der Parkanlage – und das magnetisierte Eisen passen ganz gut in dieses Bild.“

„Und die Tiefe?“

„Die große Tiefe ist in der Tat ungewöhnlich, aber man könnte sie eventuell durch das hohe Alter – erste Schätzungen deuten auf Jahrtausende – der Reste erklären. Sie wurden im Laufe der Zeit von Erdmassen, vielleicht vulkanischen Ursprunges, überdeckt.“

„Glas wurde niemals in Meteoriten gefunden?“

„Nein. Aber so tief hat man bis heute auf größeren Flächen nicht gegraben. Wir sind daher in Neuland.“

„Wie groß sind diese Glasscherben?“

„Etwa einige Millimeter groß, aber auch einige Millimeter dick. So konnten sie vermutlich ‚überleben‘.“

„Kann man auf ihnen nichts ‚lesen‘?“

„Bisher fand man nurbedeutungslose Kratzer, wenn man bei solch kleinen Dimensionen überhaupt von Kratzern reden kann.“

„Also‚ außer Kratzer nichts gewesen‘?“

„Wir sind erst am Anfang unserer Untersuchungen. In der Archäologie brauchen neue Erkenntnisse ihre Zeit.“

 

Aus dem Roman „Das Tagebuch eines Denkcomputers“ von Richard M. Weiner (Fortsetzung des 2014 erschienenen Romans „Aufstand der Denkcomputer“)